25..11.2018

Predigt am Christkönigssonntag 2018


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1.  Da steht also Jesus vor Pilatus. So sagt man. Der Angeklagte vor dem Richter. Ein wehrloser Jude vor dem Statthalter Roms. Aber so ganz sicher bin ich mir da nicht, ob Jesus vor Pilatus steht? Oder ob es nicht doch umgekehrt ist: Pilatus steht vor Jesus? Der, der aus Kaisers Gnaden mit Macht ausgestattet ist und nun römischer Statthalter in Jerusalem ist, steht vor dem, der mit göttlicher Liebe erfüllt ist. Der, der ganze Armeen befehligt und ein Weltreich vertritt, vor dem, der keine Leute mehr hinter sich hat und der sagt, dass, wenn sein Reich von dieser Welt wäre, gewiss seine Leute für ihn kämpfen würden. Der, der nicht weiß, was Wahrheit ist und deshalb etwas unbeholfen fragt: „Was ist Wahrheit?“ steht vor dem, der gekommen ist, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Wir ahnen: Der, der aufgebläht ist mit Macht und Insignien des Römischen Reiches, der Soldaten befehligt, der das wohl alles auch irgendwie braucht, um jemand zu sein, steht vor dem, der das alles nicht braucht, der wehrlos ist, ausgeliefert – aber doch eigentümlich souverän. Wer steht vor wem? Jesus vor Pilatus oder Pilatus vor Jesus. Im Johannes-Evangelium ist das nicht ganz klar. Jesus strahlt eine ungeheure Souveränität aus. Steht da nicht doch ein irdischer kleiner aufgeblähter Machthaber vor dem Göttlichen? Nicht umsonst wird dieser Text am Christkönigsfest vorgelesen.  


2. Aber wie auch immer. Hier prallen Welten aufeinander. Die Welt des Pilatus und die Welt Jesu. Das Macht des Pilatus und das Königtum Jesu Christi. Fremder können diese Welten nicht sein: Die Welt der korrupten Macht und die Welt der Liebe; die Welt einer verdrehten Ordnung und die Welt der Gerechtigkeit. Eine Welt der Ideologie und eine Welt der Wahrheit. Die Welt eines aufgeblasenen kleinen Statthalters mit seiner geliehenen Macht und die Welt Christi mit göttlicher Vollmacht. Immer wieder trafen und treffen im Laufe der Menschheitsgeschichte diese Welten aufeinander. Alfred Delp vor dem Gestapo-Mann, Maximilian Kolbe vor dem SS-Schergen, Dietrich Bonhoeffer vor seinen Anklägern, die Mitglieder der Weißen Rose vor Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofes. Wer steht vor wem? Die Wahrheit vor der Lüge und die Lüge vor der Wahrheit? Wer klagt wen an? Der Hass die Liebe oder die Liebe den Hass? Die Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit oder die Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit? Wer entlarvt wen? Pilatus Jesus oder hat Jesus Pilatus entlarvt? Der übelste Richter des Dritten Reiches, Roland Freisler – hat er die Angeklagten entlarvt oder waren es seine Angeklagten, die ihn entlarvten? Als z.B. Caesar von Hofacker, einer der Putschisten, der am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt war, vor Freisler stand, sagte er zu Freisler, der ihn ständig unterbrach: „Sie schweigen jetzt, Herr Freisler! Denn heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr geht es um Ihren Kopf!“


3. Es prallen Welten aufeinander. Die dunkle Welt und die Welt des Lichtes. Die Welt der Ideologien und die Welt der Wahrheit. Pilatus wird fragen: „Was ist Wahrheit?“ Er weiß es nicht. Er kennt die vielen Ideologien und Philosophien seiner Zeit. Was ist da die Wahrheit? Er kennt die Beugung des Rechts und die Verklärung der Ungerechtigkeit. Was ist da Wahrheit, wenn man sich die Dinge zurechtbiegt? Dagegen steht Jesus. Er sagt nicht, was Wahrheit ist. Er sagt, dass er gekommen sei, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Das ist der Unterschied: Wahrheit sollte man nicht erklären. Man muss sie bezeugen. Das Leben Jesu war ein Leben aus der Liebe, aus der Barmherzigkeit, aus dem Mitleid, aus der Gerechtigkeit. Wahrheit ist nicht eine richtige Lehre, Wahrheit steht in keinen Büchern, Wahrheit steht im Herzen und im Leben des Menschen, der von Liebe erfüllt ist.


4. Deswegen steht nicht Jesu vor Pilatus, sondern Pilatus vor Jesus. Die mit Füßen getretene Liebe schreit zum Himmel und klagt an. Das mit Füßen getretene Recht klagt an. Die verletzte Gerechtigkeit klagt an. Und deswegen ist Jesus auch ein König. Er ist König jener anderen Welt, die in Gott ist. Und von Gott heißt es, dass er die Liebe ist. Und immer, wo das Dunkle vor dem Licht steht, der Hass vor der Liebe, Pilatus vor Jesus, immer dann wird zwar auch das Licht von der Dunkelheit erfasst. Weil Pilatus es wollte, musste Jesus den dunklen Weg des Kreuzes gehen. Ja, so scheint es. Aber es ist vielmehr auch umgekehrt: Auch das Dunkle wird vom Licht erfasst. Das Unerlöste im Menschen wird in der Begegnung mit dem Licht erlöst. Aus dem Kreuz kam die Auferstehung.  Am Ende wird die Liebe zu Gericht sitzen. Am Ende wird eine letzte Gerechtigkeit zu Gericht sitzen. Eindeutig: Pilatus steht vor Jesus, nicht umgekehrt.

Franz Langstein

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