26.08.2018

Predigt am 21. Sonntag B18


Joh 6,60-69

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Evangelium knüpft nahtlos an an das, was wir die Sonntage vorher gehört hatten. Das Johannes-Evangelium überliefert uns eine lange Rede, in der Jesus immer wieder davon spricht, dass er das Brot des Lebens ist und sein Fleisch und sein Blut hingibt für das Leben der Welt. Und heute hörten wir die Reaktion der Leute auf diese Rede: „Viele Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Und sie stimmten auch mit den Füßen ab: „Von da an zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.“ Und dann fragte Jesus die Zwölf: „Wollt auch ihr weggehen?“  

 

2. „Wollt auch ihr weggehen?“ Diese Frage ist ganz allgemein verstanden erst einmal eine ganz alltägliche Frage. Die muss uns niemand stellen, die stellen wir uns oft genug selbst. Und zwar in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens. Wenn jemand einem Verein angehört, Sangesverein, Sportverein…, und er sieht keinen Sinn mehr, dann stellt sich die Frage: Will ich weggehen?“ Es werden Gründe abgewogen, zu gehen oder zu bleiben. Das ist noch relativ einfach zu entscheiden.

Schwieriger wird die Sache, wenn es um den Beruf geht. Soll ich den Beruf wechseln? Will ich aus dem alten Beruf herausgehen? Was Neues wagen? Man weiß, was man hat: Gutes Auskommen. Man weiß nicht, was das Neue bringt. Ein Wagnis. Die Gründe müssen sorgfältig abgewogen werden.

Noch einmal schwieriger wird die Situation, wenn es um Lebensentscheidungen geht, die man revidieren möchte. Ehe, Familie. Es gibt Menschen, die stehen auch in diesem Bereich vor der Frage: „Will ich gehen?“ Sicherlich mögen auch hier die Gründe gut abgewogen sein. Aber Gründe allein reichen hier nicht. Hier spielt viel Emotionales eine Rolle. Man hat sich ja mal geliebt, Höhen und Tiefen durchmessen und geteilt. Dankbarkeit ist immer noch da. „Will ich gehen?“ Nicht so einfach.

Oder nehmen wir mal das Religiöse: „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“ Es gibt Menschen, die stellen sich die Frage in Bezug auf die Kirche. Manche schnell und leichtfertig, andere tun sich schwer und ringen mit einer Entscheidung. Kirchenaustritt: Ja oder nein? Karl Rahner hat für sich einmal die Frage sinngemäß   so beantwortet: Keine Wissenschaft der Welt und keine rein weltliche Aussagen könnten die tiefen Antworten nach Sinn, nach der Herkunft und dem Ziel der menschlichen Existenz beantworten. Die tiefsten Antworten habe immer noch der durch die Kirche überlieferte Glaube.

 

3. Aber nochmal ganz anders und ganz spannend wird die Frage „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“ in Bezug auf Gott. Das ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Man kann ja durchaus die Kirche verlassen, aber hat man damit auch Gott verlassen? Für manche ist das so, aber nicht für alle. Einige sagen, dass sie auch ohne Kirche an Gott glauben könnten. „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“ In der Tat, für manche stellt sich die Frage auch in Bezug auf Gott. Kann ich, will ich überhaupt noch an Gott glauben? Und tatsächlich: wenn einem diese Frage überkommt, dann wird es schwierig. Denn man sucht sich diese Frage ja nicht aus. Sie kann einem plötzlich überkommen, z.B. durch Leiderfahrung, durch große Enttäuschungen, durch das Erleben der Nutzlosigkeit des Glaubens, durch Antworten, die die Wissenschaften geben und vorerst genügen. Wenn einem diese Frage, ob man noch an Gott glauben kann, regelrecht überfällt, dann kann der Mensch in eine große Glaubensnot geraten.

 

4. Schauen wir mal hin, welche Antwort die Zwölf gegeben haben. Was machen die Jünger, als Jesus sie gefragt hat, ob auch sie gehen wollen. Petrus, wer sonst, ergreift mal wieder als Erster das Wort und sagt: „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir haben erkannt, du bist der Heilige Gottes.“ Das klingt wie eine gute und überzeugende Antwort. Aber sie ist gefährlich und sie genügt letztlich nicht. Denn in dieser Antwort liegt schon das Samenkörnchen des Zweifels und der Enttäuschung. Und Petrus wird es nur wenige Wochen später bitter erfahren müssen, wenn das Samenkörnchen aufgeht und Petrus in tiefe Zweifel stößt und er dann doch geht, nicht ohne Jesus vorher verleugnet zu haben.

   

5. Diese Antwort des Petrus: „Du bist der Heilige Gottes“ klingt gut und viele Prediger werden diese heute rühmen als Vorbild für das eigene Antworten. Ich sehe das anders. Warum? Was ist nämlich, wenn sich Christus nicht als „Heiliger Gottes“ erweist? Was ist, wenn sich die Vorstellung des Petrus vom „Heiligen Gottes“ als äußerst vorläufig erweist und letztlich als falsch erweist? Was ist, wenn der „Heilige Gottes“ völlig ohnmächtig und dazu noch selbst von Gott scheinbar verlassen und ohne jedes Einschreiten Gottes blutend am Kreuz stirbt? Ist das der Heilige Gottes? Petrus und die anderen mochten das nicht mehr glauben. Ihre Vorstellung von Christus war wie eine Seifenblase zerplatzt und zutiefst enttäuscht worden. „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“ Ja, jetzt sind auch sie gegangen.

  

5.1 Ich ahne es nur von ferne und wage es kaum, weiterzudenken. Ich will es dennoch sagen, auch wenn es gefährlich klingt. Aber Glaube an Gott ist ja immer auch ein Wagnis, immer auf einem Grat zwischen Gottanhänglichkeit und Gottesverlust. Also: Solange Petrus Gründe nennen konnte, warum er nicht geht, solange ist in der Gottesbeziehung noch etwas vorhanden, was diese Gottesbeziehung nicht ganz echt erscheinen lässt. Solange Petrus als Grund anführt, dass er deshalb nicht geht, weil Jesus der Heilige Gottes ist, dann verbindet Petrus mit dieser Vorstellung vom Heiligen Gottes bestimmte Erwartungen. „Du bist der Heilige Gottes, Du   bist von Gott gesandt, Du bist der Messias, Du wirst uns helfen, Du wirst mir helfen…“ Es muss einen Nutzen haben, dir weiterhin zu folgen. Es muss etwas bringen, damit wir dich nicht verlassen.

 

6. Und ich glaube: Das ist die Gefahr: Manche Menschen könnten viele Gründe anführen, warum sie an Gott glauben. „Er gibt mir Halt. Er tröstet mich in schwierigen Zeiten. Er hilft mir. Er gibt mir Zuversicht. Mit ihm überspringe ich Mauern und Wälle…“ Gott wird einem Nutzen unterworfen. Der Glaube wird einem Zweck unterworfen. Und was ist, wenn Gott diesen Zweck nicht erfüllt? Wenn ich keine Halt mehr finde? Wenn ich ins Bodenlose falle und keine Hand mich auffängt? Wenn keine Hilfe von oben kommt? Wenn ich mit ihm nicht über Mauern und Wälle springe, sondern schon über den nächsten Maulwurfhügel stolpere und auf den Boden klatsche? Was dann? Wie Petrus? Dann gehen wir eben, wenn Du, Gott, es nicht bringst?  

 

7. Was will ich also damit sagen? Ich vermute, und ich kann es auch nur vermuten, denn soweit bin ich auch nicht – ich vermute also, dass die tiefste Gottesbeziehung die ist, die keine Gründe nennen kann. Weil jeder Grund, den man benennt, schon eine Gottesverstellung voraussetzt, und die kann bitter enttäuscht werden. Das ist natürlich auch sehr schwer, wenn auf die Frage, warum man an Gott glaubt, keine Antwort gibt, die Gott einem Nutzen oder Zweck unterwirft. Vielleicht hätte Petrus auf die Frage Jesu: „Und ihr, wollt auch ihr gehen?“, einfach antworten sollen: Nein, wir gehen nicht. Aber ich kann dir nicht sagen, warum. Ich habe keine Gründe. Ich kann dir nur so viel sagen: Du bist es wert, zu bleiben. Du bist ein so wertvoller Mensch, dass wir bleiben. Vielleicht auch unter dem Kreuz. Nicht um eines Nutzens willen bleiben wir, sondern um deinetwillen.

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
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