10.03.2019

Predigt am 1. Fastensonntag C19


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Sie erinnern sich vielleicht: Vor etwas mehr als einem Jahr gab es in der Kirche eine Diskussion darüber, ob man den die Vaterunser-Bitte beten könne: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Anlass der Diskussion war, dass die katholische Kirche in Frankreich diese Bitte geändert hat und nun betet: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Gut, ich erkenne da jetzt keinen allzu großen Unterschied, ob nun gut in die Versuchung führt oder ob er zulässt, dass jemand in Versuchung geführt wird. Richtig unglücklich wurde die Geschichte erst, als Papst Franziskus sich in diese Diskussion einschaltete und anmerkte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Dies sei "keine gute Übersetzung". Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. "Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan". Also selbst wenn man an die Existenz eines personalen Bösen namens Satan glauben würde, wäre diese Argumentation ziemlich daneben. Dann nach katholischer Lehre ist der Satan kein Gegenspieler Gottes. Er ist entmachtet und kann nur das tun, was Gott zulässt. Und damit haben wir das gleiche Problem wieder: Ob nun Gott selbst in Versuchung führt oder ob er zulässt, dass Satan ihn Versuchung führt – in beiden Fällen ist Gott verantwortlich.

Nein, wir kommen da wirklich nicht weiter. Und außerdem: der lateinische wie auch der griechische Text sind hier eindeutig: Jedes Mal steht hier „führe“ uns nicht in Versuchung. Wobei man vom griechischen Text her sagen müsste, dass das Wort peirasmos für „Versuchung“ in die Richtung geht wie Prüfung, Erprobung. Und außerdem: Brauchen wir den Satan, um zu erklären, warum der Mensch in Versuchungen gerät? Ist das nicht etwas zutiefst Menschliches?

 

2. Gehört nicht die Möglichkeit, versucht zu sein, zur Freiheit des Menschen dazu? Versuchungen sind doch geradezu ein Erweis menschlicher Freiheit. Mein Computer kann nicht versucht werden. Er ist festgelegt. Aber der Mensch: Er ist nicht festgelegt. Er hat Wahlfreiheit. Er kann entscheiden zwischen diesem oder jenem. Die Versuchung selbst also ist gar nichts Böses, sondern der Erweis menschlicher Freiheit, Größe und Würde. Es gehört zu meiner menschlichen Natur, dass ich immer wieder im Leben an einem Punkt komme, an dem sich der Weg gabelt, an dem ich mich entscheiden muss zwischen diesem oder jenem Weg. Und oft quält das den Menschen, da er nicht weiß, welcher Weg der richtige ist. Oder besser: Er weiß es vielleicht schon, hat aber nicht die Kraft, den richtigen Weg zu gehen; zu stark ist die Verlockung des anderen Weges. Und weil wir um unsere Schwäche wissen und weil wir wissen, wie sehr wir als freie entscheidende Menschen auch gefährdet, sind, uns für die falschen Dinge und Wege zu entscheiden,  und weil uns das quält, an solchen Wegmarkierungen zu stehen, wo sich auch ein Abgrund auftun kann, bitten wir Gott, er möge uns dorthin nicht führen. „Führe uns nicht in Versuchung“. Führe uns also nicht an den Abgrund unserer Schwachheit. Führe uns nicht in jene Situationen, an denen wir vielleicht blind und schwach einen verhängnisvollen Weg einschlagen. Es ist eine Bitte, die um die eigene Gefährdung und Schwachheit weiß. Es ist eine ganz realistische Bitte. Wie viel Menschen haben sich damals für Hitler entschieden und einen verhängnisvollen falschen Weg beschritten. Sie sind der Versuchung, ein starker Mann wird’s endlich richten, aus Blindheit erlegen.

   

3. Aber nehmen wir doch einfach mal das Beispiel der Versuchungen Jesu, wie sie uns heute im Evangelium geschildert werden. Jesus wurde vorher im Jordan von Johannes getauft. Hier erlebte er ganz tief, wer er vor Gott war: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“, so kam die Stimme vom Himmel. Jesus musste sich fragen: Was hat das für mein Leben für eine Bedeutung? Was heißt das für mich, geliebtes Kind Gottes zu sein? So zog er in die Wüste, das heißt in die Einsamkeit und Stille, um sich diesen Fragen zu stellen. Und dort in der Wüste stellt er sich diesen Entscheidungen, also diesen Versuchungen: Er könnte alle Reiche der Welt besitzen, wenn er den Teufel anbete, oder er könnte sich vor Gott allein niederwerfen und ihm dienen. Er könnte große Anerkennung bekommen; er müsse ja nur vom Tempel springen; die Engel würden ihn als Sohn Gottes schon auffangen. Der Applaus und die Massen wären ihm sicher. Oder aber er geht in Treue seinen Weg der Erniedrigung. Das sind ganz große existentielle Versuchungen: Wie gestalte ich mein Leben?

 

4. Und damit haben wir einen ganz wichtigen Punkt: Der Mensch als freies Wesen trägt Verantwortung für sein Leben. Zu diesem freien Wesen gehört dazu, dass er immer wieder in Versuchungen geführt wird. Und dabei wird er auch an seine inneren Abgründe geführt. Er wird geführt an die Möglichkeit, Falsches oder Böses zu tun. Aber diese Versuchungen laden mich ein, mich der Frage zu stellen: Wie will ich mein Leben gestalten? Versuchungen können Klärung bringen. Auch auf schmerzhafte Weise über Irrungen und Wirrungen Klärung bringen. Die Zeit in der Wüste war für Jesus eine entscheidende Zeit der Klärung, gerade weil er versucht wurde. Gestärkt verlässt er die Wüste und geht seinen Weg. Aber es war nicht die einzige Versuchung Jesu. Es sollten noch weitere folgen.  

 

5. Die Zeit der Versuchung, die Zeit der Entscheidungen sind nicht leichte Zeiten. Sie schmerzen, weil man nicht weiß, was richtig für einen ist. Und sie führen uns an die Grenzen und zeigen unsere Schwäche auf. Wir sind immer auch als Menschen gefährdet. Und deshalb bitten wir: „Und führe uns nicht in Versuchung“, trotzdem wissend, dass Gott uns in die Versuchung führt, weil er will, dass sich unsere Lebenswege immer tiefer klären und überzeugender werden.

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


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Freitag 18.30 h Heilige Messe