25.12.2017

Predigt an Weihnachten 2017

Joh 1,1-18


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte von zwei Erfahrungen berichten, die ich in den letzten Wochen machen durfte, und die sich zu dieser Weihnachtspredigt verdichtet haben. Die erste Erfahrung: ich war vor einiger Zeit in einer Gaststätte zum Abendessen. Am gegenüberliegenden Tisch saßen drei junge Erwachsene, ich schätze um die 20 Jahre alt.   Während wir uns am Tisch gut unterhielten, beobachtete ich, dass die drei am gegenüberliegenden Tisch kein Wort miteinander sprachen, sondern alle drei hektisch oder gekonnt auf ihrem Hände spielten oder Nachrichten versandten. Vielleicht, dachte ich, unterhalten die sich auch auf diese Weise. Nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern von Handy zu Handy. Nicht mehr über Schallwellen, die an mein Ohr dringen und etwas in mir auslösen, sondern über elektromagnetische Wellen, die auf dem Handy-Display entschlüsselt werden zu Buchstaben. Eine merkwürdige Art von Kommunikation. Oder aber sie spielten irgendwelche Spiele auf ihrem Handy und waren darin so vertieft, dass sie einander gar nicht mehr wahrnahmen. Ein Leben außerhalb der Realität. Ein Leben in einer virtuellen Welt. In einer künstlichen Welt. Natürlich darf man auch die Frage stellen, warum so viele Menschen in eine künstliche Welt gehen? Halten sie die reale Welt nicht mehr aus? Gibt ihnen die virtuelle Welt jene Anerkennung, die sie in der realen Welt nicht mehr bekommen? Endlich, in der virtuellen Welt, darf ich mal Macht ausüben, darf ich reich sein, darf ich Herrscher sein… Zumindest ist die Frage doch mal erlaubt. Das war die eine Erfahrung: Leben in virtuellen Welten. Die andere Erfahrung: Kurz vor Weihnachten starb ein guter Freund von mir. Ich konnte ihn 10 Tage vor seinem Tod noch besuchen. In seinem Sterbezimmer. Das war keine virtuelle Welt. Das war die reale Welt. Wir begegneten einander. Sprachen nicht viel. Weil wegen Entkräftung nicht mehr viel möglich war. Umso wichtiger waren äußere Zeichen: Ein Lächeln, eine Berührung, vielleicht allein schon die Anwesenheit ein Trost? Als ich sein Zimmer verließ, wussten wir beiden, wir werden uns auf Erden nicht mehr wiedersehen. Wir blickten lange hinterher, bis sich die Tür schloss. Diese letzte Begegnung ging mir noch lange nach. Es war eine Begegnung in der realen Welt. Es zählt dann eben doch nicht die virtuelle Präsenz, sondern die reale Präsenz.

 

2. Und mir ging schlagartig auf: Wenn’s drauf ankommt, dann hilft die virtuelle Welt nichts. Elektronmagnetische Wellen, sichtbar gemacht auf einem Display, taugen nichts mehr. Wenn’s drauf ankommt, dann hilft nur die reale Welt. Das gesprochene und – weil von einem realen Gegenüber – gehörte Wort. Die leibliche Anwesenheit. Die reale Präsenz. Die leibliche Begegnung: Ein Aufmuntern, ein Streicheln, ein sichtbarer Trost. Wenn’s drauf ankommt, dann sind wir plötzlich aus der virtuellen Welt in unsere Wirklichkeit zurückgeworfen. Und wir werden spüren: Wie gut es tut, jetzt ein reales Gegenüber zu haben, einen Menschen, der uns beisteht, der Trost ist, der stützt, der zu uns spricht – von Angesicht zu Angesicht. Wärme, Geborgenheit, Licht, Trost – das geschieht nur in realen Welten.

 

3. Und diese beiden Erfahrungen – die drei jungen Erwachsenen in der Gaststätte, abgetaucht in die virtuelle Welt und die Begegnung im Sterbezimmer – verdichteten sich plötzlich zu der Ahnung: Könnte das nicht etwas mit Weihnachten zu tun haben? Könnte Gott nicht auch seine göttliche Welt verlassen haben und in unsere reale Welt eingetaucht sein? Und zwar aus dem gleichen Grund, weil am Ende doch nur reale Welten helfen? Könnte es also nicht bei Gott auch so sein, dass er um uns weiß,   dass uns nur durch reale Begegnung wirklich geholfen wird? Könnte es also nicht auch sein, dass Gott gar nicht in seiner uns entrückten Welt bleiben kann, dass er also gar nicht einfach nur eine Idee, eine Vorstellung sein will, die vielleicht einen geistigen Kraftakt voraussetzt, sondern dass er ganz einfach real sein will? Von Angesicht zu Angesicht? „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Meint das nicht dieser Satz? „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“. Das reale Schauen, nicht das virtuelle, nicht das rein geistige, nicht das ideenhafte. Es zählt wohl auch für Gott die leibliche Präsenz: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

 

4. An diesen Gott glauben wir Christen. An einen, der wegen uns und für uns leiblich präsent sein will. (Qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis. Et incarnatus est.“   „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen und hat Fleisch angenommen“, hören wir nachher im Großen Glaubensbekenntnis. „Für uns Menschen und zu unserem Heil“, weil, wenn es darauf ankommt, nur die reale Präsenz zählt.

 

5. Wenn er aber tatsächlich kommt, von Angesicht zu Angesicht, dann zunächst mal ganz klein. Damit wir nicht erdrückt werden. Klein wie ein Kind, das das Antlitz seiner Mutter sucht. Und deren Angesicht nicht nur das Kind erfreut, sondern auch die Mutter mit Liebe erfüllt. „Von Angesicht zu Angesicht“.

 

6. Stellten wir uns vielleicht auch mal so vor die Krippe: „Gott, du kommst in meine reale Welt, so wie sie ist, mit Schönem und Schwierigem, mit Freude und Leid, mit Hoffnung und Zweifel, mit Glauben und Unglauben, weil in dieser realen Welt nur die reale Begegnung hilft, tröstet, ermutigt. Da bist du, für mich, für mein Heil. Begegnungsfähig, nicht ideel oder rein geistig.“ Und wenn wir so vor der Krippe stehen, vielleicht auch mit einem heiligen Schauder und einer Ehrfurcht vor dem Unfassbaren, der ein Fassbarer geworden ist, dann könnte uns bewusst werden, dass diese Realpräsenz des Gottessohnes nicht beschränkt blieb auf die Jahre seines Lebens auf Erden, sondern weiterlebt in den Sakramenten der Kirche, gerade jetzt, wo wir über Brot und Wein seine Gegenwart mit den Worten proklamieren: „Leib und Blut Christi“. Da haben wir es wieder: Es zählt die leibliche Gegenwart.

Franz Langstein

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