10.12.2017

Predigt am 2. Adventssonntag



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ein adventlicher Ruf erfüllt heute die Gotteshäuser, in denen die Lesungen vom zweiten Advent vorgetragen werden: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ Hier ist Johannes der Täufer gemeint, der in der Wüste die Stimme erhebt. Ursprünglich stammt der Satz aus dem Buch Jesaja: „Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott!“ Hier ist der Auszug Israels aus der Gefangenschaft Babylons gemeint. Das Volk wird in die Freiheit durch die Wüste von Babylon nach Palästina ziehen. Es ist auch eine Erinnerung, die da mitschwingt. Einst zog Israel aus der ägyptischen Sklaverei in das verheißene Land, auch durch die Wüste. Die Wüste wurde hier zu einem wichtigen Ort: Zum Ort der Verheißung, zum Ort der Gotteserfahrung, zum Ort des Bundesschlusses, zum Ort des Gottvertrauens. Man nannte die Wüstenwanderung auch die „Brautzeit Israels.“ Neben allem Unwirtlichen, Heimatlosen, Trostlosen wird die Zeit der Wüstenwanderung für Israel zu einem wesentlichen Zeitabschnitt seines Daseins.  Daran mag der Ruf erinnern: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste“.

 

2. Der Wüste scheint etwas innezuwohnen, was faszinierend und fremd gleichzeitig ist. Sie macht neugierig und gleichzeitig Angst. In der Wüste werden die Sinne aufs äußerste geschärft. Weite und Stille breiten sich aus. Der Mensch sieht weiter, das Ohr hört leiseste Geräusche. Nicht umsonst zogen viele Mönche  in die Wüste hinaus. „Bahnt  für den Herrn einen Weg durch die Wüste.“ Der Mensch wird empfänglicher. Auch für Gott.

 

3. Wir müssen heute gar nicht in eine geographische Wüste fahren. „Wüste“ ist immer auch ein Bild des je eigenen Lebens. Verwüstungen gibt es im Leben genug, im äußeren wie im inneren Leben. Und damit rühren wir an einem wichtigen Punkt dieses adventlichen Rufes: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste!“  Odo Casel, Mönch der Benediktinerabtei Maria Laach, 1948 gestorben, hat darauf aufmerksam gemacht, dass das lateinische Wort „Advent“ für das griechische Wort „Epiphanie“ und „Parusie“ steht. Also griechische Worte, die das lichtvolle Aufscheinen und Ankommen einer unsichtbaren Gottheit in die Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit meinen. „Die Gottheit tritt aus ihrer Verborgenheit hervor und offenbart dem kurzlebigen und bedrängten Sterblichen ihr Licht, ihre Kraft, ihre Macht und ihre beistehende Güte“, so Odo Casel. Im Zusammenhang mit dem heutigen adventlichen Ruf: „Bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste“, würde das dann bedeuten, dass gerade in den Wüsten des Lebens der Glanz des Herrn aufstrahlen soll. Advent wäre dann die Ankunft eines göttlichen Glanzes an den Orten des Lebens, an denen man genau Gott am wenigsten vermutet. „Bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste“. Die Wüste wird zum Ort der Gegenwart des Herrn.

 

4. Das wäre doch ein sehr spannender Gedanke. Für gewöhnlich identifizieren wir die Gegenwart Gottes mit den schönen Dingen. „Gott wir danken dir für die Gesundheit; wir danken dir für Speis‘ und Trank; wir danken für gute Ernte…“ Da fühlt man sich im Einklang mit Gott. Könnten wir aber Gott auch in den Wüstungen des Lebens ausmachen, vielleicht sogar in den Verwüstungen? Derer gibt es ja genug: Da ist jemand, der fühlt sich ausgetrocknet, religiös bringt er kein Gebet mehr über die Lippen. Er spürt nichts von Gottes Nähe. Weiß sich noch nicht einmal vom ihm geliebt. Eine geistliche Wüste umgibt ihn. Da ist jemand, der durch einen Schicksalsschlag die ganze Trostlosigkeit des Lebens erfährt. Eine große weite Leere breitet sich aus. Innere Wüste. Da ist jemand, der rückblickend auf sein Leben vieles anders machen würde. Er kann im  Sterben nicht loslassen. Er hat Angst zu gehen. Rückblickend hat er das Gefühl von Verwüstungen in seinem Leben, die er angerichtet hat. Und da gibt’s vielleicht jemanden, der den Sinn seines Lebens und ein erfüllendes Dasein gänzlich verloren hat. Er weiß nicht, was er noch auf Erden soll. Einsam wird’s um ihn. Wie allein in einer Wüste.

 

5. Und diesen verschiedenen Wüsten des Lebens gilt der adventliche Satz: „Bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste“. Weihnachten werden wir das feiern. Der Unsichtbare kommt in die Wüsten des Lebens, bis zum Kreuz. Advent also ganz radikal durchbuchstabiert, bedeutet: Wüsten wohnen Verheißungen inne. In den Wüsten wird der Mensch empfänglicher. Gott ist nicht nur da, wo wir ihn am liebsten vermuten, er ist vielleicht gerade dort, wo wir ihn überhaupt nicht wahrnehmen. Denn die Gegenwart Gottes ist nicht gebunden an unsere Wahrnehmung, sondern an unser Vertrauen und vor allen an seine Liebe.

Franz Langstein

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