04.03.2018

Predigt am 3. Fastensonntag B18


Ex 20,1-17

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir erinnern uns: Die erste Lesung, die wir hörten, das waren die Zehn Gebote. Wir haben sie vielleicht mal im Kommunionunterricht gelernt oder in der Schule im Religionsunterricht. Sie sind uns irgendwie vertraut – und doch haben sie für manche Christen einen fahlen Beigeschmack. Der Grund ist: Man die Zehn Gebote oft benutzt, um moralisches Wohlverhalten zu erziehen oder gar einzutrichtern. So hieß es z.B. in einem Katechismus von 1897   zum vierten Gebot, das schlicht und einfach heißt: Du sollst Vater und Mutter ehren: „Die Dienstboten müssen ihre Herrschaften als ihre Vorgesetzten betrachten und denselben in allem, was diese erlaubterweise befehlen. gehorsam sein. Dies müssen sie tun in dem Bewusstsein, dass sie durch treue Pflichterfüllung die Aufgabe erfüllen, zu der sie geboren sind. ... Es ist leichter, zu gehorchen als zu befehlen.“ Das alles unter dem vierten Gebot. Oder man hat die Zehn Gebote benutzt als Grundlage für den Beichtspiegel, so auch im neuen Gotteslob, und damit die Zehn Gebote in einen Zusammenhang stellt, der eher mit Angst besetzt ist und mitunter als Zwang empfunden wird, - auch das schadet den Zehn Geboten. Wir müssen sie also wieder freischaufeln von all dem Schutt, mit dem man sie in den vergangenen Jahrhunderten zugeschaufelt hat. Dazu werfen wir einen Blick auf den Anfang der Zehn Gebote. Weiß er von Ihnen noch, wie die Zehn Gebote anfangen?

 

2. „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten befreit hat, dem Sklavenhaus“. Damit fangen die Zehn Gebote an: Mit einer Erinnerung an die geschenkte Freiheit, an die Befreiung aus der Sklaverei. Den Israeliten ist so etwas Großartiges von Gott her geschenkt worden, dass sie das niemals aufs Spiel setzen sollten. Die Freiheit als kostbarstes Gut Gottes muss bewahrt bleiben. Das ist das eigentliche Vorzeichen vor jedem einzelnen Gebot des Dekaloges. Es geht um Freiheit. Der Dekalog will die Freiheit bewahren und garantieren.

 

3. Und ganz folgerichtig heißt das erste Gebot: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“ Götzen haben die Eigenart, dass sie die Menschen knechten. Wir haben mal geglaubt, dass wir, wenn wir Gott abschaffen, frei würden. Heute spüren wir, dass dort, wo wir Gott abschaffen, neue Götter entstehen. Von ihnen erhofft der Mensch alles Glück, ihnen dient er, ihnen opfert er. Und er gerät in neue Abhängigkeiten und Knechtschaft. Dagegen: Die Anbetung des  Einen  Gottes befreit den Menschen von allen möglichen Götzen und Mächten der Welt. Die Ausrichtung des endlichen und begrenzten Menschen auf den unendlichen Gott macht den Mensch selbst der Unendlichkeit fähig. Und darin besteht seine Freiheit. Aber damit der Mensch sich wirklich nach dem unendlichen, ewigen und heiligen Gott ausstreckt, darf dieser Gott nicht identisch sein mit irgendetwas Endlichem, Objektivierbarem, Sichtbarem, Begrenztem. Der Mensch muss sich auf Gott hin selbst übersteigen, aussteigen aus seiner eigenen Begrenztheit und in den unendlichen Raum Gottes eintauchen. Das ist die große Freiheit des Menschen, dass er die Dinge, die ihn niederdrücken, hinter sich lassen kann.

Und damit Gott nicht durch uns begrenzt wird, heißt das zweite Gebot folgerichtig: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen… und den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“. Gott darf nicht wieder klein gemacht werden. Er darf nicht eingebunden werden für unsere Interessen, er darf nicht für eine irgendwie geartete Kausalitätskette verwendet werden. Ein kleiner Gott macht auch den Menschen klein. Und ein religiös kleiner Mensch macht auch Gott klein. Gott ist nicht Zweck für irgendwas. Sondern er ist der über allem Seiende, in seiner Güte unbestechlich. Deshalb kommt nur der Mensch  bei einem Gott zur Ruhe, der über allem Kleinen und Belastenden erhaben ist. Der Mensch geht sozusagen ein in die Ruhe Gottes. Von Jesus heißt es, dass er am „Herzen des Vaters ruht.“

Und deshalb ist dem Menschen diese Ruhe immer wieder aufgegeben, um zu Gott und somit zur Freiheit zu finden. Deshalb folgt gleich das dritte Gebot: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“ Hier wird unmittelbar einsichtig, wie sehr die Zehn Gebote die Freiheit betonen. Der Mensch erschöpft sich nicht im Schaffen; die Arbeit ist nicht sein Lebenszweck; der Mensch ist mehr als das, was er zu leisten vermag. Ein Wirtschaftssystem und ein Leistungssystem, die den Menschen knechten, aber auch umgekehrt, von denen sich der Mensch alles erhofft, und denen er bereit ist zu opfern, sind wohl die mächtigsten Götzen unserer Tage. Gerade der Ruhetag ist hier das provokante Gegenmittel. Als in Marburg mal wieder ein verkaufsoffener Sonntag war, hieß es am anderen Tag in der Zeitung: Der verkaufsoffene Sonntag sei ein voller Erfolg gewesen.  Ich will mal sagen, was ein voller Erfolg war: Dass es in der Menschheitsgeschichte die Einsicht gab, dass der Mensch mehr ist als Arbeit und dass er seine Größe und Würde erlangt, indem er vor Gott hintritt, und dass deshalb ein Ruhetag geschaffen wurde, das halte ich für einen der großen Erfolge der Menschheitsgeschichte. Und aus dieser Erfahrung eines Gottes, der den Mensch befreit, der ihm Ruhe verschafft, der ihm atmen lässt, folgen dann die weiteren Gebote, die um soziale Belange kreisen. Und auch hier geht es immer um Freiheit.

 

4. Die Zehn Gebote sind also tatsächlich Garanten einer von Gott geschenkten Freiheit. Sie sind Garanten einer Würde, die der Mensch von Gott her hat. Sie sind nicht zuerst moralisch zu lesen, sondern sie sind als Freiheitsdokument zu lesen, um des Menschen willen, seiner Größe, Würde und Freiheit willen.

Franz Langstein

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