30.03.2018

Predigt am Karfreitag


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor einiger Zeit las ich einen Bericht, in dem stand, dass in den Alpen immer mehr Gipfelkreuze einem Vandalismus zum Opfer fallen. Die Ursachen sind vielfältig: ein radikaler Atheismus, eine falsch verstandene Neutralität des Staates, in dem Kreuze in öffentlichen Räumen keinen Platz mehr finden können, eine ebenso falsch verstandene politische Korrektheit, die meint, auf anders Denkende Rücksicht nehmen zu müssen, oder einfach Unverständnis. In der Tat: Man versteht den Sinn des Kreuzes nicht mehr.      
 
2. Dabei geht es gar nicht um das Kreuz Christi. Allgemein ist das Kreuz als Symbol des unvermeidbaren Leidens und der Schuld heute verdrängt. Das Kreuz kommt nur noch vor als Unglücksfall, vermeidbar. Man geht von einer perfekten Welt aus; und wenn diese Welt an der einen oder anderen Stelle mal nicht perfekt ist, dann muss es einen Schuldigen oder einen Verantwortlichen dafür geben. Leiden ist eine zu beseitigende Krankheit, Not ein abzustellendes Übel, Schuld ein Ergebnis frühkindlicher Erziehung oder ungünstiger Umstände. 
     
3. Das Christentum dagegen sieht die Welt viel realistischer, also wirklichkeitsgerechter. Das Christentum spricht von der Unvermeidbarkeit des Leidens als einer „conditio humana“, menschlicher Bedingung des Lebens. Auch spricht das Christentum von der Unvermeidbarkeit, schuldig zu werden. Schuld und Leiden sind keine Unglücksfälle, für die es immer einen Verantwortlichen geben muss, den man zur Rechenschaft ziehen muss. Das ist zu billig. Das Christentum spricht von der Unvermeidbarkeit von Leid und Schuld als eine Bedingung menschlichen Lebens. Und damit spricht das Christentum von der Erlösungsbedürftigkeit und der Bedürftigkeit nach Barmherzigkeit, Gnade, Annahme, Liebe.    
 
4. Wenn also Leid und Schuld keine Unglücksfälle sind, sondern Bestandteile des Lebens, Wesenselemente des Lebens, dann muss man doch sagen: Das Kreuz ist nicht zuerst zu betrachten als das Kreuz Christi, sondern das Kreuz ist zuerst eine Zustandsbeschreibung der Welt und des Lebens. Das Kreuz gehört zum Leben unvermeidbar dazu. Wenn wir also vom Kreuz reden, dann müssen wir zuerst vom Kreuz in unserer Welt reden. Und da brauchen wir nicht viele Beweise: Wir müssen nur die Nachrichten hören, um im Großen zu erfahren, wo die Welt gekreuzigt wird; wir müssen nur lokale Presse lesen, um zu erfahren, wo in unserer Umgebung Kreuze eingerammt wurden, und wir müssen vielleicht auf das eigene Leben schauen, um schnell zu merken, dass da auch das Kreuz dazu gehört – und zwar nicht als Unglücksfall, sondern als unvermeidbare „conditio humana“. Und die Menschen ahnen das ja irgendwie auch: Es kann sein, dass auf so manchen Bergen die Gipfelkreuze durch Vandalismus verschwinden, gleichzeitig aber steigt die Zahl der Kreuze an den Straßenrändern oder an anderen Orten des Leids. Das Kreuz ist und bleibt ein Symbol des Leidens. Wir müssen das erst mal richtig durchbuchstabieren, wo dieses Leid in der Welt vorkommt.
 
5. Erst dann, sozusagen im zweiten Schritt, sprechen wir vom Kreuz Christi. Und zwar nun als dem Symbol der Erlösung, der Versöhnung, der Rettung. Die Botschaft des Karfreitags ist: „Er trägt unsere Sünden“, „Durch seine Wunden sind wir geheilt“. Da, wo wir bekennen: „Gott ist Mensch geworden“, kann es nicht anders sein, als dass sich Gott auch diesen menschlichen Bedingungen unterwirft. Christus trägt das Kreuz als das Kreuz menschlicher Existenz. Er trägt das Kreuz als Zeichen höchster Solidarität mit den Menschen. Er trägt das Kreuz als höchste Form der Liebe und der Zusammengehörigkeit mit uns, somit als Zeichen der Versöhnung und Erlösung. Denn nun ist Gott in Christus beim ganzen Menschen gegenwärtig: Beim Menschen in seiner Erfahrung von Leid, Sünde und Tod. Alles ist in Gott aufgehoben.
 
6. Wo wir nur vom Kreuz dieser Welt reden, muss dieses Kreuz notgedrungen zum Unfallgeschehen werden. Es darf nicht sein in einer ansonsten perfekten Welt. Wir suchen dann einen Schuldigen. Jetzt, am Karfreitag, wird uns bewusst: Das Kreuz Christi ist unser Kreuz. Es gehört zu unserem Leben. Und wir können es annehmen, wie Christus unser Kreuz angenommen hat. Im Kreuz Christi gibt es einen Raum, in dem der Mensch Versöhnung mit sich und seinem Kreuz finden kann. Es ist zu wenig, wenn an den Straßenrändern Kreuze aufgestellt werden, aber darin kein Bogen mehr geschlagen werden kann zum Kreuz Christi.
 
7. Am Ende ein Zitat von dem Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke aus dem Buch „Unglaubensgespräche“: „Der Kreuzweg, die Trauer und Düsternis am Karfreitag, das „O Haupt voll Blut und Wunden“, - das alles half Leid bewältigen. Seit die Kreuzwege verfallen und der Karfreitag ein zum Osterfest zählender Urlaubstag ist, hat das unversöhnte Leid Räume verloren, in denen es einst zur Ruhe kommen konnte“.

Franz Langstein

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