11.08.2019

Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis C

Lk 12,32-38

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das eben gehörte Evangelium spiegelt eine Problematik der Christen des 1. Jahrhunderts wider, die damals in der Tat den Christen Sorgen bereitete. Auch Paulus hat immer wieder darüber geschrieben. Es geht um die Überzeugung der Christen, dass Jesus als Weltenrichter und König noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde und die Erwählten heimführen würde. Diese Überzeugung war so tief verankert, dass deshalb auch viele Christen ein radikales Leben führten. „Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, droben im Himmel“, das sind solche Sätze der Radikalität, die gelebt werden kann, wenn man in der Gewissheit lebt, dass jeden Augenblick der Herr auf den Wolken wiederkommen wird. Aber je länger die Wiederkunft Christi auf sich warten ließ, um so mehr kamen Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, so radikal zu leben. Und in diese Situation hinein stellt sich das Evangelium vom heutigen Tag: „Legt euren Gürtel nicht und lasst eure Lampen brennen.“ Bleibt also bereit. „Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.“ Aber zurzeit der Abfassung des Lukas-Evangeliums schreiben wir ungefähr das Jahr 80 n. Chr. Es ist bereits eine ganze Generation an Christen gestorben, ohne dass der Herr kam. Und deshalb heißt es hier: „Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie“. Das Lukas-Evangelium vergleicht also die Situation damals mit den Nachtwachen. Und die können verdammt lang werden, besonders die Nachtwachen nach Mitternacht. Die Christen zurzeit des Lukas-Evangeliums leben also bereits – bildlich gesprochen – in der zweiten oder dritten Nachtwache und da ist viel Ausharren verlangt.

 

2. Aber was hat das mit uns Heutigen zu tun? Ich meine, wir wissen, dass die Erwartung der nahen Wiederkunft Christi sich als falsch herausgestellt hat. Aber ich glaube, dass der Text eine tiefe menschliche Wahrheit zum Ausdruck bringt.

 

3. Geht es uns im Leben nicht ähnlich? Ich meine: Je länger ein Leben währt, um so schwieriger kann es manchmal werden, am Glauben festzuhalten. Um im Bild des Evangeliums zu bleiben: in den zweiten oder dritten Nachtwachen des Lebens kann einen schon mal die Ausdauer verlassen, der Glaube abnehmen oder gar ganz an Plausibilität verlieren. Je länger ein Leben währt, um so mehr hat es oft Enttäuschungen hinter sich, Schicksalsschläge, Erfahrungen von Sinnlosigkeit und Bedeutungslosigkeit. Der Glaube, der in der ersten Nachtwache, also in jungen Jahren, noch frisch und lebendig war, droht in der zweiten oder dritten Nachtwache zu erlöschen. Da nutzt auch nichts zu sagen: Du musst mehr beten; du musst am Glauben festhalten und an Gott festhalten. Denn tief im Glaubensleben eines Menschen gehen Veränderungen vor sich, die nicht einfach durch Appelle wegbefohlen werden können. Was passiert da?

 

4. Die Erfahrungen eines längeren Lebens können es mit sich bringen, dass man sich die Frage stellt: Gibt es Gott wirklich? Angesichts der Erfahrungen von Leid, die man im Leben durchmachen musste, angesichts naturwissenschaftlicher Kenntnisse, die auf einem ein ganzes Leben lang einprasseln und Gott überflüssig zu machen scheinen, angesichts einer Gesellschaft, die einen nicht nur im Glauben nicht mehr trägt, sondern sogar den Glauben als Relikt vergangener Zeiten diskreditiert. „Gibt es Gott wirklich?“, mag man da fragen. Aber genauer besehen, muss die Frage anders lauten: Sie muss lauten: Gibt es den Gott wirklich, den ich mir bisher vorgestellt habe? Ist meine Vorstellung von Gott die richtige? Und da tut sich gerade in der „zweiten oder dritten Nachtwache“ des Lebens viel an Veränderung. Man wird vor Gott sprachloser; man macht die Erfahrung, dass Gott nicht fassbar ist und sich der Begreifbarkeit entzieht. Aber genau das verunsichert. Man denkt von sich, dass der Glaube verloren geht. Nein, es geht nur eine Gottesvorstellung verloren. Und wenn sich keine neue Gottesvorstellung einstellt, dann ist das schmerzhaft, weil es einem Gottesverlust gleich zu kommen scheint, aber dennoch ist es erstmal gut. Gott wird dann zum Rätsel, zur Lücke, zu einem Geheimnis, dem man ehrfürchtig begegnet. Das Schweigen und das nicht-Beten-können im Sinn von Sprechen vor Gott wird zum Merkmal dieses Glaubens. Der Mensch hört sogar auf, vor Gott irgendwelche Aktivitäten zu zeigen wie regelmäßiges Beten, Beichten, Anbetungen usw. Das Tun vor Gott fällt schwer. Weil man Gottes sowieso nicht habhaft werden kann. Aber etwas anderes kann sich einstellen. Etwas ganz Tiefes und Beglückendes. Das heutige Evangelium spricht auch davon:

 

5. „Er, der Herr, wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen“. Es ist die Erfahrung, dass alles umgekehrt ist. Mag ich in meinem Leben geglaubt haben, ich müsste Gott an den Tisch meines Lebens einladen, so mache ich dann die Erfahrung, dass er mich schon immer an den Tisch seines Lebens teilhaben lässt. Glaubte ich bisher, ich müsste mich gürten, um für ihn bereit zu sein, darf ich beglückend erfahren, dass er immer für mich da war und ist. Glaubte ich bisher, dass ich ihm dienen müsse, darf ich beglückend erfahren, dass er mich an seinem Tisch Platz nehmen lässt und mich bedient, also mir dient. Kurz: Meine eigenen Aktivitäten lassen nach, - äußerlich sieht es zum Verwechseln ähnlich einem Unglauben, der nichts mehr für Gott tut – aber eigentlich ist es die Einsicht, dass man für Gott nichts zu tun braucht, sondern er alles für mich tut und ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit bekommen kann.

 

6. Deswegen: „Selig, wen der Herr in der zweiten oder dritten Nachtwache wachen findet“, also selig, wer durch den Wandel seines Glaubens oder den Zusammenbruch seiner Gottesvorstellungen den unbegreiflichen Gott und den, der ganz anders ist, annehmen kann. Oder, wie es Karl Rahner gesagt hat: „Glauben heißt, sein Leben lang die Unbegreiflichkeit Gottes annehmen.“

Franz Langstein

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 18.00 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe