16.12.2018

Predigt am 3. Advent C 2019


Lk 3,10-18

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor einigen Jahren las ich ein Buch von dem Pastoraltheologen Rainer Bucher. Er hatte damals etwas Aufsehen erregt, weil er in diesem Buch Vorschläge unterbreitete, wie die Kirche heute zu reformieren sei und wie sie strukturell aufzustellen sei, um zukunftsfähig zu werden. Im ersten Teil des Buches analysiert der Autor die heutige Situation. Im zweiten Teil geht er der Frage nach, was Christsein heute bedeutet und welchen Herausforderungen es sich stellen muss. Was also heißt, so nennt er es: „christliche Zeitgenossenschaft“?  Und in diesem Abschnitt, in dem er die Herausforderungen des Christseins heute beschreibt, steht folgender Satz, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Christliche Zeitgenossenschaft erfordert von der Praxis Jesu her tatsächlich die unbedingt solidarische Verausgabung in die gelebten Hoffnungen und existenziellen Abgründe der Gegenwart hinein.“ Also: Der heutige Christ hat sich an der Praxis Jesu zu orientieren, und das heißt für ihn die Verausgabung als Haltung der Solidarität zu den Hoffnungslosen und Armen. Wissen Sie, woran mich das erinnert? Das erinnert mich an meine Ausbildung zum Priester. Da mussten wir immer die neuesten Schriften und Aufsätze lesen oder hören, die da lauteten: „Priestersein heute“, „der Priester in den heutigen Herausforderungen“, „Priesterliche Existenz in postmoderner Zeit“ usw. usw. Wenn ich solche Aufsätze gelesen habe, ging es mir nachher ganz schlecht. Der Priester als eierlegende Wollmilchsau. Was der alles können muss! Wenn man also einen jungen Mann davon abbringen möchte, Priester zu werden, dann lasse man ihn solche Aufsätze lesen. Genauso verhält es sich mit dem Satz: Der Christ habe in der unbedingten solidarischen Verausgabung zu leben. Und das wird dann noch mit der Praxis Jesu begründet. Da vergeht einen doch das Christsein. Wie läuft denn unser Christsein tatsächlich ab?   

 

2. Ich stehe morgens auf, wenn der Wecker mich aus dem Schlaf reißt. Gut, dann bin schon mal verausgabt. Nach dem Morgengebet freue ich mich auf ein schönes Frühstück bei Marmelade und Honig. Manchmal gibt es Kuchenreste von Beerdigungen. Aber dann ist es doch so, dass wir unseren Aufgaben, manchmal auch Pflichten nachgehen, manche Banalitäten, viel Gewöhnliches, selten etwas Außergewöhnliches, tun. Abends nach Hause kommen; dort warten vielleicht familiäre Aufgaben und Pflichten; manche entspannen bei spannendem Fernsehprogramm und dann geht’s wieder ins Bett. Der Alltag des Christen ist ganz gewöhnlich.  Er lebt nicht in der solidarischen Verausgabung. Ich will ja schließlich noch etwas länger leben. Nein, der Christ lebt einfach seinen Alltag; aber das tut er im Bewusstsein der Existenz Gottes. Da ist nicht das hochfahrende Pathos einer unbedingten Nachfolge in religiöser Dauererhitzung. Elmar Salmann, Professor für systematische Theologie, spricht in dem Zusammenhang ganz sympathisch vom „Kleingeld der Alltagspraxis des christlichen Lebens“. Das Kleingeld der Alltagspraxis. So vollzieht sich unser christliches Leben. Und als der berühmte Ordensgründer, der hl. Benedikt, im 6. Jahrhundert seine erste Regel für die Mönche aufstellte, war die so streng, dass er nur knapp einem Mordanschlag durch die Mönche entging. Benedikt sah das ein und schrieb dann eine äußerst sympathische neue Regel, in der es u.a. heißt. „Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche. Weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern viel weniger.“  (RB 40, 6f).

 

3. Und genauso sympathisch kommt das heutige Evangelium daher. Da steht Johannes der Täufer in der Wüste, in tatsächlicher Verausgabung dafür, dem Messias den Weg zu bereiten. Und es kommen die Menschen zu ihm, um von ihm einen Rat zu haben, wie sie denn angesichts des Kommens des Messias leben sollten. Allgemein rät er: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso“. Also vergesst die Armen nicht. Teilt mit ihnen. Die Zöllner kamen zu ihm, diese verhassten Kollaborateure Rom, die den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Und er sagt zu ihnen schlicht: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist“. Und sogar römische Soldaten sorgen sich um das rechte Leben und fragen, wie sie denn tun sollten. Und Johannes antwortet: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold“. Diese Antwort wirft freilich auch ein Licht auf das Verhalten der römischen Soldaten. Keinem Einzigen rät Johannes, sich zu verausgaben, obwohl er selbst ganz extrem lebt.   

 

4. So einfach ist also Christsein. Im Bewusstsein Gottes, im Advent also, in der Erwartung, dass Gott auch in mein Leben kommt, lebt der Christ einfach ordentlich. Verschiedenen Leuten und Berufsgruppen hat Johannes ganz einfache Ratschläge gegeben. Welche würde er uns heute oder den verschiedenen Berufsgruppen geben: Denen, die Häuser vermieten: „Nimm keinen Wucherzins. Denke nicht an die Erhöhung deiner Rendite, denke an die Menschen, die bei dir wohnen“; den Ärzten in privatisierten Krankenhäusern: „Denke an die Menschen, die zu dir kommen, nicht an die Gewinnmaximierung deines Arbeitgebers“. Arbeitgeber: Zahle gerechte Löhne, dass Menschen davon leben können; Politiker, Lehrern, uns Pfarrern. Da, in diesen ganz einfachen Ratschlägen zu einem guten Leben, vollzieht sich die Existenz des Christen im Angesichte Gottes.

   

5. Die Idealisierung des Lebens, die Perfektionierung des Lebens, die religiöse Überhitzung und der religiöse Übereifer haben nichts Christliches und nichts Erlöstes. Sie sind eher dem Leben abträglich. Die Adventsbotschaft des heutigen dritten Advents können wir also so formulieren: Lebe im Bewusstsein des Gottes, der in dein Leben eine Rolle spielen will, und deshalb lebe gut, ordentlich, gerecht, liebevoll.

Franz Langstein

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