25.05.2017

Predigt an Christi Himmelfahrt 2017



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Christi Himmelfahrt – da kommt mir immer eine Begebenheit in den Sinn, die ich im Religionsunterricht einer Grundschule vor vielen Jahren erlebt habe. Wir haben dort kurz vor Himmelfahrt eben über das Fest „Christi Himmelfahrt“ gesprochen und ein Kind antwortete auf die Frage, was denn am Himmelfahrtstag passiert ist, sofort: „Da ist Jesus verdunstet“. Was das Kind hier in seiner Vorstellungswelt mit Himmelfahrt verbindet, ist sehr interessant. Das Kind fühlt sich wohl an das Verdunsten von Wasser erinnert. Wie Jesus hat wohl Wasser hat die Fähigkeit, zu verschwinden.  Da geht etwas vom flüssigen Zustand in einen diffusen Zustand über. Da wird etwas, was bisher noch greifbar war, plötzlich nicht mehr greifbar. Etwas Sichtbares wird unsichtbar. Aber – und das ist das Interessante – es bleibt. Nur anders. Das, was da verdunstet, ist kein greifbares Gegenüber mehr, sondern erfüllt jetzt den ganzen Raum. Das mit dem „Verdunsten“ ist eine ungeheuer treffende Beschreibung von Christi Himmelfahrt. Da verschwindet Jesus als greifbares Gegenüber, bleibt aber gegenwärtig, aber anders. Da entzieht sich Jesus der Sichtbarkeit seiner Jünger; und trotzdem verkünden diese später: „Er ist mitten unter uns“.  „Verdunsten“ ist ein treffendes Wort für diese Erfahrung.

 

2. Heißt das nun, dass wir Folgendes sagen dürfen: Seine Unsichtbarkeit ist die dichteste Form seiner Gegenwart? Sein Schweigen wird zur dichtesten Erfahrung seiner Zusagen? Seine Abwesenheit  ist die dichteste Form seiner Anwesenheit? Die Stille, die manchmal unerträgliche Stille wird zum Raum, den er ganz ausfüllt? Denn jedes Geräusch wäre nur etwas im Raum, die Stille aber ist alles im Raum. Wie Wasser nur etwas im Raum ist, aber wenn es verdunstet, den ganzen Raum erfüllt. Und ist dann vielleicht sogar seine gefühlte Ferne die dichteste Form seiner Nähe? Weil eben ein Menschen nur das als fern wahrnehmen kann, was er vermisst. Und indem er es vermisst, geht es ihm sehr nahe. Wir fühlen manchmal Gott als fern, weil wir ihn vermissen; und indem wir ihn vermissen, geht dieses Vermissen uns so nahe, dass wir  sagen könnten: Im Vermissen ist er uns nahe. Ja, das Vermissen selbst wird zum Zeichen seiner Nähe. Die Ferne ist die Form seiner Gegenwart. Himmelfahrt wirft Fragen auf. Er ist weg – und doch sagen die  Apostel, er ist nah. Das kann doch nur heißen, dass er im Wegsein nahe ist.  Wenn wir das einmal ganz ernst nehmen und durchbuchstabieren, was kann das dann heißen!

 

3. Karl Rahner hat einmal in einer Betrachtung über das Sterben in einem für ihn typisch lagen Satz einen kleinen Nebensatz eingebaut: „dass diese ungeheure schweigende Leere, die  wir als Tod empfinden, in Wahrheit erfüllt ist von dem Urgeheimnis, das wir Gott nennen“. Da haben wir ein radikales Ernstnehmen dessen, was vielleicht Himmelfahrt meint: Die schweigende Leere, diese erdrückende Ferne und Stille Gottes, ist in Wahrheit erfüllt von ihm. Wo Gott schmerzhaft als schweigend empfunden wird, ist er da. Wo Gott als fern empfunden wird, ist er gegenwärtig. Wo er als abwesend erfahren wird, ist er anwesend. Himmelfahrt ist die Umkehrung seiner Gegenwart.

 

4. Es gibt da die bestürzende Erzählung von Rabinnern, die im Konzentrationslager Gericht halten über Gott. Sie klagen ihn an. Sie führen einen Prozess gegen Gott. Das Tribunal tagte lange und der Prozess zog sich hin. Anklagepunkt für Anklagepunkt wurden vorgetragen. Am Ende ging es um das Urteil. Schuldig oder Nichtschuldig. Ist Gott schuldig oder nichtschuldig. Nachdem alle erdrückenden Anklagepunkte vorgetragen waren, zog sich das Tribunal zur Beratung zurück. Dann wurde das Urteil verkündet. Schuldig. Gott ist schuldig. Dann herrschte Schweigen – ein endloses bedrückendes Schweigen. Dann sagte einer der Rabbiner: „Und nun meine Freunde, lasst uns gehen und beten.“ Gott anbeten in der Erfahrung der Abwesenheit Gottes, des Schweigens Gottes und der Ferne Gottes.  Es ließen sich weitere Beispiele anfügen: Wäre dann die Erfahrung seiner Ferne auf dem Krankenbett in Wahrheit die Form seiner Gegenwart? Wäre das Dunkel des Zweifels in Wahrheit erfüllt von seinem Licht? Wäre die Ungewissheit bei all den Irrungen und Wirrungen des Lebens darüber, wie sinnvoll das eigene Leben sein mag und ob es sein Ziel erreichen wird, dann in Wahrheit erfüllt von seiner Liebe und Gegenwart? Wäre womöglich das damit gemeint, wenn wir Christen von Erlösung sprechen?

 

5. Warum lege ich heute so viel Wert auf diesen Aspekt von Himmelfahrt, wo wir doch heute den Beginn unseres Jubiläums „500 Jahre Kugelkirche“ feiern. Weil diese Kirche, insofern sie Kirche war, immer hineingestellt war und heute hineingestellt ist in eine scheinbare Gottesferne. Einst von den Kugelherren gegründet als Ort einer Reformbewegung inmitten einer Zeit, in der Gott in der Kirche nicht mehr vorzukommen schien. Bald darauf geschlossen. Etwa 300 Jahre mussten vergehen, bis sie wieder Kirche war. Dann in einer Zeit des Ultramontanismus, einer schlimmen Variante katholischer Abkapselung und Rechthaberei. Und dann die beiden Weltkriege und jetzt die Moderne. Immer schien Gott oder scheint Gott fern zu sein, und diese Kirche steht hier trotz allem als Zeichen seiner Gegenwart. Inmitten der Zeit und kündet dieser Zeit: Er ist nicht fern und war nie fern. Ja, seine Ferne ist seine Gegenwart.

 

6. Christi Himmelfahrt. Er entzog sich ihren Blicken. Und trotzdem ist er da. Ja gerade deshalb.

Franz Langstein

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