06.10.2019

Predigt zum 27. Sonntag C19

Lk 17,5-10

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir haben ja seit einem Jahr eine neue Übersetzung der verbindlichen lateinischen Bibel, der Vulgata. Und auch in den Sonntagstexten hören wir seit einem Jahr diese neue Übersetzung. Und es ist gut, dass gerade im heutigen Evangelium eine Stelle endlich richtig übersetzt wurde. Hören Sie mal, wie die alte Übersetzung dieser Stelle lautete: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: „Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer, er würde euch gehorchen.“.  – Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre. Ein stiller Vorwurf: Euer Glaube ist ja noch nicht einmal so groß wie ein Senfkorn. Er müsse größer werden. Die richtige Übersetzung, die Gott sei Dank nun auch Einzug gehalten hat in die Leseordnung, lautet: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum hier sagen…“ Da ist doch ein wichtiger Unterschied herauszuhören. In der alten Übersetzung ging es darum, dass der Glaube wohl noch nicht groß genug ist, - nicht einmal wie ein Senfkorn -, in der neuen Übersetzung geht es darum, dass der Glaube eben klein sein soll wie ein Senfkorn. „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn“. Und damit ändert sich alles. Was meine ich damit?

 

2. Früher konnte man einfach wunderbar predigen und sagen.  „Wenn Du Probleme hast, Sorgen oder Schwierigkeiten, dann kommen die daher, dass du noch nicht genügend Glauben hast. Dein Glaube ist noch nicht einmal so groß wie ein Senfkorn. Du musst mehr an Gott glauben, ganz fest ihm vertrauen. Glaube fester an Gott, er wird’s schon richten.“ Diese Sprache bewirkt nichts außer einem Klima illusionärer Erwartungen und phantastischer Hoffnungen und damit mächtiger Enttäuschungen. Diese Schriftstelle kann die falsche Hoffnung wecken, als ob mit der Größe des Glaubens alle Probleme gelöst werden können und als ob die Beseitigung von Schwierigkeiten eine Frage der Glaubensgröße wäre.

 

3. Aber nun heißt es richtig: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn.“ Also der Glaube soll nicht so groß sein wie ein Senfkorn, sondern so klein wie ein Senfkorn sein. Wie sollen wir das verstehen? Nun das Problem damals wie auch bei vielen heute ist, dass ihr Glaube zu „groß“ ist. Zu „groß“ heißt hier: Sie haben alles definiert. Sie wissen über Gott Bescheid, sie haben ganze Regale voller Bücher darüber, auf große Fragen haben sie einen Katechismus voller großer Antworten. Der Glaube ist groß und aufgebläht. Alles ist klar und festgelegt. Denen, die Probleme haben, sagen sie: „Du musst nur einen großen Glauben habe, dann wird dir geholfen“. Sie halten alle religiösen Regeln ein und sind von sich überzeugt, einen großen und starken Glauben zu haben.    „Wenn du krank bist, musst du Glauben haben, dann hilft dir Gott.“ „Wenn du immer auf Gott vertraust, kann dir nichts passieren“. Was ist, wenn aber doch was passiert? War dann wirklich der Glaube nicht groß genug? Oder ist es nicht vielmehr so, dass dieser besserwisserische Glaube demütig werden soll, aufhören soll, Gott zum Instrument eigenen Wohlbefindens zu machen, aufhören soll, Gott einzusperren in die eigenen Vorstellungen, endlich beginnen soll, Gott frei zu geben in seinem Handeln, dass dieser so große Glaube klein werden soll, bescheiden, demütig, aber damit vertrauend, nicht Bescheid wissend, rätselnd, tastend, fragend, suchend.

 

4. Wenn ich Jesus richtig verstanden habe, dann – glaube ich – will er auch sagen, dass Gott den kleinen Glauben liebt. Er spricht von den „geistlich Armen“, er hält sich gern bei den Menschen auf, die sich eher als Sünder fühlen. Und dann gibt es da die schöne Geschichte von dem Zöllern, der im Tempel ganz hinten steht. Und vorne steht ein Pharisäer. Und dieser rühmt sich seines großen Glaubens und sagt: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie der Zöllner dahinten. Ich bete, ich faste, ich gebe Almosen.“ Und der Zöllner hinten wagt kaum seine Augen zu erheben und sagt nur: „Sei mir armen Sünder gnädig“. Und Jesus sagt, dass genau dieser Zöllner gerechtfertigt nach Hause geht, nicht der Pharisäer. Ja, Gott scheint den Glauben mehr zu lieben, der fragend, zweifelnd, suchend daherkommt als den, der immer schon alles weiß.

 

5. Ja, und wenn du den Glauben hast so klein wie ein Senfkorn, dann könntest „du zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer, und er würde dir gehorchen“. Was für ein schönes Bild:  Die Enge des besserwisserischen Glaubens, der Gott keinen Spielraum lässt, der sich wie die Wurzeln eines Maulbeerfeigenbaums festklammert, wird in die Weite des grenzenlosen Ozeans geführt. Denn das große Meer, die Weite Gottes, ist die Heimat des Menschen, nicht die Enge mancher religiösen Eiferer.  

 

6. Deswegen sagt Jesus am Schluss: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte.“ Unser Glaube soll keinen Nutzen verfolgen, nach dem Motto: „Wenn mein Glaube groß genug ist, wird es mir immer gut gehen. Wenn ich glaube, bekomme ich den ewigen Lohn.“ Nein, der Glaube, und mag er wirklich klein sein, ist das Zeichen dafür, dass Gott geliebt wird. Liebe aber sucht den anderen, nicht den Nutzen. Auch die Gottesliebe: Sie meint Gott, nicht irgendeinen Zweck. Dieser kleine, bescheidene Glaube ist nichts anderes wie ein nicht weiter erklärbares Vertrauen, das eintaucht in die Weite und Tiefe Gottes, und Gott um seiner selbst willen liebt und Gott Gott sein lässt.

Franz Langstein

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