29.03.2018

Predigt am Gründonnerstag


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Angst, so sagt man, ist ein Grundgefühl des Menschen. Die Angst stellt sich ein als eine Art Alarmanlage, wenn auf dem Menschen etwas Bedrohliches zukommt. Er bekommt Angst, wenn Unbekanntes, Fremdes, etwas, was er nicht einordnen oder verstehen kann sich seiner bemächtigt. Angst ist dann ein inneres Signal, das dem Menschen sagen will: Gib Acht, pass auf, hüte dich, lauf weg, handle entsprechend. Wir erleben es ja in diesen Tagen, wie viel Menschen Angst haben vor Fremden. Sie können diese Angst selbst nicht benennen; es ist eben so ein Grundgefühl. Man wehrt sich dann gegen das Fremde.
 
2. In vielen Kulturen und Religionen kennt man daher auch eine Angst vor den Göttern und vor Gott. Man weiß ja nicht, was die Götter so im Sinn haben. Ihre Macht ist unberechenbar. „Pass auf, hüte dich, handle entsprechend“, signalisiert die Angst. Und manche passen auf; halten sich aus Angst vor den Göttern genau an die entsprechenden Verhaltensvorschriften, bringen Opfer. Mitunter ist die Angst so groß, dass man sogar Menschen opfert; weil man glaubt, allein durch sie den unberechenbaren Gott zähmen zu können. Immer schon hat sich die Angst zwischen Gott und die Menschen eingeschlichen.
 
3. Auch im Christentum. Sie kennen vielleicht das Buch von Tilmann Moser „Gottesvergiftung“ , das 1976 erschienen ist, oder das Buch von Jutta Richter, „Himmel, Hölle, Fegefeuer“, das 1982 erschien. Schonungslose Abrechnungen mit der religiösen Erziehung, die einen Gott in den Mittelpunkt stellte, der Angst macht, der straft, der in die Hölle schickt. Wenn sich eine solche Angst zwischen Gott und den Menschen stellt, wenn also die Gottesbeziehung durch Angst geprägt ist, wenn also mein Gefühl mir sagt: „Hüte dich, pass auf, lauf weg“, dann ist eine normale Gottesbeziehung nicht möglich. Im Gegenteil: Ein solches Gottesbild vergiftet das Leben. Anfangs wird er noch versuchen, Gott irgendwie gnädig zu stimmen, mit Sühneandachten und sonstigen religiösen Opfern; er wird versuchen, sich anzustrengen. Aber letztlich kann man einem solchen Menschen nur raten: Verlass diesen Gott. Höre auf, an ihn zu glauben. Du gehst dabei kaputt. Tilmann Moser und Jutta Richter haben genau das getan, um sich selbst zu retten. Romano Guardini hat in seiner „Vorschule des Betens“ darauf hingewiesen, dass der Mensch einen nur allgegenwärtigen und allmächtigen Gott nicht anbeten könne. Der Mensch wäre unfähig, ihm zu widerstehen; er würde ihm sofort und rettungslos unterliegen und müsste ihm, um der Würde der eigenen Person willen, die Anbetung verweigern. Nun ist das aber nicht nur ein Problem des Menschen, es ist auch ein Problem Gottes, will ich mal sagen. Warum ist Gott denn so fremd, so anders, so unauslotbar in seinem Willen? Schürt das nicht Angst? Misstrauen?
 
4. Und genau hier greift nun die Botschaft des heutigen Abends. Wenn Jesus heute Abend den Jüngern die Füße wäscht, dann ist das nicht eine singuläre Handlung, sondern dann ist das die Zusammenfassung seiner ganzen Sendung, seiner ganzen Botschaft, seines ganze Lebens. Und Sendung und Botschaft und Leben Jesu lassen sich fokussieren auf wenige Sätze: Er ist gekommen, den Menschen die Angst vor einem übermächtigen und unberechenbaren Gott zu nehmen. Er ist gekommen, um aufzuzeigen, dass Gott gerade bei denen ist, die am meisten Angst vor ihm hatten, weil man sie als unrein abgestempelt hat, als Sünder titulierte usw. Er ist gekommen, um aufzuzeigen, dass der verlorene Sohn keinen Grund hätte, nicht nach Hause zu kehren, weil ihn dort der liebende Vater immer schon erwartete. Und diese Botschaft findet seine Zusammenfassung in der Zeichenhandlung der Fußwaschung. 
 
5. Hier ist ein Gott offenbar, der sich bückt, der sich klein macht vor den Menschen, um den Menschen groß zu machen. Hier ist ein Gott offenbar, der sich für den Menschen zu Dienern macht, damit der Mensch aufhört, vor ihm Angst zu haben. Hier in der Fußwaschung ist das Leben Jesu zusammengefasst. Das Leben Jesu wollte genau diesen Gott aufzeigen: Den Gott, der den Verlorenen nachgeht und sie nicht verurteilt; den Gott, der die Aussätzigen berührt und heilt und sie nicht als von Gott bestraft und deshalb unrein erklärt; den Gott, der vor dem verlorenen Sohn niederfällt, als er nach Hause kommt. Nein, es gibt keinen Grund, vor Gott Angst zu haben. Der Mensch sollte höchstens Angst haben vor sich selbst, dass er diesem Gott zu wenig geglaubt hat, zu wenig vertraut hat, zu wenig dankbar war, zu wenig Ehrfurcht hatte, zu wenig Gottes Liebe zugetraut hat.
 
6. Denn was hilft denn gegen die Angst? Dass da jemand sagt: „Ich bin da“. Präsenz und Liebe helfen gegen die Angst. Aber was für eine Präsenz? Es wird nicht lange dauern, da wird Jesus heute Abend hinausgehen an den Ölberg und vor Angst fast vergehen. Er ringt mit Gott: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Er, der gekommen ist, uns die Angst vor Gott zu nehmen, hat Angst vor dem unbekannten Willen Gottes.  Ja, uns kann es auch so gehen, dass der Mensch die Vater-unser-Bitte „Dein Wille geschehe“ nicht mehr zu beten wagt, weil er den dunklen Willen Gottes nicht kennt. Und selbst da darf der Mensch wissen, dass er nicht allein ist. Christus ist da in unserer Angst. Er hat sie selbst durchlitten.
7. So wird die Fußwaschung zum Zeichen einer Gegenwart Gottes, der sagen will: „Hab keine Angst vor mir; ich bin da, unscheinbar und klein, damit du nicht erschrickst. Vorsichtig und zärtlich, damit du nicht von meiner Allmacht erdrückt wirst. Hab keine Angst vor mir: ich bin mehr um Sorge um dich als du auch nur ahnst. Und habe alles getan, damit du für immer gerettet bist. Ich bin wie Brot für dich, wie Wein, der so köstlich ist.“

Franz Langstein

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Sonntag 11.00 h Heilige Messe
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(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe