14.04.2017

Predigt am Karfreitag A17



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich möchte heute am Karfreitag eine Begebenheit erzählen, die sich nicht ereignet hat, aber sich gewiss hätte ereignen können. Wer weiß, vielleicht hat sie sich sogar irgendwo ereignet. Ich schlüpfe in dieser Geschichte, die ich frei erfunden habe, in den Ich-Erzähler. Sie wirkt dadurch authentischer.    

      

2. Nach vielen Jahren Tätigkeit als Pfarrer in einer Großstadt bat ich den Bischof, mich die letzten Jahre meines Dienstes in eine kleinere Gemeinde zu versetzen. Irgendwo in ein katholisches Dorf. Der Bischof, der um meine gesundheitlichen Probleme wusste, gestattete mir diesen Wunsch und vertraute mir eine Gemeinde im Osten Bayerns an. Ein Ort mit 1500 Seelen. 98% Katholiken. Der Unterschied zu meiner vorherigen Gemeinde war enorm. Hier kannte jeder jeden. Als Pfarrer hatte ich sehr schnell ausgemacht, wo man die Menschen seiner Gemeinde treffen kann. Freilich, da war der Sonntagsgottesdienst, immer noch gut besucht. Die vielen Gruppen und Gemeinschaften. Die Vereine wie Schützenverein, Feuerwehr, Jagdverein St. Hubertus usw. Wo immer ich hinkam, ich war willkommen und mitten drin. Wenn ich zum Einkaufen ging, musste ich weit mehr Zeit einplanen als das reine Einkaufen gedauert hätte. Ich traf Leute im Supermarkt, die mich ansprachen. Mal ein kleiner Small-Talk, mal Ernsthafteres. Ich erfuhr, wer krank war, wo es Probleme gibt, welche Sorgen so mancher mit sich herumtrug.  

 

3. Und es gab die Gaststube „Zum Goldenen Hirschen“. Sehr schnell stellte ich fest, dass sich dort abends die Männer der Gemeinde trafen. Mal mehr, mal weniger. So machte ich es mir zur Angewohnheit, hin und wieder die Gaststube aufzusuchen. Freilich bekam ich sofort einen Platz angeboten; und die Menschen waren froh, dass der „Herr Pfarrer“ vorbeikam. Und ich stellte auch sehr schnell fest, dass nach dem zweiten oder dritten Bier – der Bärwurz zwischendurch durfte nicht fehlen – sich Herz und Zunge lösten. Die Gespräche wurden lauter, intensiver, mal fröhlicher, mal auch ernster.

    

4. Und ich erinnere mich dabei an eine seltsame Begebenheit. Es war in der Karwoche. Ich wusste, dass heute Stammtisch des Jagdvereins St. Hubertus war. So ging ich zum Goldenen Hirschen, einfach um mich dazu zu setzen. Wie immer war ich sehr willkommen, dieses Mal fiel die Herzlichkeit wohl ein wenig intensiver aus, weil man mit mir in der Karwoche nicht gerechnet hatte. Und es kam, wie es meistens kam: Nach dem zweiten Bier wurden die Gespräche intensiver, ja persönlicher. Die Leute hatten mittlerweile auch Vertrauen zu mir gewonnen. Man wusste, vor dem Pfarrer braucht man nichts zu verbergen. Und so fing einer an zu erzählen von seinem Bauernhof. Die Preise auf dem Markt würden alles kaputt machen. Er wüsste schon bald nicht mehr, ob er den Hof noch halten könne. Einige Angestellte machten schon Kurzarbeit. Wenn es so weiterginge, müsste er sie auch noch entlassen. Einige haben Familie. Seine Sorge, seine Angst, ja seine ganze Ohnmacht war deutlich zu spüren und entlud sich an den Politikern, die dem Höfesterben tatenlos zuschauten. Nach einer Weile erhob ein andere seine Stimme und erzählte von seinen Problemen in der Familie. Einer seiner Söhne ist dabei, auf die schiefe Bahn zu geraten. Er habe zweifelhafte Freunde und es bestünde der Verdacht, dass Drogen im Spiel sind. Die schulische Leistung habe stark abgenommen; ja manches Mal würde er einfach die Schule schwänzen und irgendwo rumlungern. Den Kontakt zur Kirche habe er schon lange abgebrochen – „früher war er doch mal so ein fleißiger Ministrant“ – und reden können man mit ihm überhaupt nicht mehr; das würde alles nur noch schlimmer machen. Es entstand eine kleine Stille, Ausdruck der Ratlosigkeit, der Ohnmacht, aber auch der stillen Anteilnahme. Keine falschen Worte, keine billige Vertröstung. Still sein. Nach einer Weile meldete sich noch einer zu Wort. Er sagte es sehr direkt. Vielleicht nutzte er die Gelegenheit, dass ich als Pfarrer am Tisch saß: „Ich kann nicht mehr glauben, Herr Pfarrer. Ich gehe noch in die Kirche, aber zum Schein.“. Es stellte sich heraus, dass seine Frau schwer erkrankt war und kaum Aussicht auf Genesung bestand. „Gott würde sowieso nicht helfen. Es wird ihn wohl gar nicht geben.“

 

5. Karwoche. So viel Leid, so viele Sorgen an einem Tisch. Plötzlich fiel mein Blick auf die obere Ecke der Gaststube. Dort befindet sich das, was es in bayrischen Gaststuben sehr häufig gibt: Der Herrgottswinkel. Ein schräg in die Ecke angebrachtes Kreuz mit dem gekreuzigten Christus. Ich habe schon öfter zum Herrgottswinkel hingeschaut, aber dieses Mal durchströmte mich ein seltsames Gefühl. Der Herrgottswinkel befindet sich genau über dem Stammtisch. Es kam mir vor, als würde der Gekreuzigte selbst am Tisch sitzen und als das Leid, das hier beklagt wurde, selber tragen. Es schien mir plötzlich wahr zu werden, was wir bald an Karfreitag bekennen werden: „Er hat unsere Wunden getragen.“ Irgendwie leuchtete es mir plötzlich ganz neu ein, dass die Liebe Gottes, die Gemeinschaft mit uns Menschen sucht, für Gott nur über das Kreuz geht, da wir selbst durch Schicksal und Leid Gekreuzigte sind. Im Kreuz ist Gott eins mit uns und wir eins mit ihm.

 

6. Ich hing diesen Gedanken nach. Man merkte es mir wohl an, dass mein Blick am Herrgottswinkel haftete. Vielleicht spürten die Männer etwas vom Geheimnis des Gekreuzigten. Es entstand wieder eine Stille. Plötzlich sagte einer, dass er zahlen wolle. Die Runde schloss sich dem an; irgendwie betreten und still ging man an diesem Abend auseinander. Die Männer sah ich wieder bei der Karfreitagsliturgie. Mir schien, als wären sie intensiver dabei. Und ich hoffte, dass sie, wenn sie am Ostersonntag wiederkämen, auch tief im Herzen den Satz des Apostels Paulus vernehmen: „Wenn wir aber mit Christus gekreuzigt sind, werden wir auch mit ihm auferstehen.“

Franz Langstein

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