01.09.2019

Predigtreihe zur Zukunft der Kugelkirchengemeinde


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte heute eine kleine Predigtreihe beginnen, die sich mit der Frage auseinandersetzt: Wie sieht oder wie kann unsere, d.h. die Zukunft der Kugelkirchengemeinde, aussehen? Mich treiben dabei zwei Punkte an: einmal, dass ich in neun Jahren, wenn ich es noch erleben sollte, in Ruhestand gehen werde. So frage ich mich: Wie möchte ich diese Gemeinde zurücklassen? Was möchte ich noch verwirklichen? Was sollte geschehen, dass ich in Ruhe gehen kann? Und da sehe ich noch so manches, was verwirklicht werden sollte. Der zweite Punkt ist, dass wir nach wie vor extrem hohe Kirchenaustrittszahlen haben. Das wirft die Frage nach den Ursachen auf. Diese sind natürlich vielfältig. Und es sind nicht immer nur externe Ursachen wie eine „gottlose“ Gesellschaft oder die „böse Presse“. Nein, die Kirche selbst tut schon das Ihrige dazu, dass manche Leute enttäuscht gehen. Es stellt sich also für mich die Frage: Wie muss eine Kirchengemeinde aufgestellt sein, dass die Leute nicht gehen? Was macht eine Kirchengemeinde aus, dass sie attraktiv ist? Diese Fragen werden dringlich werden für die nächste Legislaturperiode des Pfarrgemeinderates. Weshalb ich auch hier diese Predigtreihe halte, um möglichst viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen. Heute soll es mal mehr darum gehen, was – theologisch gesehen -   eine Kirchengemeinde ausmacht. Also heute kommt mehr die Theorie zur Geltung. Aber die ist wichtig, weil es darum geht, woraus schöpfen wir unsere Kraft und wovon sollten wir uns motivieren lassen. Am nächsten Sonntag geht es darum, wie sich die Zukunft der Gemeinden im Bistum Fulda gedacht wird und was das für uns heißt, und am übernächsten Sonntagen geht es um konkrete Umsetzungen. Also heute: Was ist theologisch eine Kirchengemeinde?

   

2. Es gibt einen wunderbaren Vers aus dem Psalm 114. Der Psalm beginnt mit den Worten: „Als Israel aus Ägypten auszog, Jakobs Stamm aus fremden Volk: da wurde Juda Gottes Heiligtum, Israel das Gebiet seiner Herrschaft“. Dieser Satz spiegelt das Selbstbewusstsein, ja das religiöse Bewusstsein der Israeliten wider. Am Anfang stand eine Befreiungstat, die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten. „Als Israel aus Ägypten auszog, Jakobs Stamm aus fremden Volk“. Es war eine geschenkte, durch Gottes Eingreifen ermöglichte Freiheit. Aber diese Freiheit heißt auch: Verantwortung. Antwort geben auf Gottes Geschenk. Und die Antwort zeigt einen hohen Anspruch: „Da wurde Juda Gottes Heiligtum, Israel das Gebiet seiner Herrschaft.“ Das war das Selbstbewusstsein der Israeliten: Gott hat uns befreit, damit wir so miteinander umgehen, dass die Menschen eine Ahnung bekommen oder sogar die Erfahrung machen: Hier ist Gott erfahrbar, hier ist Gottes Heiligtum, hier ist Gottes Herrschaft. Jesus konnte direkt daran anknüpfen, wenn er vom „Reich Gottes“ sprach. „Reich Gottes“ ist keine jenseitige Größe, sondern „Reich Gottes“ ist da, wo Menschen im Umgang miteinander sich den Raum öffnen, in dem Gottes Liebe erfahrbar wird. Das heißt: Das Reich Gottes ist an eine Gemeinschaft gebunden. „Da wurde Juda Gottes Heiligtum, Israel das Gebiet seiner Herrschaft“.

 

3. Jesus hat genau das auch getan. Es ging ihm immer um eine Gemeinschaft. Er wählte zwölf Jünger aus. Er sandte seine Jünger immer zu zweit aus. Am Kreuz übergab er Johannes seiner Mutter und seine Mutter dem Johannes. Als Ausdruck dieser Gemeinschaft hielt er bevorzugt ein Mahl mit Menschen, bis hin zum letzten Abendmahl. Und die ersten Christen übernahmen das. Ein individuelles Christentum, wie es erst viel später aufkam, war vollkommen fremd. „Rette deine Seele“, dieser alte Missionsspruch ist eigentlich religiöser Egoismus. Die ersten Christen lebten ganz aus der Überzeugung, dass auch sie eine Befreiungstat Gottes erfahren haben, die Befreiung von Sünde und Tod durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. So wird bis heute in der Osternacht die Lesung vom Auszug aus Ägypten vorgetragen. „Als Israel aus Ägypten auszog, das wurde Juda Gottes Heiligtum.“ Das haben die ersten Christen für sich genauso auch verstanden. Auszug aus Sünde und Tod.

 

4. Und damit haben wir einen ersten, ganz wichtigen Punkt, was Gemeinde ist. In einer Gemeinde versammeln sich Menschen, die berührt sind vom Leben Jesu und denen die Liebe, die Christus erwiesen hat durch die Befreiungstat seines Todes und seiner Auferstehung, deshalb einen Raum bilden und einen Ort gestalten, an dem diese Liebe und diese Befreiung erfahrbar wird. Kurz: Es braucht auf Erden immer wieder Gemeinschaften, durch die Gott erfahrbar wird. Es braucht Gemeinschaften, die, um mit den Worten des Psalmes zu sprechen, „Heiligtum Gottes und Herrschaftsgebiet Gottes“ sind. Es geht ganz einfach darum, Gott zu vergegenwärtigen. Und genau dafür braucht es eine Gemeinschaft, die von der Gegenwart Gottes berührt ist.

      

5. Und dieses „Heiligtum Gottes“ sein, gewiss ein hoher Anspruch, also diese Erfahrbarmachung Gottes, vollzieht sich in   den drei Bereichen: Gottesdienst, Nächstenliebe, Verkündigung. Das leuchtet unmittelbar ein und muss nicht erörtert werden. Wohl muss aber später gefragt werden, wie diese drei Bereiche hier gestaltet werden können. Eine Voraussetzung dafür wurde heute im Evangelium vorgetragen: Es geht um Menschen, die keine Standesdünkel haben. Nicht auf Ehrenplätzen sitzen wollen und beleidigt sein, wenn vorn der Platz nicht für sie reserviert ist. Es geht darum, nicht unter Seinesgleichen immer nur zu sein und geschlossene Kreise zu bilden. „Wenn du ein Mahl gibst, dann lade Bettler, Arme ein.“ usw. Die Gefahr ist auch für eine Gemeinde nicht von der Hand zu weisen, dass sie ein geschlossener Kreis wird. Insofern ist das Evangelium auch immer Mahnung an jede Gemeinde. Nehmen wir für heute diesen tiefen Satz aus Psalm 114 mit, der auch unser Selbstbewusstsein prägt:   „Als Israel aus Ägypten auszog, Jakobs Stamm aus fremden Volk: da wurde Juda Gottes Heiligtum, Israel das Gebiet seiner Herrschaft“.   Eine Gemeinde lebt aus der Befreiungstat Christi, ist tief davon berührt, und bildet deshalb „Heiligtum Gott“ und ist „Gebiet seiner Herrschaft“, Gebiet seiner Gegenwart.

Franz Langstein

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Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8
Freitag 18.30 h Heilige Messe