02.11.2018

Predigt an Allerseelen 2018


 

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Allerheiligen – Allerseelen: das sind die Feste all der Heiligen und all der Seelen, die uns vorausgegangen sind in den Tod und somit heimgegangen sind in die ewige Liebe Gottes. Alle Heiligen und alle Seelen, nicht nur die mit Namen bekannten Heiligen, die großen Lichtgestalten der Kirche, nein auch die unscheinbaren Heiligen, diejenigen, die nicht heiliggesprochen sind, von denen wir aber doch sagen: Das waren gute Menschen, liebende Menschen, liebende Menschen, aufmerksame Menschen. Alle Heiligen, also diejenigen, deren Güte und Milde schon vergessen ist; deren Tapferkeit und Mut in keinen Geschichtsbüchern steht; deren aufopferungsvolle Liebe wie selbstverständlich war und oft übersehen wurde. An die unbekannten Heiligen wollen wir denken, in deren Nähe das Leben lichtvoll war, schön war, Würde erfuhr. Und aller Seelen wollen wir gedenken, also aller Menschen, die irgendwie mit uns durchs Leben gegangen sind. Wir denken dabei natürlich zuerst an die Menschen, die uns am nächsten standen und die uns viel bedeutet haben. Aber wenn wir wirklich aller Seelen gedenken wollen, dann müssen wir unseren Lebensweg in aller Ruhe einmal überschauen, wer uns da alles zur Seite gegeben war; wer uns da irgendwie begegnet war und wie wichtig diese Begegnungen vielleicht wurden; wer uns da irgendwie doch in guter Erinnerung ist als Mensch, als fröhlicher, in seiner Freude ansteckender Mensch, und wer uns da plötzlich aus den Tiefen der Vergangenheit wieder in Erinnerung kommt: alte Klassenkameraden, Lehrer, Seelsorger, Freunde, Kollegen, Vereinskameraden usw. Und wir werden gewahr, wieviel Menschen mit uns – ob kurz oder für längere Zeit – mit uns auf dem Weg waren, irgendwie guten Einfluss auf uns hatten oder Vorbild für uns waren. Es ist wie ein großer Strom von Menschen, der mit uns dahinzieht durch die Straßen des Lebens.     

 

2. Und wenn wir heute all dieser Menschen gedenken, dann spüren wir auch, dass einer nach dem anderen irgendwann sich einmal still und leise verabschiedet hat und nicht mehr auf den Straßen des Lebens wandelt. Schweigend löste sich einer nach dem anderen aus dem Zug heraus, bog ab vom Weg, so als verlöre sich seine Spur im Dunkel der Nacht. Da gab es so viele Wegkameraden, die man grüßte, die man kannte, wo mach sich gegenseitig half, wenn es nötig war. Und da gab es die vielen, die einen mehr bedeuten als nur Wegkameraden. Das waren die, mit denen Leben geteilt wurde, in guten und schlechten Zeiten. Aber auch hier gilt: Einer nach dem anderen löste sich aus dem Zug und bog vom Weg ab. Wir konnten noch eine Weile mitgehen, aber irgendwann verlor sich dieser Weg im Dunkel des Todes, und wir standen traurig und rätselnd und schmerzerfüllt am Grab. Wir standen an jener Schwelle, über die hinaus der Weg uns unbekannt ist. Und so ziehen wir weiter, alleingelassen, tapfer, manchmal resignierend, manchmal neuen Mut schöpfend, vielleicht einsamer werdend, weil schon so viele gegangen sind, bis wir selbst dann eines Tages abbiegen und den Weg verlassen. Allerseelen – heute gedenken wir also all dieser guten Seelen, die mit uns durchs Leben gingen und uns irgendwie doch in guter Erinnerung geblieben sind.

 

3. Warum gedenken wir Ihrer? Heute? Warum tun wir das? Weil wir sie nicht vergessen wollen. Weil vielleicht unser Leben anders gewesen wäre, hätte es diese Menschen nicht gegeben. Weil sie doch irgendwie vielleicht Vorbilder waren, die unser Leben bereichert haben. Weil wir ihnen viel zu verdanken haben. Weil sie uns Stütze, Trost und Aufmunterung waren. Aber wir feiern noch aus einem ganz anderem Grund Allerheiligen und Allerseelen.

 

4. Es ist der Schmerz, dass sie nicht mehr unter uns sind. Dieser Schmerz ist vor allem die Erfahrung ihrer Abwesenheit. Es ist die Lücke, die Leere, das Schweigen, die Stille. All das fassen wir zusammen mit dem Wort von der „Dunkelheit des Todes“. Wenn die Verstorbenen doch jenseits der Schwelle leben, wieso kommt dann so wenig Licht zu uns herüber? Wenn sie doch in großer Glückseligkeit die Lebensfülle des Dreifaltigen Gottes genießen dürfen, warum dieses Schweigen von jenseits? Hat vielleicht diese klaffende Lücke, die Schweigen und Stille bedeutet, etwas mit dem Schweigen und der Stille Gottes zu tun? Schweigt Gott nicht deshalb, weil er uns sonst mit seiner Stimme und seiner Herrlichkeit und seiner Größe alle Freiheit nehmen würde? Wenn Gott nicht schweigen würde, wenn Gott also offenbar wäre, wie könnten wir dann noch seine Liebe zu ihm beweisen, wenn doch alles klar wäre? Wie könnten wir ihn suchen? Wie ihm vertrauen gerade in der Dunkelheit des Lebens? Nein, ein schweigender Gott ist der Gott, der uns abverlangt, ihn zu suchen jenseits unserer Vorstellungen und jenseits unserer Welt. Ein schweigender Gott ist der Gott, zu dem allein wir uns aufmachen können, ihn zu suchen. Ein schweigender Gott ist der Gott, der uns abverlangt, dass wir uns auf dem Weg machen zu ihm.

 

5. Und damit schließt sich der Kreis. Wir alle sind auf dem Weg, viele mit uns auf dem Weg gewesen. Wer abbog, bog ab in die Dunkelheit des Todes, ins Schweigen Gottes: Weil das Schweigen Gottes gleichzeitig seine Herrlichkeit ist. Die Verstorbenen schweigen uns gegenüber in der Unendlichkeit Gottes so wie Gott schweigt, damit wir diese Unendlichkeit suchen und nicht schon als Gewissheit besitzen. Sie schweigen, weil die Unendlichkeit Gottes so ganz anders ist als unsere Endlichkeit. Sie schweigen womöglich auch so wie Gott schweigt, weil uns erst der Schmerz ihres Verlustes und somit der Schmerz der Liebe uns aufrüttelt, nach dem ewigen Reich Gottes zu fragen und zu suchen.  

 

6. Darum feiern wir Allerseelen. Wir gedenken all der Menschen, die mit uns auf den Wegen des Lebens unterwegs waren, ob für kurze oder für lange Zeit. Einmal sind wir dran und müssen abbiegen in die Dunkelheit des Todes. Und könnte es nicht sein, dass wir dann in einem unbeschreiblichen Jubel nicht nur erfahren, wer Gott für uns ist und wer wir für Gott immer schon gewesen sind, sondern noch einmal viel tiefer und freudiger erfahren, wer wir als Wegbegleiter füreinander waren, dort, wo wir geliebt haben, unterstützt haben, selbstverständlich und oft unaufmerksam die Hilfe und Sorge anderer angenommen haben und so uns noch einmal in nicht geahnter Tiefe uns bewusst wird, wer wir füreinander waren und wie wertvoll Menschen sein können. Deswegen gedenken wir heute all dieser guten Seelen. Und manchmal kann es uns überkommen als Ahnung oder Zuversicht, was Ernesto Cardenal einmal geschrieben hat: „Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen, wir sehen schon die Lichter und hören die Musik.“

Franz Langstein

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(nicht während der hessischen Schulferien)
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Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
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