30.09.2018

Predigt am 26. Sonntag B18


Mk 9,38-48

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Was für eine radikale Sprache! „Wenn dir deine Hand, wenn dir dein Fuß, wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus oder hack sie ab“. Das macht erst mal ratlos. Wirkt wegen der Forderungen von Abhacken und Ausreißen erst mal erschreckend. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass es ja tatsächlich Kulturen gibt, in denen Menschen, die Ärgernis geben z.B. durch Diebstahl, die Hand abgehackt wird. Es ist eine provozierende Sprache, ja wegen seines Widerspruchs zu dem, was wir unter „Evangelium“ verstehen, eine paradoxe Sprache. Das hat mit „froher Botschaft“ nichts zu tun.

 

2. Auf der anderen Seite aber könnte es eine Sprache sein, die aufhorchen lässt, die aufrüttelt, Fragen provoziert. Und könnte es in Wahrheit nicht tatsächlich so sein, dass gerade zutiefst menschliche oder gar religiöse Erfahrungen nur in paradoxer Sprache ausgedrückt werden können? Das prominenteste Beispiel ist die Rede von der Dreifaltigkeit: Eins und doch drei. Worum also geht es im Evangelium: „Besser einäugig, besser mit einer Hand, besser mit einem Fuß ins Himmelreich zu gelangen“. Es geht also um eine Erfahrung des Himmelreiches, die sich hier in so radikaler Sprache ausdrücken will. Was ist das für eine Erfahrung?  

 

3. Es gibt Menschen, die an sich selbst den Anspruch haben, perfekt zu sein. Das Ganze kann so in der Seele eines Menschen verankert sein, dass er meint, die anderen erwarten das ja von mir und mögen mich genau deshalb. Gerade am Anfang menschlicher Beziehung steht so eine Angst: Genüge ich dem anderen? Bin ich hübsch genug? Bin ich beruflich gut situiert? Kann ich Eindruck machen? Aber auch beruflich kann man in so einen Kreislauf höchster Anforderungen an sich selbst kommen. Bestimmte Berufe sind da mehr gefährdet als andere: Pflegeberufe, Berufe, die mit Menschen zu tun haben, aber auch Menschen, die wichtige Geschäfte machen. Man meint ständig, ja nichts zu übersehen; das Auge muss wachsam sein, Achtsamkeit ist gefragt. Man meint, überall Hand anlegen zu müssen, anzupacken, zu helfen und man meint, überall anwesend zu sein. Nur nichts zu versäumen. Auge, Hand und Fuß: Alles zu sehen, überall handeln zu müssen und überall anwesend zu sein. Dann wäre man perfekt, dann würde man geachtet.     

 

4. Dies kann direkt in die Hölle eigener Selbstüberforderung führen. Gerade auch wir Pfarrer sind da sehr gefährdet. Wir wollen es allen recht machen. Wir meinen, unsere Anerkennung hinge davon ab. Die Frage, ob wir gute oder weniger gute Pfarrer seien, hinge davon ab, ob wir überall dabei sind, alles sehen und immer sofort aktiv handeln. Und das Ganze wird nun noch religiös überhöht: „Gott will ja, dass ich ein guter Pfarrer bin.“ Oder auf uns alle bezogen: „Gott will, ja dass wir gute und perfekte Menschen sind. Wir müssen ja um Gottes willen alles sehen, überall handeln und überall dabei sein.“ Dieser eigene Anspruch an die – biblisch gesprochen – Hand, an die Augen, an die Füße, führt zu den Idealisierungen unseres Lebens und somit zu einer heillosen Selbstüberforderung. Wie schockierend und gerade deshalb heilsam nun die radikale Forderung des heutigen Evangeliums: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden.“

 

5. Das Ideal des perfekt zu funktionierenden Menschen ist die Hölle. Du musst nicht ganz perfekt sein; die bist vielleicht viel liebenswürdiger, wenn du nur halb perfekt bist. Vor einiger Zeit habe ich in einer Zeitschrift von einer Pflegefachkraft gelesen, die unter dem hohen Druck der Erwartungen und auch des eigenen Ideals zusammengebrochen ist. Nachdem sie den Zusammenbruch hinter sich hatte, gestand sie, dass sie für nichts mehr Dankbarkeit empfinde als für ihren Zusammenbruch. Damals hätte sie das Ideal der Top-Frau zum Teufel geschickt. Man gelangt wohl eher weniger perfekt in den Himmel. Eine radikale Sprache im heutigen Evangelium: Aber vielleicht ist eine solche Radikalität notwendig, um tiefe menschliche und religiöse Erlebnisse auszudrücken. Gott macht sich auch ein Bild von uns: Und es ist wohl nicht das Bild eines perfekten Christen. Ich muss nicht alles sehen, nicht überall Hand anlegen und nicht überall dabei sein, Auge ausreißen, Hand abhacken, Fuß abhacken. „Am meisten habe ich meinen Mann geliebt,“ sagte einmal eine Frau im hohen Alter, „als er sich eingestand, dass er nicht mehr alles kann und er immer gebrechlicher wurde.“ Ob Gott uns auf diese Weise liebt?

Franz Langstein

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