06.05.2018

Predigt am 6. Ostersonntag B18


Joh 15,9-17

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir haben eben im Evangelium den Begriff „Freund“ insgesamt dreimal gehört. Am dichtesten in dem Satz: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe.“ Der Begriff „Freund“ steht hier in den sogenannten Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums. Kurz vor dem Tod im Abendmahlsaal platziert. Also am Ende eines langen Miteinanders. Hier nennt Jesus die Seinen Freunde.
 
2.  Das ist von Bedeutung. Denn Freundschaft ist was Besonderes zwischen Menschen. So etwas muss wachsen. Dazu braucht es Erfahrungen des Miteinanders. Freundschaft entsteht nicht plötzlich, sondern muss wachsen. Hier also, nach langem Beisammensein, nennt Jesus die Seinen Freunde.   Freund ist ein Beziehungsbegriff.
 
3. Warum betone ich das so? Weil heute in der religiösen Verkündigung manchmal die Gefahr besteht, Jesus vorschnell als Freund der Menschen zu bezeichnen, ohne dass da dahinter eine Beziehung oder Erfahrung steckt. „Jesus ist der Freund aller, vor allen der Zöllner und Sünder.“ Und dann fordert man: „Du wirst doch begreifen, dass auch Jesus dein Freund ist.“ Esther Maria Magnis, die vor etwa fünf Jahren hier in Marburg war, um ihr Buch „Gott braucht dich nicht“ vorzustellen, schreibt in diesem Buch rückblickend, wie solche Sätze auf sie gewirkt haben, als sie ungefähr 14 Jahre alt war; also so ein Satz z.B. „Jesus ist der Freund der Sünder und Zöllner“. Sie schreibt. „Ich hatte genug Freunde. Ich brauchte als Vierzehnjährige nicht noch einen Unsichtbaren und schon gar keinen orientalischen Pazifisten mit Schlappen und Vollbart, der sich für mich, wie ich dachte, eh nicht sonderlich interessiert hätte, weil ich weder Nutte noch Zöllner war. Außerdem hatten wir einen Mercedes, der nicht durchs Nadelöhr gepasst hätte.“ Ja, das kann passieren, wenn der Begriff „Freund“ einen aufgedrückt wird, ohne dass da eine Beziehung oder Erfahrung war. Dann wirkt er übergestülpt und überfordernd.
 
4. Deshalb ist es schwierig, über Freundschaft mit Christus zu sprechen, weil das sehr schnell theoretisch werden kann. Man müsste also über Erfahrungen sprechen, die jene Menschen gemacht haben, die tatsächlich so etwas sagen können: „Christus ist mein Freund“. Welche Erfahrungen liegen einer solchen Aussage zugrunde? Oder nochmals anders gefragt: Welche Erfahrungen liegen denen zugrunde, die uns in der Hl. Schrift so einen Satz überliefern konnten: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe.“ Hier liegen zwei Erfahrungen zugrunde, die ich hier nur kurz skizzieren kann. 
 
5.  Es ist der Gegensatz von Knecht und Freund. Der Knecht ist in einer Lohnabhängigkeit gegenüber seinen Dienstherren. Er bekommt für sein Arbeiten nicht die Freundschaft des Herrn, sondern nur Lohn. Er kann sich noch so abstrampeln, mehr gibt es nicht. Und der Knecht muss Angst haben, wenn er die geforderte Leistung nicht erbringt, entlassen zu werden. Der Knecht steht also immer außerhalb der Freundschaft, da kann er noch sich so abstrampeln. Der Freund dagegen braucht sich überhaupt nicht abzustrampeln. Er wird geliebt und gemocht und wertgeschätzt, weil er der Freund ist. Und er empfängt, obwohl er sich nicht abmühen muss, trotzdem viel mehr als der Knecht, der Lohn bekommt, er empfängt Zuneigung, Wärme, Geborgenheit, Liebe. Ich denke, dass das so eine Erfahrung war: Wir stehen nicht mehr im Knechtschaftsverhältnis zu Gott. Wir müssen nicht Angst haben, aus seiner Liebe herauszufallen, weil wir zu wenig tun. Wir müssen nicht so von uns denken, dass wir wie ein Knecht die Gunst Gottes verdienen müssten. Und wir brauchen nicht darauf erpicht zu sein, welchen Lohn wir bekommen, sondern wir erhalten Freundschaft und Liebe und Wertschätzung Gottes einfach deshalb, weil wir sind, nicht, weil wir etwas tun. Ich glaube, wenn ein Mensch diese Erfahrung gemacht hat, dann kann er sagen: Christus ist mein Freund.
 
 6. Und es gibt noch eine zweite Erfahrung der Freundschaft, die mit dem Satz „vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“ ausdrückt. Es geht um die Mitteilung Gottes. „Ich habe euch alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“, meint nicht: Infos über Gott, meint nicht moralische Lebensweisungen, meint nicht Gebote zum vollkommenen Leben, sondern im Johannes-Evangelium meint dieses „alles mitgeteilt, was ich vom Vater gehört habe“, die Selbstmitteilung Gottes. In Jesus kommt Gott selbst so zur Sprache (das Wort ist Fleisch geworden), dass Gott sich selbst mitteilt. Die ganze göttliche Fülle. Es ist eine Deutung der Bildrede vom Weinstock und den Reben. Deshalb, aufgrund der radikalen Selbstmitteilung Gottes, sind wir Freunde, weil man nur einem Freund sich ganz und gar mitteilt.  
 
7.  Ich glaube, erst dann, wenn dem Menschen solche Erfahrungen aus dem Glauben zugrunde liegen, kommt er dazu zu sagen: Jesus ist mein Freund. Am Ende eines Glaubensprozesses und Glaubensweges, nicht am Anfang.

Franz Langstein

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