02.12.2018

Predigt am 1. Advent C 2019


 Lk 21,25‑28.34‑36

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“. Mit einer solchen Botschaft beginnt die Adventszeit. Die Botschaft einer großen Erschütterung. Ja, einer gewaltigen Erschütterung, einer kosmischen Erschütterung. „Die Kräfte des Himmels werden erschüttert“.    

 

2. Wir wissen natürlich heute, dass diese Texte einem bestimmten damaligem Verständnis geschuldet sind. Man sah in den Ereignissen der Zeit, wie dem Untergang Jerusalems, der damit verbundenen großen Not und dem Leid und der Gewalt jene Zeichen, die darauf hindeuteten, dass jetzt Christus als der Weltenrichter wiederkommen werde. „Dann wird man den Menschensohn mit großer Herrlichkeit und Macht kommen sehen“. Man könnte jetzt den Text beiseitelegen und sagen. Gut, die Menschen haben sich damals geirrt; er ist nicht gekommen. Was sollen wir Heutigen jetzt damit noch anfangen. Aber so leicht kommen wir an diesen oder ähnlichen Texten nicht vorbei. Es stecken darin tiefe Aussagen, die aufhorchen lassen.

 

3. Schon allein die Tatsache, dass die Kirche diese Texte wählt für den ersten Advent. Man könnte doch eher einen Text erwarten, der das vorweihnachtliche Wohlbefinden auch noch liturgisch untermauert und fördert. Stattdessen so ein störender und verstörender Text; und damit auch ein aufrüttelnder Text. Aber irgendwie leuchtet das doch unmittelbar ein: Wenn wir die Adventszeit als jene Zeit nachvollziehen, in der wir uns auf Weihnachten als die Zeit der Ankunft des Herrn vorbereiten, - auch geistlich -, wenn wir also glauben, dass Christus auch in meinem Leben ankommen will, wenn wir also glauben, dass ich die Krippe bin, in die das göttliche Leben gelegt sein will, kann das wirklich ohne Erschütterung geschehen? Kann das einfach so zur Kenntnis genommen werden – alle Jahre wieder mit Jingle Bells – oder sind für die Ankunft des Herrn in meinem Leben nicht Voraussetzungen nötig, die wie Erschütterungen sind? „Die Kräfte des Himmels werden erschüttert, dann wird man den Menschensohn kommen sehen“. Die Erschütterung sind also Voraussetzungen. Also, damit das nicht missverstanden wird: Nicht Erschütterungen über das Kommen des Herrn, nicht erschüttert sein, dass er kommt, sondern Erschütterungen als Voraussetzung für sein Kommen. Das dürfen wir nicht verwechseln. Was ist damit gemeint? Ich will einige Beispiele bringen, und damit soll es genug für heute sein:  

  

4. Mit den Erschütterungen sind Erschütterungen des Lebens gemeint. Sonne, Mond und Sterne als feste Ankerpunkte der Schöpfung verfinstern sich und fallen vom Himmel. Die Fundamente des Lebens zerbröseln. Das kann Verschiedenes sein:

Z.B. eine Schulderfahrung. Jemand hat für sich eine klare moralische Vorstellung. Damit verbunden auch einen bestimmten Lebensidealismus. Seine moralischen Standpunkte sind ihm wichtig. Sie geben ihm Halt und Richtung und – religiös gesprochen – vor Gott das Gefühl, mit Gott im Reinen zu sein. Eines Tages passiert ihm etwas, von dem er nie geglaubt hätte, dass er dazu fähig wäre. Ich denke da an so manche Familienväter, die im Krieg plötzlich fähig waren, andere zu erschießen, die vielleicht wie sie selbst auch Familienväter waren. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf. Alle Ideale sind dahin. Jetzt fühlt sich der Mensch mit Gott nicht mehr im Reinen. Er ist erschüttert, auch religiös erschüttert. Er kommt mit Gott nicht mehr klar. Er spürt so etwas wie den Zorn Gottes. Er hält das nicht aus. Er weist diesen Gott von sich. Er kann mit ihm nichts mehr anfangen. Aber irgendwie, er weißt selbst nicht wie, offenbart sich ihm Gott ganz anders: Gott als der Barmherzige und Liebende und Vergebende. Gott kann nun ganz neu bei ihm ankommen. Der Preis dafür war eine tiefe existentielle Erschütterung. Oder jemand ist sehr stolz auf sich und auf das in seinem Leben Geleistete. Er bringt es auch mit Gott in Verbindung. Ja, so denkt er, dass er deshalb so gesegnet sei, weil er mit Gott verbunden gelebt hat im Gebet und Gottesdienst. Eines Tages sich alles. Er bekommt eine schlimme Diagnose. Sein Leben wird in seinen Grundfesten erschüttert. Und sein Glaube wird zutiefst erschüttert. Nur mühsam lernt er das Loslassen. Und doch geht er am Ende ganz Gott ergeben die letzten Schritte. Gott kann bei er Voraussetzung, dass Gott als der ankommen kann, der er ist und nicht als der, den ich mir vorstelle. Oder nehmen wir die großen Erschütterungen der letzten Jahrhunderte: Die naturwissenschaftlichen Erschütterungen des Christentums. Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Schöpfung. Der Mensch stammt vom Affen ab. Gott hat die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen, wie es in der Bibel steht. Aber diese Erschütterungen haben doch uns erst die Augen geöffnet für einen viel größeren Gott. Mit der immer größer werdenden Erkenntnis der Schöpfung ist doch zugleich die Erkenntnis der Größe Gottes gewachsen. Oder die Erschütterungen der Religionskritiker: Ludwig Feuerbach, der da gesagt hat: Gott ist nur eine Projektionsfläche unserer Wünsche. Der Mensch macht sich Gott, damit seine Sehnsucht ein Ziel hat. Die Kirche hat ihn abgelehnt. Doch hat er nicht recht gehabt? Wieviel unserer Wünsche projizieren wir in Gott hinein? Wieviel Gottesbilder machen wir uns, die Gott zu unserem Gunsten instrumentalisieren? Und weil das Christentum durch die Erschütterungen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erschütterungen der Religionskritiker hindurch gegangen ist, kann heute ganz anders gesehen werden und kann als der Gott auf uns zu kommen, der er ist und nicht als der, den wir gerne hätten.

 

5. Advent, die Zeit der Erwartungen der Ankunft Christi. Der erste Advent stellt uns die großen Erschütterungen vor Augen. Manchmal kann wohl Gott nicht anders zu uns kommen, als dass wir erst einmal in unseren Gottesbildern und Gottesannahmen erschüttert werden.

Franz Langstein

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