13.04.2017

Predigt am Gründonnerstag C17



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich sage da wohl nichts Verkehrtes, wenn ich feststelle, dass wir heute in einer Zeit leben, in der es eine zunehmende Unkenntnis gibt über unseren Glauben, unsere Religion und auch über Gott. Für immer mehr Menschen spielt Gott immer weniger eine Rolle. Ja, es gibt Menschen, die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Die Plausibilität einer Existenz Gottes ist rapide gesunken.        

 

2. Das hat Gründe: Einmal sind es die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die uns vieles erklären, wofür früher Gott als Ursache ausgemacht wurde. Dann ist es das Lebensgefühl vieler Menschen, die da sagen: „Ich brauche Gott nicht für mein Wohlergehen. Mir geht es gut. Mit oder ohne Gott: Was ändert sich schon?“ Und dann sind da natürlich die großen Erfahrungen von Leid und Not. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Auschwitz, Leid in Syrien, Terror auf der Welt. Jeden Abend via Fernsehen in unseren Wohnzimmern präsent. Und dann natürlich, - auch das muss an der Stelle gesagt werden   - ist es auch die Art und Weise, wie Gott verkündet wird. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sehr mutig bekannt, dass oft ein falsch verkündeter Glaube die Schuld daran habe, dass Menschen sich von Gott abwenden. Das galt natürlich noch besonders für die damalige Zeit, in der der Glaube an Gott sich speiste durch die Angst: Angst vor der Hölle; Angst, nicht genügend für Gott getan zu haben; Angst, eine Todsünde begangen zu haben, obwohl man gar nicht so recht wusste, was das eigentlich war usw. Das mag vielleicht genügen als Aufzählung der Ursachen, warum es heute schwerer geworden ist, an Gott zu glauben. Ich weiß, dass es da noch viele weitere Gründe geben mag, vor allem persönliche Gründe. Da kann es einfach sein, dass der Glaube sich verflüchtigt und Gott „verdunstet“, nicht mehr fassbar, greifbar, als gegenwärtig erfahren wird.    

 

3. All diese Gründe für eine zunehmende Entfremdung zum christlichen Glauben haben natürlich auch etwas damit zu tun, wie wir uns Gott vorgestellt haben. In vielen Fällen ist es so, dass der Mensch sich Gott „oben“ vorgestellt hat. Er ist der Lenker der Schöpfung, der eingreift, notfalls gegen die Naturgesetze. Dann reden wir von Wundern. Und wenn es schon keine Wunder sind, dann zumindest ist er verantwortlich, dass die Ernte gedeiht, dass das Wetter gut ist. Er ist der Lenker der Menschen, der von oben herab regiert und dafür sorgt, dass das Gute sich durchsetzt. Und irgendwie hat er in seinem Plan auch das Böse und das Leid eingebaut. Aber Gott herrscht und regiert. Ansonsten gilt: „Frag nicht so viel“. Und er ist der Richter, der von oben herab das Böse sieht und richten wird. Notfalls mit Höllenstrafen. An welchen Gott glaubten die Menschen? An welchen Gott glauben wir? Ist die Gotteskrise womöglich eine Krise der Gottesvorstellung? Sind nicht all diese Gottesvorstellungen eines Gottes da oben, eines Lenkers und Herrschers und Richters da oben, zusammengestürzt? Wenn wir also feststellten, die Menschen glauben nicht mehr an Gott, dann müssen wir uns korrigieren und sagen: Die Menschen glauben nicht mehr an gewisse Gottesvorstellungen und gewisse Gottesbilder. Aber wenn Gottesvorstellungen verschwinden, dann ist es so, als ob Gott selbst verschwindet, weil ja Gott und Gottesvorstellung als Einheit erfahren wird. Und weil mit dem Verschwinden eines Gottesbildes ja kein neues Gottesbild auftaucht, sondern eine Lücke bleibt, eine Leere, wird Gott als nichtexistent erfahren. Der Gott da oben, der Lenker, Herrscher und Richter von oben herab, hat sich aufgelöst. Und jetzt spüren wir die Lücke. Und jetzt? Wo kriegen wir ein neues, vielleicht ein authentisches Gottesbild her? Könnte es nicht sein, dass die Menschen vielleicht wieder an Gott zu glauben begännen, wenn Gott anders wäre als der, den man sich vorgestellt hat? Wenn die Gotteskrise eine Krise der Gottesvorstellung ist, dann müssen wir uns Gott anders, wahrhaftiger, vorstellen.            

 

4. Und   im Kontext dieser Gedanken möchte ich heute mal das eben gehörte Evangelium ansiedeln. Das Evangelium von der Fußwaschung. Es heißt hier ausdrücklich: „Jesus, der wusste, dass er von Gott gekommen war“. Mit anderen Worten: Jesus ist gekommen, um uns ein authentisches Bild von Gott zu geben, quer zu unseren Gottesvorstellungen. Und die Botschaft von Gott hat Jesus in seinem öffentlichen Leben immer wieder durch Wort und Tat verkündet. Die Liebe zu den Ausgegrenzten, den Kranken, den Sündern, den Notleidenden. Und am Ende, im Abendmahlsaal, fasst Jesus dieses sein ganzes Leben, das nichts anderes war als Gottesoffenbarung, zusammen in der Fußwaschung: Jesus bückt sich vor den Seinen und wäscht Ihnen die Füße. Er erniedrigt sich zum Sklaven für die anderen. Nicht mehr ein Gott über mir, der herrscht, lenkt und richtet, sondern ein Gott, der sich bückt, weil er mich liebt und weil er mein Bestes will. Das ist so eine radikal andere Gottesvorstellung, dass das, was Jesus hier tut, als prophetische Zeichenhandlung ausgesagt werden kann. „Wenn ihr nur immer so von Gott gedacht hättet, wenn ihr nur immer so diesen Gott verkündet hättet, wenn ihr nur immer so nach diesem Gott gehandelt hättet, dann würde es den Menschen leichter fallen, an Gott zu glauben. Aber ihr habt nicht gemerkt, wie sehr ihr in eure Gottesvorstellungen eure eigenen Machtinteressen, eure eigenen Wünsche, Ängste, Egoismen hineinprojiziert habt.“  

 

5. Jesus vertraut einem Gott und offenbart einen Gott unbedingter Liebe. Dieses Vertrauen geht so weit, dass er jetzt in den Tod gehen wird. Er sucht nicht das Leiden, aber er weicht ihm auch nicht aus, weil er gerade noch einmal in seinem Kreuzweg die Liebe sich als stärker erweisen wird als der Hass und die Gewalt. Jesus vertraut so der Liebe, dass er diesen Weg geht, damit sich in seiner Auferstehung die Liebe als das einzig siegreiche erweisen wird. Der Hass und das Leid konnten die Liebe nicht besiegen. Man Gott als Liebe nur verkünden, wenn man darauf vertraut, dass diese Liebe das letzte sein wird, was zählt.   

 

6. Die Jünger konnten dieses Vertrauen nicht aufbringen. Sie flohen. Und auch im Abendmahlsaal konnten sie dies nicht glauben. Petrus macht sich wie immer zum Sprecher der Jünger: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ Es ist zugleich Staunen und Zweifel. Kann Gott wirklich so sein, dass er mich so liebt, dass er sich vor mir bückt? Seit der Fußwaschung ist kein Platz mehr für einen Gott da oben, der da scheinbar mehr schlecht als recht rumregiert. Da hätte der erste Mensch im Weltraum Juri Gagarin nicht sagen brauchen, dass er da oben im Weltraum keinen Gott gesehen habe. Das hat Jesus durch seine Fußwaschung schon gezeigt, dass Gott eher unten, bei uns Menschen, anzusiedeln ist.  

 

7. Die Fußwaschung ist also das Zeichen jener unbedingten Liebe Gottes, der immer und überall zu vertrauen ist, auch auf den Kreuzwegen des Lebens, wie Jesus es morgen uns vorlebt und wir an Ostern die Bestätigung dieses Vertrauens feiern werden. Und dieses Zeichen eines uns sich schenkenden Gottes hat uns Jesus hinterlassen, indem er im Abendmahlsaal Brot und Wein genommen hat und als Zeichen der Liebe Gottes ausgeteilt hat. Tun wir das jetzt in Erinnerung an ihn, an den, der uns diese Liebe Gottes gebracht hat. Und vielleicht fänden doch wieder mehr Menschen zu Gott, wenn eher ein Gott unter uns als ein Gott über uns verkündet würde, durch Wort und Tat. Vielleicht sind es doch die konkreten Zeichen wie Brot und Wein, die vor der Verdunstung Gottes ins Unkronkrete schützen können.

Franz Langstein

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