11.11.2017

Predigten am Fest des hl. Martin von Tour



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt wohl kaum einen Heiligen, der in seinem tiefen Ernst und in der Dramatik seiner Zeit und persönlichen Tragik seines Lebens so sehr verharmlost wurde wie der heilige Martin von Tours, dessen Fest wir gestern gefeiert haben. Was wir von seinem Leben heute tradieren, sind Laternenumzüge, schöne Kinderlieder und ein paar nette Geschichte wie die von der Mantelteilung. Das ist zwar schon mehr als wir von vielen anderen Heiligen zu erzählen wissen. Und ein schönes Vorbild für die Kinder. Aber übrig bleibt: Der heilige Martin ist ein Heiliger für den Kindergarten. Und dann gibt es noch die Geschichte vom Schnattern der Gänse, als Martin zum Bischof geweiht werden sollte. Weshalb man heute vielerorts zum Gänse-Essen einlädt. Hätten die Gänse damals gewusst, was sie da für ihre zukünftigen Artgenossen anrichten würden, hätten sie den Schnabel gehalten. Kindergaten und Gänse-Essen. Das ist meistens übriggeblieben von diesem Heiligen, der mit seiner ganzen Existenz wie kein anderer gelitten hat an den Gefährdungen seiner Kirche, die er vorausgeahnt, vorausgesehen hat und schließlich noch erlebt hat, wie die Kirche diesen Gefährdungen erlegen ist. Er ist eigentlich für die heutige Zeit ein hochaktueller Heiliger. Aber der Reihe nach.

 

2. Um sein Leben besser verstehen zu können, müssen wir unbedingt die Zeitumstände betrachten, in denen der heilige Martin aufgewachsen ist und gelebt hat. Wenn es stimmt, dass die Heiligen erwählte Werkzeuge Gottes sind, durch die Gott seiner Zeit etwas sagen möchte, dann    ist das in der Tat schon dramatisch genug, dass da jemand im Namen Gottes gegen den Zeitgeist aufstehen muss. Deshalb müssen wir die Zeit des heiligen Martin zu erfassen versuchen, um ihn besser zu verstehen. Denn das ist ja die Tragik vieler Heiliger, dass sie als eine Art Medium Gottes in die Kirche hineingestellt sind, um in dieser Kirche ein Zeichen zu sein für das, wie es sein sollte, aber nicht mehr ist; weshalb die Heiligen oft von ihrer eigenen Kirche missverstanden oder verfolgt wurden. Und doch gehört es zu den großen Leistungen der Selbstkritik und der Einsicht der Kirche, dass sie später solche Menschen heiliggesprochen hat. Der heilige Martin ist so einer: Von Gott in seiner Kirche hineingestellt, um dieser Kirche ein leuchtendes Zeichen zu sein inmitten einer Zeit, in der die Kirche sich aufmachte, ihr Ideale zu verraten. Martin hat ungemein an seiner Kirche gelitten. Warum? Was passierte hier zu Lebzeiten dieses Heiligen?

 

3. Martin wurde etwa um 316/317 in Ungarn geboren. Schon die Geburtszeit zeigt uns an, in welch eine Zeit geschichtlichen Umbruchs Martin hineingeboren wurde. Es waren gerade drei   Jahre verstrichen, seit das Christentum im „Mailänder Edikt“ der Kaiser Konstantin und Licinius seine volle Freiheit und Anerkennung und seine Anhänger ihre politische, bürgerliche und soziale Gleichberechtigung erlangt hatten. Die Kirche erlebte eine explosive Ausweitung nicht nur der Zahl ihrer Anhänger, sondern auch ihrer Einflusssphäre im bürgerlichen und sozialen Bereich sowie im politischen Bereich. Kaiser Konstantin hatte sehr wohl erkannt, dass das Christentum mit seinem völkerübergreifenden Glauben durchaus dazu taugt, die vielen Völker seines Reiches durch diesen Glauben zu einem Staatswesen zu vereinen. Der Glaube – und das ist wohl jetzt auch das Tragische – wurde zur staatstragenden Idee. Sowie für uns Europäer die Demokratie die staatstragende Idee ist. Ein Anschlag gegen die Demokratie ist ein Anschlag gegen den Staat und wird vom Staat verfolgt und bestraft. Ähnlich damals: Kirchengebote wurden zu Reichsgesetzen. Ein Vergehen gegen die Kirchengebote wurde zu einem Vergehen gegen den Staat und zog die Verfolgung durch den Staat nach sich. Martin musste erleben, wie es zur ersten Hinrichtung kam aufgrund dessen, weil jemand Kirchengebote übertreten hatte. 385 wurde Priscillian wegen Magie zum Tod verurteilt. Die erste Verhängung der Todesstrafe eines Häretikers in der Kirchengeschichte. Martin hatte vergeblich versucht zu intervenieren. Aus der verfolgten Kirche wurde die verfolgende Kirche; aus der Kirche der Märtyrer wurde die Kirche, die nun ihrerseits Hinrichtungen veranlasste. Ich glaube, Sie spüren die Dramatik der Zeit, in der Martin lebte. Und einer wie er war hellwach für die Dramatik der Zeit. Er war das von Gott aufgestellte Zeichen, das sich gegen diese Entwicklung stemmte. Wir ahnen nur aus der Ferne, wie sehr er unter dieser Entwicklung litt und wie sehr er selbst mehr und mehr ins Abseits geriet und verfolgt wurde, nicht vom Volk, sondern von den Amtsträgern seiner Kirche.

 

4. Martin wuchs in den ersten Lebensjahren im oberitalienischen Pavia auf. Sein Vater war Militärtribun im kaiserlichen Heer. Vater und Mutter waren Heiden, so wuchs Martin überwiegend im heidnischen Umfeld auf. Vielleicht brauchte es diesen Abstand zum Christentum. Er betrachtete sozusagen das Christentum von außen – und das ist ja auch mal ganz gut. Menschen, die von außen auf uns schauen, haben uns manchmal viel zu sagen, was ihnen auffällt, und was uns schon gar nicht mehr auffällt. Die berühmte Betriebsblindheit. Vielleicht sah martin deshalb schon mehr als andere. Mit 15 Jahren trat er selbst ins kaiserliche Heer ein.   Aus der Zeit seines Soldatenlebens gibt es erste Berichte darüber, dass er inmitten des rauen Soldatenalltags sich ein Herz bewahrte für die Armen und Notleidenden und ein Leben in Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit führte. In diese Zeit fällt auch die berühmte Geschichte mit der Mantelteilung. Kurz darauf lässt Martin sich im Alter von 18 Jahren taufen. Mehr und mehr wuchs in ihm der Wunsch nach Einsamkeit und klösterlichem Leben. In der Nähe von Poitiers baute er sich eine Einsiedlerzelle. Sein Ruf verbreitete sich rasch und viele Menschen zogen zu ihm, und einige Schüler schlossen sich ihm an, so dass die Einsiedelei zu einem Kloster wurde. 371 musste der Bischofsstuhl von Tours neu besetzt werden. Mit großer Mehrheit wurde Martin vom Volk (!!!) zum Bischof gewählt. Seine Gegner, meistens Kleriker und Bischöfe, die sich an seinem einfachen Lebenswandel störten, konnten nichts gegen die Übermacht des Volkes ausrichten. Martin wollte aber lieber seinem Kloster treu bleiben und versteckte sich in einem Gänsestall. Das Schnattern der Gänse verriet seinen Aufenthaltsort. Ja, wenn die Gänse gewusst hätten… Martin war ein beim Volk außergewöhnlich beliebter Bischof; ein echter Hirte für die Menschen. Er lebte weiter in der Einfachheit eines klösterlichen Lebens.

 

5. Beim Volk beliebt. Ganz anders dagegen war der Widerstand von seiten der Kleriker und Bischöfe. Durch die Anerkennung des Christentums durch den Staat erfreuten sich viele Kleriker ihrer neuen Freiheiten und Privilegien. Schenkungen machte die Kirche reich, aber auch abhängig vom Staat. Bischöfe nahmen bei kaiserlichen Essen die vordersten Plätze ein. Es entstand der Bischofsthron in den Kirchen. Martin nahm in seiner Bischofskirche zeitlebens auf einem einfachen Hocker Platz. Der Widerstand selbst einfacher niederer Kleriker begleitet ihn sein Leben lang. Er wurde geschmäht, beleidigt, Gerüchte über ihn weiterverbreitet, er galt in seiner eigenen Amtskirche als bestenfalls belächelter Außenseiter.

 

6. Er starb, geschmäht von seinen Mitbrüdern, geliebt vom Volk, am 8. November 397. Am 11. November wurde er in Tours beigesetzt. Schon kurz nach seinem Tod setzte seine Verehrung als Heiliger ein. Er war einer der ersten Nicht-Märtyrer, die als Heilige verehrt wurden. Heute tragen Abertausende von Kirchen weltweit seinen Namen.

 

7. Man muss jetzt nicht viel darüber nachdenken, ob der Heilige heute aktuell ist. Wir werden es gespürt haben. Martin stand an der Schnittstelle, an der sich die Kirche von einer kleinen Minderheit zur Staatskirche entwickelte. Wir stehen auch wieder an der Schnittstelle, aber umgekehrt. Vielleicht würde sich Martin über die heutige Zeit auch freuen: das Christentum ist nicht mehr staatstragende Religion; es wird niemand mehr vom Staat verfolgt, weil er das Kirchenrecht übertreten hat; vielleicht ist die allmähliche Loslösung von Staat und Kirche ganz im Sinn dieses Heiligen, wenn sie sich aus den Abhängigkeiten löst. Es wäre sehr interessant zu erfahren, was der Heilige heute uns zu sagen hätte. Vielleicht: Habt keine Angst, wenn ihr immer mehr an Bedeutung im Staat verliert. Nicht der Staat gibt euch Bedeutung, sondern ihr selbst gebt euch Bedeutung durch euren Glauben, eure Hoffnung und eure Liebe, die ihr lebt.

Franz Langstein

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