18.11.2018

Predigten am 33. Sonntag B18


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.“ Und wann soll das geschehen? Das Markus-Evangelium antwortet: „Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.“ Wir haben hier offensichtlich einen Beleg der sogenannten Naherwartung des frühen Christentums. Naherwartung heißt: Die Christen der Anfangszeit erwarteten noch zu ihren Lebzeiten das Kommen Christi und somit das Ende der Zeiten. Und sie sahen auch Anzeichen des nahenden Endes: Die Christenverfolgungen; als Markus sein Evangelium schrieb, war wohl schon der Tempel von Jerusalem zerstört – eine unvorstellbare Katastrophe. Alles schien zu Ende zu gehen. „Lernt etwas von dem Vergleich mit dem Feigenbaum!“, schreibt das Markus-Evangelium weiter, „sobald seine Zweige saftig werden und die Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht.“  Also an den Zeichen sollte man erkennen, dass das Ende nahe ist. Und die Zeichen standen so, dass man das Ende als bevorstehend annehmen konnte. Nun könnte man freilich völlig zurecht einwenden und sagen: „Nun gut, die ersten Christen haben sich da getäuscht; das Ende kam nicht. Was sollen wir also jetzt mit solchen Texten anfangen?“ Der Einwand ist durchaus berechtigt. Aber wenn man sich mit solchen Texten beschäftigt – und es gibt viele solche apokalyptischen Texte – dann stellt man durchaus etwas Überraschendes fest – etwas, das für uns heute von wesentlicher Bedeutung ist.    

 

2. Denn diese apokalyptischen Texte sind nicht etwa Katastrophentexte und Schwarzmalerei, sondern sie sind Hoffnungstexte. Und das lässt doch aufhorchen. Da ist die Rede großer Katastrophen – Katastrophen kosmischen Ausmaßes -, es ist die Rede von einer großen Not. Erschütterungen bis ins Mark gehend – und da mitten drin soll der Christ Hoffnung haben? Dann, wenn alles aussichtlos ist, wenn kein Licht mehr am Horizont aufleuchtet, da soll der Mensch Hoffnung haben? Da, wo alles hoffnungslos ist, soll der Christ noch Hoffnung haben? Das lässt uns doch fragen: Was hat es mit der Hoffnung auf sich, da sie im Leben eines Christen selbst da noch sein soll, wo eigentlich alles hoffnungslos ist? Wie kann der Mensch im Zusammenbruch dessen, was ihm wichtig ist und was die Fundamente seines Lebens sind, noch Hoffnung haben?

 

3. Ja, der Christ kann das. Denn seine Hoffnung erstreckt sich nicht allein und am Ende schon gar nicht auf das innerweltlich Machbare, auf das von Menschen her Mögliche, sondern die Hoffnung des Christen reicht weiter und tiefer: Sie erstreckt sich auf eine Tat Gottes, auf seine Gnade, auf sein Walten, auf seine Treue. Deswegen kommt diese Hoffnung gerade dort zum Tragen, wo menschliches Tun nicht mehr möglich ist. Diese Hoffnung kommt dort zum Tragen, wo innerweltliche Macht nichts mehr ausrichten kann. Die Hoffnung kommt dort zum Tragen, wo kein Hoffnungslicht mehr im Dunkel leuchtet. Ist das nicht utopisch?  Aber hier müssen wir jetzt nochmal genauer hinschauen und unterscheiden zwischen einem Hoffenden, einem Utopisten und einen Optimisten. Erst in der Unterscheidung dieser drei, die ja alle eine gute Zukunft erwarten, wird nochmal deutlich, was die christliche Hoffnung vermag.

 

4. Der Optimist ist jemand, der gut gelaunt, einer guten Zukunft entgegen geht. Warum: Weil er Gründe dafür hat. Er ist zuversichtlich, weil er sagen kann, warum alles gut oder gar besser wird. Die Statistiken sprechen für eine gute Zukunft. Der Optimismus muss begründet sein. Die Hoffnung nicht. Da können Sonne und Mond sich verfinstern, die Sterne vom Himmel fallen, die Hoffnung bleibt selbst da noch. Das ist das eine: Die Hoffnung ist nicht unbedingt begründet. Da kann jemand sterbend krank werden und es gibt keine Gründe mehr, auf Besserung zu hoffen, trotzdem kann im Herzen eine feste Hoffnung verankert sein, weil sie auf Gottes Gnade zielt.

 

5. Während also der Optimist Gründe für seinen Optimismus braucht, sieht es beim Utopisten nochmals anders aus: Der Utopist braucht nicht Gründe für eine gute Zukunft. Der Utopist braucht eine Vorstellung von einer guten Zukunft und an dieser Vorstellung arbeitet er mit aller Akribie. Für den Utopisten ist die Gegenwart immer etwas Negatives. Er will mit aller Kraft die Gegenwart verändern, so dass am Ende eine gute Zukunft daraus wird. Der Utopist lebt also gar nicht in der Gegenwart, er lebt in der Zukunft. Er lebt nur insofern in der Gegenwart, als dass er sie überwinden will. Er nimmt die Gegenwart nicht an. Und auch darin unterscheidet sich der Hoffende fundamental vom Utopisten. Der Hoffende glaubt zwar an eine gute Zukunft, die aus der göttlichen Fülle kommt, aber der Hoffende lebt auch ganz in der Gegenwart, weil er weiß, dass diese göttliche Fülle schon jetzt in ihm Raum greift. Der Utopist verdammt die Gegenwart als schlecht und arbeitet an einer besseren Zukunft. Der Hoffende sieht auch die Gegenwart als Gnadenzeit und entdeckt dort die Spuren Gottes. Und diese Spuren sind ihm Anlass zu hoffen, dass einmal diese Spuren, die jetzt noch rätselhaft sind und eher im Vertrauen angenommen werden müssen, einmal offenbar werden und er beglückend rückblickend sagen schauen kann, wie sehr Gott schon in der Gegenwart handelte.

 

6. Somit muss man sagen: Die Hoffnung des Christen ist immer gepaart mit Vertrauen. Die Hoffnung braucht keine Gründe, weil sie vertraut. Die Hoffnung sucht keine Utopien, weil sie darauf vertraut, dass Gott schon jetzt gegenwärtig ist. Die Hoffnung vermag deshalb auch eine schwere Gegenwart zu bejahen. Deshalb sind die apokalyptischen Texte Hoffnungstexte. Mitten im Untergang drücken sie noch eine Hoffnung aus. Ein anderer apokalyptischer Text, die Offenbarung des Johannes, schreibt sogar mitten im Untergang: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“.

Franz Langstein

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