11.11.2018

Predigten am 32. Sonntag B18


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Zwei arme Witwen sind heute unsere Lehrmeisterinnen. Die eine lebte zur Zeit des Alten Testaments, zur Zeit des Propheten Elijas. In dieser Zeit herrschte Hungersnot. Diese Frau hatte nicht einmal genug zu essen für ihren Sohn und für sich. Und da kommt Elija und verlangt eigentlich etwas Unverschämtes: „Mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus. Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten.“ Und was macht die Witwe? Sie handelt entgegen aller menschlicher Erfahrung. In der größten Not ist der Mensch sich selbst erst mal der Nächste. Und die Witwe hat einen Sohn. Sie müsste sich um ihn kümmern und nicht um einen dahergelaufenen Obdachlosen, der Elija nun auch war. Nein, sie teilt das Wenige, das sie hat. Und das Wunder geschieht: „Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug wird nicht versiegen.“ Sollen wir so etwas glauben? Ist das nicht eher ein frommes Märchen, das man lieber Kindern erzählt, damit sie den Glauben an das Gute nicht verlieren? Denken war an das Grimmsche Märchen von den Sterntalern: Ein Mädchen gibt alles, dafür wird sie belohnt, dass es Sterntaler vom Himmel regnet und das Mädchen reicht macht. Ja, das sind schöne Märchen, das wissen wir. Kindern erzählt man so etwas, aber doch nicht uns Erwachsenen.

 

2. Oder nehmen wir die Geschichte aus dem Evangelium. Wieder eine arme Witwe. Jesus sitzt im Tempel dem Opferkasten gegenüber und beobachtet, wie die Leute Geld in den Opferkasten werfen. „Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein“. „Alles, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt“. Und Jesus lobt die Vorbildlichkeit der armen Witwe. Aber mal ganz ehrlich: Was sollen wir mit diesem Vorbild anfangen? Von was lebt die Witwe jetzt, nachdem sie ihren ganzen Lebensunterhalt gegeben hat? Man kann ja auch nicht sagen, dass vielleicht der Monatsletzte war und es morgen die neue Rente gibt. Und bei aller Liebe: „Die Reichen gaben viel“, heißt es im Evangelium, „die Witwe gab zwei kleinen Münzen“. Von der Effektivität her ist den Armen mehr von dem vielen Geld der Reichen geholfen als von den Scherflein der Witwe.

 

3. Aber ich glaube, wir spüren, worum es bei den beiden Texten von den Witwen geht: Es geht nicht um Effektivität, es geht nicht um Nutzen, es geht auch noch nicht einmal um ein vorbildliches Beispiel, das man selbst nur unter größter Verleugnung inneren Sicherheitsdenkens nachahmen könnte, nein, es geht um etwas anderes. Es wird deutlich in den äußerst klaren Gegenüberstellungen: Auf der einen Seite die Schriftgelehrten und die Reichen, auf der anderen Seite diese arme Witwe. „Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten“, sagt Jesus. Er warnt vor ihnen. Auf der anderen Seite: Die Witwe wird gelobt. Von den Schriftgelehrten sagt Jesus, dass sie die Witwen um ihre Häuser bringen. Sie gehören zu einer Tätergruppe. Auf der anderen Seite ist da so eine Witwe: Sie gehört zu einer Opfergruppe. Die Schriftgelehrten: Hoch angesehen mit hohen sozialen Status. Die Witwe: Arm und hilfsbedürftig und auf der gesellschaftlichen Leiter ziemlich weit unten. Und bei genauerer Betrachtung stellen wir also dann fest: Es geht nicht um die Gegenüberstellung zweier gesellschaftlicher Gruppen, sondern geht um die Gegenüberstellung von inneren Haltungen und Lebenseinstellungen.

    

4. Auf der einen Seite die Haltung der Schriftgelehrten, die das Markus-Evangelium ganz kritisch zeichnet: „Sei gehen gern in langen Gewändern umher, leben es, wenn man sie auf den Straße und Plätzen grüßt, sie wollen die vordersten Sitze und Ehrenplätze haben…“ Sie kreisen nur um sich. Auf der anderen Seite die Haltung der Witwe, geprägt von Geist der Nächstenliebe, von Empathie mit den Menschen, denen es vielleicht noch schlechter geht als ihr. Die einen geben etwas, sie gibt ihr Leben.  

 

5. Das gleiche haben wir in der Geschichte von der Witwe in Sarepta, die mit dem Propheten Elija ihre letzte Mahlzeit teilt. Beide Witwen handeln eigentlich unvernünftig. Aber wo das Herz regiert, wird der Mensch mitunter unvernünftig. Und dann entstehen so märchenhafte Geschichten wie die Erzählung von der Witwe in Sarepta. Geschichten wie aus einer anderen Welt. Aber möchte uns nicht gerade die Religion zu dieser anderen Welt verzaubern? Ist nicht die Religion ein Fenster zu einer anderen Welt? Zu einer anderen Ordnung? Wie anders solle man das Reich Gottes beschreiben als durch solche Geschichten?

 

6. Wie diese andere Welt aussieht, das hat Eugen Drewermann einmal schön beschrieben: „Etwas, das wir geben, ist nicht verloren, wird uns nicht entzogen, sondern ganz im Gegenteil, es kehrt reicher zurück. Es beginnt, sich zu verwandeln, und bildet eine Gemeinsamkeit, aus der auch wir selbst bereichert leben können. Gerade das, was wir dem andern mit leeren Händen geben, ist das, was uns erfüllt und menschlich kostbar macht. Das, woran wir uns klammern und von dem wir sagen, es sei unseres, lässt uns schließlich nur leer und beschämt zurück  Die Weitherzigkeit und die Größe unseres Lebens lernen wir nur, indem wir schauen, was der andere braucht. Und wo immer wir für ihn eintreten, wachsen wir. Legenden erzählen von diesen Wundern Gottes in der Seele.“

Franz Langstein

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