17.09.2017

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 18,21-35


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das heutige Evangelium erzeugt beim Hören an sich ja schon irgendwie so eine Art Unfassbarkeit: Kann es sein, dass der, dem gerade ein Millionenbetrag (zehntausend Talente) vergeben worden ist, einem anderen, der ihm ein paar Cent (hundert Denare) schuldet, deshalb ins Gefängnis werfen lässt? Aber am Ende des Evangeliums steht dann ein Satz, der mehr als nur verwunderlich ist: „Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt“. Kann Gott so sein? Ist Gottes Vergebungsbereitschaft genauso kleinkariert wie die des Menschen? Lässt sich Gottes Vergebungsbereitschaft durch Zorn verdunkeln? Wir dürfen das so nicht verstehen. Um diesen schwierigen Satz, der nach Rache klingt, richtig zu verstehen, tut es gut, uns einmal zu vergegenwärtigen, was eigentlich Vergebung bedeutet.

 

2. Jeder Mensch ist so, wie er ist, d.h. er hat seine guten und weniger guten Seiten. Er kennt Erfolg und Versagen. Er tut Gutes, und er lädt Schuld auf sich. Licht und Finsternis: Beides ist in ihm. Das Lichtvolle und das Gute kehren wir gern hervor, das Dunkle verbergen wir gern. Denn das Gute und Erfolgreiche ist es, wofür wir gern gelobt werden. Das Versagen bleibt möglichst verborgen, weil es Kritik oder Ärger oder gar Ablehnung einbringt. Jeder wünscht sich solche Worte: „Du bist gut, ich brauche dich, du bist wichtig und wertvoll, ich habe dich gern“. Und schlimm ist das Gegenteil: Hat einmal versagt, bekommt man das das ganze Leben zu spüren: „Du taugst zu nichts, du bist überflüssig, zu nichts zu gebrauchen, wir wollen dich nicht.“ Der Weg ist dann nicht weit, dass man sich selbst ablehnt. Man wird unzufrieden mit sich selbst. Man kann sich nicht annehmen, sich nicht im Spiegel betrachten. Die anderen haben ja recht, wenn sie sagen, dass ich blöd bin. Man wird neidisch auf die anderen, die Besseren, die Hübscheren, die Reicheren... Und das kann dann so weit gehen, dass man anfängt, Theater zu spielen. Wir geben uns nicht, wie wir sind. Wir machen uns was vor. Je nach Bedarf geben wir uns so, dass wir akzeptabel sind. Das ganze wird dann zu einem Gesellschaftsspiel mit je eigenen Spielregeln.

 

3. Aber irgendwann erkennen die Menschen das Versteckspiel. Es macht fremd, es entfremdet, es schafft Misstrauen. Man müsste damit aufhören können. Das geht aber nur so, wenn jemand mich mit meinen Macken annehmen kann, und wenn ich mich mit meinen Macken annehmen kann. Und das thematisiert ein neues Geistliches Lied. Der Text:

„Wenn du einen dann und wann nicht leiden kannst,

dann erst geht Liebe an.

Und wenn du bald des andern Schwächen kennst,

und wenn du ihn dann gerne lästig nennst;

wenn sich herausstellt, dass er anders ist,

und anders denkt, als du erzogen bist –

wenn du ihn leid bist dann und wann,

dann erst fängt Liebe an“.

Diese Liebe also, die nicht irgendetwas am anderen liebt (sein Vermögen, seine Güte) und die dies nicht zur Bedingung macht, sondern die Liebe, die wirklich den anderen meint so wie er ist und ihn bejaht, - nüchtern, entschieden - , eine solche Liebe geht symbiotisch einher mit Vergebung. Vergebung bedeutet die Totalannahme des anderen, so wie er ist, und nicht wie ich ihn haben will. Diese Vergebung ist nötig, damit Menschen so sein können, wie sie sind.   Ja, im weitesten Sinn ist diese Vergebung Liebe.

 

4. Und darauf sind wir Menschen angewiesen. Denn letztlich schafft dies sogar den Sinn des Lebens. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ich viel besitze, große Kariere mache oder sonst irgendwie Äußerlichkeiten vorzuweisen hätte – diese alle vergehen -, sondern der tiefste Sinn des Lebens besteht darin, dass jemand zu mir sagt: „Ich liebe dich“. Und zwar, nicht weil du gut bist, sondern weil es dich gibt. Und zu deinem Leben gehören auch Schatten und Dunkelheit, aber es in der Liebe, in der Vergebung geborgen. Sie tun deinem Wert keinen Abbruch.

 

5. Ich glaube, wir ahnen jetzt: Wo Menschen sich dieser grundsätzlichen Liebe und Vergebung verweigern, wird ein Leben zum Theater, zum Versteckspiel, im schlimmsten Fall zu Hölle. In den USA wurde einmal ein Mörder verhört. Beim Verhör wurde ihm abgrundtiefer Hass attestiert. Der Mann konterte: „Ich hasse nicht, ich werde gehasst“. Er hat wohl nie diese Liebe und Vergebung erfahren. So kann Leben zur Hölle werden.

 

6. Und jetzt können wir auch den Schlusssatz des Evangeliums besser einordnen:   „Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt“. Es ist nicht Gott, der die Hölle bereitet, das tun wir Menschen dann schon selbst. Nur wird der Mensch Gott dafür verantwortlich machen.

 

7. Und das macht das Evangelium erschreckend deutlich: Der eine bekam Millionen erlassen. Bildlich heißt es: Er erfuhr grenzenlose und bedingungslose Vergebung und Liebe. Totalannahme seines Lebens. In dieser Totalannahme erfuhr er den Sinn seines Lebens: „Es ist schön, dass es dich gibt.“ Aber diese Erfahrung perlte an ihm ab wie Wasser auf Wachs. Er konnte wohl selbst dieser Liebe nicht trauen. Wie misstrauisch muss ein Mensch sein, wie zutiefst verstört und vielleicht sogar zerstört, dass ihm das nichts half. Die Selbstzerstörung greift um sich und einem, der ihm ein paar Cent schuldete, konnte er nicht verzeihen. Das ist wohl auch die Hölle, wo Menschen für die Liebe nicht mehr empfänglich sind. „Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.“ Wer nicht mehr empfänglich für die Liebe ist, der lebt in der Hölle, nicht erst im Jenseits, sondern schon im Diesseits.

Franz Langstein

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