01.12.2019

Predigt zum 1. Advent A20

Lk 24,29-44

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Nun stehen wir wieder im Advent. Für mich ist die Adventszeit eine sehr schöne Zeit. Nicht allein wegen der Weihnachtsmärkte, Glühweine, Lichter in den Straßen, den dunklen stillen Abenden, sondern weil sie eine zutiefst menschliche Zeit ist. Die Adventszeit thematisiert etwas, was uns Menschen ganz und gar wesentlich ist. Ganz allgemein gesagt: Die Adventszeit thematisiert nämlich eine Verheißung, dass da noch etwas Zukünftiges aussteht, und diese Verheißung des Zukünftigen ruft in uns Menschen eine Erwartungshaltung hervor.  

 

2. Und genau deshalb ist die Adventszeit so eine menschliche Zeit. Denn der Mensch ist immer ein Mensch der Erwartung. Und seine Erwartung zielt auf das Künftige. Einem Kind wohnt die Verheißung inne, einmal groß und erwachsen zu sein. Ein Jugendlicher hat seine Erwartungen an das Leben schon eher reflektiert und hat Wünsche an seine Zukunft. Erwachsene haben auch Erwartungen, auf die sie hin arbeiten. Ja, Erwartungen sind für das Leben motivierend. Das und das möchte ich in meinem Leben noch umsetzen oder erleben und das motiviert mich. Das lässt mich sagen: Das Leben ist schön. Ich möchte noch so vieles erleben. Auf diese zutiefst menschliche Seite zielt der Advent. Er verheißt etwas Zukünftiges, das wir erwarten dürfen.

 

3. Diesen Gedanken möchte ich ein wenig nachgehen. Und dabei benutze ich eine Szene, die ich mal irgendwo gelesen habe: Auf einem Bahnhof tastet sich ein Blinder durch die Menge. Er ist daran zu erkennen, dass er mit seinen Blindenstock den Weg ertastet. Dabei macht er allerdings einen etwas hilflosen Eindruck, so dass er von einem Passanten angesprochen wird, ob er Hilfe brauche. „Ja“, sagte der Blinde, „ich suche einen Fahrkartenautomaten und bräuchte vielleicht auch Hilfe beim Ziehen der Fahrkarte.“ Der Passant bietet ihm sofort seine Hilfe an und sagt zu ihm: „Das ist gar kein Problem. Ich werde für Sie eine Fahrkarte ziehen, wenn Sie mir sagen, wohin die Reise gehen soll?“ Der Blinde sagt ihm den Zielort und gibt ihm das nötige Geld dafür. Der Passant sagt zu dem Blinden, dass er hier doch bitte warten möge, er käme gleich wieder mit der Fahrkarte zurück. Und der Passant geht zu einem Automaten und lässt den Blinden zurück. Dieser steht nun da: Beeindruckend, aufrecht, regungslos hält er sich an seinem Stock fest, nach vorne blickend, innerlich und äußerlich eine tiefe Ruhe ausstrahlend. Eine tief beeindruckende Haltung des Wartens. Während die Menschen an ihm vorbeihasten, steht er da ganz ruhig. Wartend. Woher kommt dieses ruhige Warten? Man könnte jetzt sagen: Er hat gar keine anderen Wahl. Doch, die hat er. Er könnte ja nervös sein darüber, ob der Passant wirklich wieder kommt oder mit seinem Geld verschwindet. Aber das ist er nicht. Woher also diese Ruhe? Einmal, weil ihm eine Verheißung gegeben ist:  „Ich werde wieder kommen und Ihnen die Fahrkarte bringen. Warten Sie hier“. Und weil der Blinde dieser Verheißung Vertrauen schenkt. Deswegen steht er da  - ganz ruhig. Inmitten der hetzenden Menschenmenge. Es ist ihm eine Verheißung geschenkt. Er muss nur warten. Das ist eine tiefe innere Haltung. Eine Haltung, die sich auch nicht durcheinander bringen lässt durch die vielen Lautsprecheransagen, die hetzenden Leuten, die Unruhe eines Bahnhofs, das Gedrängel usw. In diesem Bild vom wartenden Blinden finden wir eine starke Aussage über den Advent:

 

4. Es gibt da eine Verheißung über unserem Leben, der zu trauen ist. Denn diese Verheißung kommt von Gott, dem absolut Vertrauenswürdigen, selbst. So erwartet der gläubige Mensch immer auch die Erfüllung der Verheißungen. Der gläubige Mensch lebt also im Advent, in der Erwartung. Aber – und das ist das Eigentümliche – das, was wir erwarten, ist so seltsam undefinierbar. Wenn ich also für mich z.B. sage: Wenn ich mal in Ruhestand gehe, dann möchte ich mich verstärkt um mein Hobby kümmern, um die Astronomie. Dann habe ich endlich genügend Zeit für mich. Und ich möchte vielleicht irgendwo eine Organistenstelle annehmen oder einen Chor leiten. Indem ich solche Erwartungen formuliere, stockt mir aber schon die Sprache. Denn ich denke mir sofort: Wer weiß, was bis dahin alles ist. Es liegt also in dem, was ich erwarte, immer ein großer Bereich des Unbestimmbaren, des Unvorhersehbaren, des Zufälligen und damit des nicht Machbaren, des Unverfügbaren. Dieses Unvorhersehbare könnte mir nun Angst machen, könnte in mir Stress und Nervosität erzeugen und könnte mich dazu veranlassen, alles genauestens vorher zu planen, um das Unvorhersehbare möglichst in den Griff zu bekommen. Oder aber – und jetzt kommt der adventliche Mensch ins Spiel – das Unvorhersehbare, das Zufällige, das nicht Machbare betrachte ich als Einfallstor des Göttlichen. Das Unverfügbare begreife ich als Teil der oft nicht begreifbaren Zukunft, der aber eine Verheißung innewohnt. Der adventliche Mensch sieht nicht einfach nur das Unverfügbare und Unvorhersehbare oder Zufällige. Er sieht darin nicht einfach die große Enttäuschung, weil er sich seiner Zukunftsaussichten beraubt sieht und die Dinge sich anders entwickeln als er es wollte. Und er nun in Resignation und Enttäuschung verfällt. Nein, der adventliche Mensch vertraut, dass auch in dem Unbestimmbaren und Zufälligen ein Raum eröffnet ist für das Göttliche. Darauf vertraut er.

 

5. Advent ist also mehr eine innere Haltung. Eine tiefe innere Haltung des Wartenkönnens und der Erwartung. Weil über unsrem Leben eine große Verheißung Gottes steht, kann er in allen Lebenslagen auf diese Verheißungen Gottes vertrauen. Ähnlich wie der Blinde am Bahnhof. Er steht da wartend und ganz ruhig. Er vertraut dem Versprechen des Passanten.

 

6. Schauen wir auf das Evangelium: Da ist ja von einer ganz düsteren Situation die Rede. Die Sonne wird sich verfinstern, der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne fallen vom Himmel, eine große Not wird es geben. Eine absolut nicht verfügbare Zukunft bricht herein. Und Matthäus ist so dreist zu schreiben, dass mitten darin eine Verheißung in Erfüllung geht: Die Verheißung des kommenden Menschensohnes. Das ist wieder mal das Paradoxe des Christentums: Im Tod ist das Leben, im Kreuz ist das Heil, im Kind zu Bethlehem ist der Messias, die Letzten werden die Ersten sein usw. Das ist der Advent: Immer in der Erwartung zu leben, dass ein göttliches Geheimnis mich umgibt. Selbst aber oft blind zu sein für das göttliche Geheimnis, aber ganz und gar innerlich ruhig, weil ich dem göttlichen Geheimnis als die mich meinenden Liebe Gottes vertraue.   Deswegen ist die Adventszeit so eine menschliche Zeit: Sie lässt unsere Erwartungshaltung nicht in Enttäuschung und Resignation abgleiten. 

Franz Langstein

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