19.03.2017

Predigt am 3. Fastensonntag A17

Joh 4, 5-42


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Was für eine wunderbare Geschichte, die uns im Johannes-Evangelium überliefert ist. Höchste orientalische Erzählkunst. Das Johannes-Evangelium ist abgefasst um das Jahr 100 nach Christus. Das heißt bereits schon in der dritten Generation nach Christus. Es haben also die Generationen vorher schon nachgedacht über das Christus-Ereignis. Die Reflexion darüber, wer denn Jesus sei, war vorangeschritten.   Das Johannes-Evangelium ist auf einer ganz anderen Reflexionsstufe als die anderen Evangelien. Und es ist die große Kunst des Johannes-Evangeliums, die Ergebnisse des Nachdenkens über Christus in wunderbare Geschichten zu kleiden, die wohl sicherlich vorher schon mündlich weitergegeben und verfeinert wurden. Was also hat das Nachdenken über das Christusgeheimnis hervorgebracht und wie findet es sich wieder in dieser heutigen Geschichte von der Samariterin am Jakobsbrunnen?    

 

2. Das Johannes-Evangelium ist einzigartig. Wollte man beschreiben, was daran einzigartig ist, ließe sich so manches aufzählen. Gewiss aber gehört Folgendes dazu: Nehmen wir doch mal solche Sätze aus dem Johannes-Evangelium wie: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ „Niemand hat den Vater je gesehen. Der Einzige, der am Herzens des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ „Wer mich sieht, sieht den Vater“. Es ließen sich noch weitere Sätze ähnlichen Inhalts wiedergeben. Was haben all diese Sätze gemeinsam? Es geht um das Sichtbarmachen eines Unsichtbaren. Es geht um das Erfahrbarkeit von jemand Verborgenem. Es geht um das Offenbarwerden von jemand Unvorstellbarem. Kurz: Es geht um die Sichtbarwerdung und um die Erfahrbarkeit und um die Offenbarung Gottes. „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Das tief im Herzen Gottes sitzende Liebeswort hat sich in Christus ausgesprochen und ist hörbar und erfahrbar und sichtbar geworden. „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Das, so könnte man sagen, ist ein Hauptanliegen des Johannes-Evangeliums: Der unsichtbare Gott hat sich in Christus geoffenbart. Und dieses Thema findet in der heutigen Erzählung von der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen seinen Niederschlag in höchster Erzählkunst.

 

3. Das ist von einem Brunnen die Rede, in dessen Tiefe lebendiges Wasser fließt. „Lebendiges Wasser“ ist fließendes Wasser, also immer frisches Wasser, im Gegensatz zu Zisternenwasser. Da ist also ein Brunnen, in dem tief unten Wasser durchfließt. Verborgen im Brunnen. Es kommt einen gleich in den Sinn: Gott ist dieses lebendige Wasser. Tief verborgen als Geheimnis jenseits von Raum und Zeit. Wie aber findet man Zugang zu diesem Wasser? Nun hören sich diesen Dialog an, nachdem Jesus die Frau darum gebeten hat, Wasser zu schöpfen und ihm zu trinken zu geben: „Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin um Wasser bitten? Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm geben, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“. Ist das nicht wunderbar? Dieses verborgene lebendige Wasser, also die göttliche Lebensfülle, ist uns erschlossen durch Jesus Christus. „Du hättest ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben, das ewiges Leben schenkt.“ In Christus ist uns also nicht nur der unsichtbare Gott erschienen, sondern in Christus hat sich die verborgene Lebensfülle Gottes uns so erschlossen, dass wir daran teilhaben. Auch in uns fließt dieses lebendige Wasser, das göttliche Leben, das unserem Leben Ewigkeit verleiht.    

 

4. Damit ist auch noch etwas anderes angesprochen: es gibt nicht nur einen leiblichen Durst nach Wasser, sondern auch einen geistigen und geistlichen Durst nach dem lebendigen Wasser, also nach Sinn, nach Geborgenheit, nach der Erfahrung, dass das je eigene Leben zutiefst gut und geborgen ist. In diesem Durst nach lebendigem Wasser, das Jesus gibt, leuchtet etwas auf vom Geheimnis des Menschen. In den Tiefen unserer Existenz leben wir von einer anderen Quelle als den irdischen Wassern. Wir leben aus Gott, der uns in Christus sein göttliches Leben mitteilt. Jeder Mensch empfängt sich aus einem Geheimnis. Jeder lebt in viel größeren, über das Irdische hinausgehenden Zusammenhängen. Jeder ist in eine viel tiefere Geborgenheit eingebunden als er je von sich denken mag.

 

5. Es ist nur folgerichtig, dass spätere Generationen weiter reflektiert haben und gesagt haben: Der ewige Vater ist das verborgene lebendige Wasser; der Sohn ist der, der von dem Wasser schöpft und es uns schenkt; der Heilige Geist selbst ist das Wasser, die Lebensfülle Gottes. Bis zu den Formeln der Dreifaltigkeit ist es nicht mehr weit. Aber: Man kann den Glauben in Formeln bringen, oder man kann den Glauben in wunderbare Erzählungen kleiden, in Poesie vermitteln. Wenn man so will, dann ist das heutige Evangelium ein poetisches Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit.

Franz Langstein

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