02.09.2018

Predigt am 22. Sonntag B18


Mk 7,1-23 ( )

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Evangelium zählt eine ganze Reihe von Sünden und Lastern auf: „Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.“ Das ist gleich ein ganzer Katalog von Lastern. Solche Lasterkataloge kommen in der Bibel an mehreren Stellen vor, so im Neuen Testament nochmal im Korintherbrief und im Galaterbrief. Sie sind aber nichts speziell Christliches. Sie sind in der Antike allgemein bekannt. Das Christentum hat wohl die Lasterkataloge aus dem hellenistischen Bereich übernommen. Später haben es gewissen Lasterkataloge auch zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Am bekanntesten ist wohl der Katalog der Sieben Todsünden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier. Todsünden deshalb, weil Menschen, die davon befallen sind, ihrer Lebensfreude verlustig gehen und schweren Schaden nehmen an ihrer Seele bis hin zum Absterben alles inneren Glücksgefühls und Lebenssinns. Auch die Beichtspiegel, die in den Gesangbüchern stehen, sind letztlich nichts anderes als Lasterkataloge. Wir sehen also, dass wir es mit der Aufzählung von Lastern im heutigen Evangelium mit einer langen Tradition zu tun haben.

 

2. Aber etwas Problematisches haben diese Lasterkataloge: Sie sehen nur die reine Tat. Diebstahl, Mord, Neid, Habgier usw. Und der Mensch wird dann eben sofort als Sünder gebrandmarkt, wenn er sich einer der Taten hat zu Schulden kommen lassen. Es gibt kein Mitgefühl und kein Verständnis. Man fragt nicht, wieso hat das jemand gemacht? Man fragt nicht nach den Brüchen und Prägungen und Verletzungen im Leben eines Menschen. Warum ist jemand so, dass er habgierig ist? Ich meine, unsere deutsche Rechtsprechung schaut da schon genauer hin. Wir kennen die Schuldminderung. Wir schauen auf die seelischen und tiefer liegenden Ursachen, warum z.B. jemand zum Mörder geworden ist und kennen die sogenannten „mildernden Umstände“. Und unser Strafvollzug legt immer auch wert, dass der Gefangene therapiert wird. Strafvollzug ist nie nur reine Strafe. Er zielt auch daraufhin, dass ein Mensch wieder gesellschaftsfähig wird. Wir sehen also nie nur die äußere Tat, sondern wir fragen sehr wohl nach den inneren Ursachen und nach der psychischen Konstitution.  Dies gehört heute zum festen Bestandteil einer modernen Rechtsprechung und eine modernen Strafvollzugs.

 

3. Und umso überraschender, weil ganz modern auf der Höhe unserer Zeit, scheint mir das heutige Evangelium zu sein.  Denn Jesus betont auch die innere Einstellung und schaut auf die inneren Ursachen. Jesus sagt: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken: Unzucht, Diebstahl, Mord.. usw.“  Dann folgt der ganze Lasterkatalog. Das heißt also: Die äußere Tat ist nur das Ergebnis eines inneren Zustandes. Bevor jemand zum Mörder wird, ist seine Seele vom Hass zerfressen. Bevor jemand ein Dieb wird, und wir nehmen mal an, dass er das nicht wird, weil er Not leidet, ist seine Seele von Habgier geprägt. Die böse Tat kommt aus einem verstörten Herzen. Wir müssen also genauer hinschauen: Was ist mit einem Mensch los, dass er das Böse tut? Wie ist der Mensch gebaut, dass er fähig geworden ist, das Schlimme zu tun? Was muss vielleicht ein Mensch in seiner Kindheit erfahren haben, dass er so um sich schlägt?  

 

4. Und jetzt frage ich mich, ob das nicht auch gelten könnte für „moderne Lasterkataloge“, also für die Probleme unserer Zeit? Erderwärmung, zunehmende globale Ungerechtigkeiten, so dass Menschen keinen anderen Ausweg finden, als dorthin zu fliehen, wo sie Lebensmöglichkeiten sehen. Das Kollabieren ganzer Staaten. Die zunehmende Schere zwischen Reich und Arm, so dass die Reichen sich auch hohe Mieten leisten können und somit die Mietpreise für andere nicht mehr leistbar sind. Der zunehmende Fundamentalismus. Zunehmende Umweltverschmutzung, Plastikmüll usw.  Müsste man also auch hier wie Jesus sagen: „All das kommt von innen, aus dem Herzen der Menschen.“? Wenn das so ist, dann müsste man doch fragen: Was ist mit uns nicht in Ordnung? Was stimmt mit uns nicht? Wo sind wir innerlich nicht gesund, dass wir der Erde und den Menschen solche Schäden zufügen? Das wäre doch mal eine interessante Frage: An die wirklichen Ursachen gehen: Die menschliche Konstitution hinterfragen, menschliche Abgründe aufdecken; dem ach so perfekten Menschen vorhalten, dass er ganz und gar defizitär ist, sonst wäre unsre Welt nicht so, wie sie ist; dem Menschen klar vor Augen halten, dass in ihm selbst die Ursachen dieser Übel sind. Das würde aber bedeuten, dass wir mal innehalten müssten, mal raus aus der permanenten Ablenkung, die uns immer wieder durch das Glitzern der Lichter und Scheinwerfer vorgaukelt, wir sehr wird selbst glänzend aussehen. Wir könnten uns in der Tat mal selbst die Frage stellen, was stimmt mit uns nicht? Und wie könnten wir geheilt werden?

 

5. Darauf kann man wohl keine erschöpfende Antwort geben. Und schon gar nicht im Rahmen einer Predigt. Aber ich will einen Punkt nennen, der mir gar nicht so verkehrt erscheint. Der Mensch ist ein Wesen, das sich seiner Hinfälligkeit und Vergänglichkeit bewusst ist und deshalb Angst um sich selbst hat. Ein Tier ist in einem jahrmillionenlangen Prozess so in die Natur eingebunden, dass es sich darin wunderbar einfügt und z.B. nicht mehr sammelt, als es tatsächlich zum Leben braucht. Anders der Mensch: Er steht irgendwie außerhalb der Natur und will sie unterwerfen. Er sammelt mehr als er wirklich braucht. Im Gegensatz zum Tier kann der Mensch nicht genug bekommen. Er hat Angst, zu kurz zu kommen. Er hat Angst um sich selbst. Vielleicht könnte hier der Begriff „Erbsünde“ eine ganz neue Bedeutung bekommen. Der Mensch ist ein Wesen, das nicht in der Natur eingebettet ist, sondern sich aus ihr erhoben hat. Somit hat er den Bereich verlassen, der ihn eigentlich schützt. Nun hat er Angst um sich selbst bekommen.

 

6. Wie kann ein Mensch Angst überwinden? Es gibt die schöne Geschichte vom Oberzöllner Zachäus. Von ihm wird in der Bibel berichtet, dass er ein Halsabschneider und Geizkragen war. Er hat habgierig den Leuten ihr Geld weggenommen und hat es so zu großem Reichtum gebracht. Dann kam Jesus und lud sich bei  ihm zum Abendessen ein. Nachher war Zachäus verwandelt. Er gab denen, denen er zu viel Geld abgenommen hat, alles vierfach zurück. Wie war diese Wandlung möglich? Durch die Erfahrung der Liebe. Die Erfahrung der Liebe ist etwas sehr Heilsames. Weil die Liebe sagt: „Du bist für mich wertvoll. Du brauchst keine Angst um Dich zu haben. Meine Liebe schenkt dir Geborgenheit und Frieden“. Weil uns also Christus diese Liebe Gottes gebracht hat, wird Jesus auch als „Heiland“ bezeichnet. Von ihm geht eine heilsame Liebe aus.

 

7. Ich glaube, das müssen wir heute unbedingt wieder neu betonen. Wir beschäftigen uns – auch hier in Marburg – viel zu sehr mit der Frage: wie können wir die Religionen befrieden? Wir sollten uns davon nicht blenden lassen. Es geht von den Religionen, gerade wenn sie den liebenden Gott verkünden, wie Christus es getan hat, ein ungeheures therapeutisches Potenzial aus. Und die Frage lautet: Wie können wir das therapeutische Potential des Evangeliums wirksam werden lassen – gerade heute? Wie können wir die Liebe Gottes neu erfahrbar machen, dass sich Herzen berühren und verändern lassen? Und wir spüren vielleicht auch, wie schädlich es ist, wenn man den Gott Jesu Christi heute als abgeschafft deklariert.

Franz Langstein

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