17.12.2017

Predigt am 3. Adventssonntag



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn uns die Kirche in diesen Wochen in den Advent führt, dann geschieht dies zunächst einmal so, dass uns die Erwartungshaltung des jüdischen Volkes vor Augen geführt wird. Wir hören vor allem Lesungen aus dem Alten Testament, besonders Prophetentexte, voller Verheißung und Erwartung. Deswegen ist es gut, dass wir uns diese Erwartungshaltung der Juden vor allem zur Zeit Jesu in Erinnerung rufen. Israel war als Volk über viele Jahrhunderte Spielball der Großmächte. Unter den Königen David und Salomo erreichte es seine größte Ausdehnung und wohl den größten Glanz. Dann aber wechselten sich die Besatzungsmächte der Reihe nach ab. Nach den Assyrern im 8. Jahrhundert vor Christus übernahmen die Babylonier im 6. Jahrhundert v. Chr. die Herrschaft, nicht ohne das Volk in die Sklaverei zu führen. Dann übernahmen die Perser die Vorherrschaft im Vorderen Orient, dann die Griechen und zur Zeit Jesu waren es die Römer. Die Repression unter den Römern war besonders hart. Das ist die eine Seite: Die Erfahrung der ständigen Unterdrückung. Dann kommt noch etwas Zweites hinzu: Israel verstand sich als das auserwählte Volk Gottes. Wie geht das überein mit der Erfahrung von Unterdrückung? Müsste Gott auf sein Volk nicht besser aufpassen? Wann gehen die Verheißungen einer Gottesherrschaft in Erfüllung? Diese beiden Wirklichkeiten: Erfahrung von Unterdrückung, Glaube an die Verheißungen Gottes, die in Erfüllung gehen. Dies förderte eine enorme Messiaserwartung. Unter Messias freilich verstand man den Befreier, der Israel die Gottesherrschaft bringt. Und je mehr das Volk unterdrückt wurde, umso mehr stieg diese Erwartungshaltung. Zur Zeit Jesu gab es so manche Messiasse, die Israel befreien wollten aus der Knechtschaft des Römischen Reiches. Die Hoffnung nach einem Eingreifen Gottes wuchs in dem Maß, wie die Hoffnungslosigkeit zunahm.   

 

2. Und auf diesem Hintergrund wird nun besser verständlich, was wir im heutigen Evangelium gehört haben: „Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu Johannes dem Täufer sandten mit der Frage: Wer bist du?“ Offensichtlich fragte man sich bis in die höchsten jüdischen Kreise, ob nicht Johannes der Täufer der Messias sei. Und diese Frage sollte geklärt werden. Sie sandten also eine Abordnung an den Jordan und fragten Johannes, ob er der Messias sei. „Und Johannes bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein.“ Diese Antwort ist zunächst einmal ziemlich enttäuschend für jene, die sehnsüchtig auf einen Retter warten. „Was, du bist es nicht?“ Und es zeugt von der Größe des Johannes, dass er nicht der Versuchung unterliegt und sich zum Retter aufschwingt. Das ist eine Versuchung, die vor allen jene spüren, die Verantwortung tragen. Was wird alles von so einem erwartet: Er wird`s schon richten. Mit ihm wird alles besser. Wir brauchen den „starken Mann“. Donald Trump, der Messias Amerikas. Das ist die Versuchung, eigene Grenzen nicht zu erkennen. Johannes der Täufer bekennt frei heraus: Ich bin nicht der Messias, auch nicht Elija oder irgendein anderer Prophet.“ Das ist auch die Versuchung des Volkes, sich einem Starken anzuvertrauen. Sprücheklopper haben es leicht. Wir brauchen wieder eine Partei, die durchgreift. Diese Parteien sind wieder im Kommen. Irdische Messiaserwartungen. Wie enttäuschend und gleichzeitig so heilsam ist das Bekenntnis des Johannes: Ich bin nicht der Messias. Bleibt realistisch.

 

3. Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt, den ich noch ein wenig vertiefen möchte. Messiaserwartungen sind immer Heilserwartungen. Was sind unsere Heilserwartungen? Wenn man so das je eigene Leben mal betrachtet: Ja, als Kind. Was haben wir Weihnachten erwartet. Wir haben die Tage abgezählt: „Noch 10x schlafen“ usw. Als Jugendlicher dehnen sich die Erwartungen aus und gehen in die Zukunft. Was will ich in meinem Leben? Was ist mir wichtig? Was erwarte ich vom Leben? Eine Umfrage unter Jugendlichen hat ergeben, dass in der Erwartungsliste ganz oben steht: Familie, feste Beziehung, einen Ort der Geborgenheit. Manche sagen auch einen guten und erfüllenden Beruf; manche denken materialistischer und erwarten, dass sie später mal viel Geld verdienen. Und tatsächlich erfüllen sich so manche Erwartungen: Familie, Kinder, guten Beruf, später vielleicht sogar Enkelkinder. Viele Erwartungen haben sich erfüllt. Und die, die sich nicht erfüllt haben, damit kann man auch leben. Man kann schließlich nicht alles haben. „You can’t allways get what you want“ haben dann sogar die etwas reiferen Rolling Stones gesungen. Und was aber dann, wenn sich vieles erfüllt hat? Wie oft hört man ältere Menschen sagen: Was kann ich vom Leben noch erwarten? Das muss nicht negativ sein oder gar des Lebens überdrüssig verstanden werden. Das kann man auch so verstehen, dass da eines Menschen Erwartungen im Leben Erfüllung gefunden haben und nun nichts nicht mehr bleibt, was noch zur Erfüllung kommen müsste. Irgendwann kommt der Mensch auch zu der Einsicht, dass man nun keine allzu großen Erwartungen mehr an das Leben noch stellen kann. Irgendwann spürt man: Das war’s jetzt: Familie, Beruf, gutes Auskommen, am Ende Alleinsein. Aber vielleicht muss der Mensch auch genau diese Erfahrungen machen, dass er keine allzu großen Erwartungen mehr hat oder gar keine Erwartungen mehr hat, weil es irdisch tatsächlich nichts zu erwarten gibt. In der Erfahrung, dass es irdisch nichts mehr zu erwarten gibt, öffnet sich die Möglichkeit, seine Erwartungen über das Irdische hinaus auszurichten. Man lästert manchmal und sagt: „In vielen Kirchen gehen nur noch Alte zum Gottesdienst“. Aber vielleicht liegt gerade dieser Tatsache eine Erfahrung der älteren Menschen zugrunde, die wir Jüngere noch nicht haben.

 

4. Und jetzt kommt wieder Johannes der Täufer ins Spiel, diese große adventliche Gestalt. „Ich bin nicht der Messias“, bekennt er. Damit enttäuscht er die aus Jerusalem Gesandten. Aber genau diese Enttäuschung  ist so heilsam. Eure Erwartungen nach einem Messias bzw. – was dasselbe ist – eure Erwartungen nach einem Heil, die müssen solange enttäuscht werden, bis ihr versteht, dass das eigentliche Heil nicht von einem starken Mann oder eine Partei oder vom Militär oder vom Geld herkommt. Irgendwann müsst ihr mal sagen: Ich kann hier eigentlich nicht das Heil erwarten. Erst dann, dann habt ihr die Voraussetzungen, dass ihr euch für den wirklichen Messias öffnen könnt, für den, der von Gott gesandt ist und Gott selbst ist. Und dessen Heil ganz anders kommt: Nicht aus der Erfahrung von Macht und Stärke, sondern aus der Erfahrung der Liebe, auch der gekreuzigten Liebe.  

Franz Langstein

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