09.04.2017

Predigt am Palmsonntag A17

  1. Lesung: Sacharia 9,9 ff
  2. Lesung: Phil 2,6-11

       Evangelium: Mt 21,1-11


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Was ist da passiert, liebe Schwestern und Brüder, dessen wir heute gedenken? Da zieht Jesus unter Jubel der Menge in die Stadt Jerusalem ein, wie der beim Propheten angekündigte König auf einer Eselin, und nur fünf Tage später erschallt das „Kreuzige ihn“? Wie konnte das passieren? Wie kann so etwas möglich sein? Wie kann es zu dieser Änderung der Meinung gekommen sein? Warum kippte die Stimmung ins Bedrohliche, ja in Feindschaft?    – Gut, man könnte jetzt die Frage aufwerfen, ob denn diejenigen, die das „Hosanna“ gejubelt haben auch dieselben waren, die später „kreuzige ihn“ gerufen haben. Aber wir können doch zumindest festhalten, dass Jesus, egal wer da „kreuzige ihn“ gerufen hat, sehr einsam starb. Es gab keine Hosanna-Rufer mehr auf dem Kreuzweg Jesu. Es gab so gut wie niemanden mehr, der zu ihm stand. Nicht einmal seine Jünger. Nicht einmal Petrus, der von Anfang an dabei war und Jesus solange treu zur Seite stand. Was ist da also passiert, woran uns heute der Palmsonntag erinnern möchte? Gibt es vielleicht so etwas wie eine verborgene Macht, so etwas, was wir manchmal mit „Stimmungsmache“ umschreiben, mit „Mainstream“ bezeichnen? Irgendwie entwickelt sich eine Gesellschaft in eine bestimmte Richtung, alle machen mit, aber keiner will es gewesen sein. Jeder Einzelne pocht auf sein individuelles Denken,   und doch macht jeder mit. Gibt es so eine Art individuelles Denken, das aber doch nur ein kollektives Denken ist, das sich dann bahn bricht im sogenannten Mainstream?

 

2. Da waren sich viele Menschen einig, dass Jesus der Messias ist. Gerade seine Jünger lebten von dieser Überzeugung. Und viele teilten diese Hoffnung und Überzeugung. Und noch beim Einzug am Palmsonntag huldigten sie ihm als König und Propheten. Sie waren sich mal einig darüber: Das ist der Messias. Dann zerbröselte diese Einigkeit. Irgendwie: einer nach dem anderen kam zu einer anderen Überzeugung. Vielleicht tat er in Jerusalem zu wenig Wunder? Vielleicht waren sein Auftreten und seine Randale im Tempel doch zu viel? Enttäuschung über Jesus? Vielleicht. Jedenfalls die Sichtweise änderte sich. Vielleicht bei einigen Einzelnen, die dann zu dem wurden, was man „Trendsetter“ nennt. Eine neue Sichtweise bricht sich bahn. Immer mehr Menschen werden davon erfasst. Keiner leistet Widerstand. Am Ende werden sogar die Jünger davon erfasst und laufen weg. Man war sich eigentlich irgendwie doch mal einig. Aber irgendwie zerbröselte diese Einigkeit und etwas ist geschehen. Irgendein Zeitgeist, Modegeist. Es war wohl nicht mehr schick, diesen da als König und Messias zu proklamieren -   ohnmächtig, wie er da vor Pilatus steht.

 

3. Ich glaube, wenn wir den Palmsonntag mal so betrachten, hat er uns auch heute viel zu sagen. Ich möchte ein paar Beispiele nennen:


  • Wir waren uns mal einig, dass unser Menschenbild geprägt ist von einer Würde, die der Mensch selbst in sich trägt. Unabhängig von seinem Stand, seiner Religion, seiner Hautfarbe, seines Aussehens. Was ist daraus geworden? Schauen Sie sich unser Menschenbild an. Egal wo: Im Fernsehen, auf Plakaten, in Kaufhäusern: Nur hübsche, junge, leistungsstarke, gesunde, schlanke Menschen. Und alle tanzen immer irgendwie am Strand und trinken Bacardi-Rum oder fahren ziellos Cabriolet.   Welche Auswirkungen   hat das auf junge Menschen, gerade auf junge Mädchen? Welchen Zwängen sind sie unterworfen? Wie konnte das passieren? Welcher Zeitgeist erweist sich hier als mächtig? Keiner will’s gewesen sein, und doch… Was ist heute unser Menschenbild? Und zwar nicht theoretisch – da sind wir uns einig -, sondern praktisch.
  • Wir waren uns mal einig, dass es nie wieder passieren sollte, dass man behinderten Menschen das Lebensrecht aberkennt. Aber irgendwie hat der medizinische Fortschritt Wege gefunden, dass man dafür sorgen kann, dass behinderte Menschen erst gar nicht geboren werden. Und wenn eine Mutter ihr behindertes Kind durch die Straßen führt, kann es passieren, dass sie gesagt bekommt: Das müsse doch heute nicht mehr sein. Was ist da am Werk?
  • Wir waren uns mal einig, dass der Mensch das Maß der Dinge ist. Nichts sollte über den Menschen gestellt werden. Aber wir haben in den letzten Jahren eine Kommerzialisierung unserer Gesellschaft erlebt, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass der Mensch dem Gewinnstreben untergeordnet ist. Von diesem Denken ist mittlerweile einer der wichtigsten Bereiche unseres Lebens erfasst worden: Das Gesundheitswesen.
  • Man könnte weitere Beispiele anführen. Manche ethischen Werte sind zerbröselt, unsere Einigkeit darüber, wen wir Waffen liefern und wen nicht, ist zerbröselt.

 

4. Was passiert da? Was haben die Menschen damals mit Jesus gemacht? Was machen wir heute mit uns selbst? Sind wir dabei, unsere Würde zu kreuzigen? Unser Menschsein zu opfern? Wer erhebt seine Stimme? Die Kirche? Ja, manchmal. Aber sie macht sich unbeliebt. Aber wie sagte Johann Baptist Metz einmal: „Wir sollten mehr stumme Klage der Armen fürchten als die Kritik der Reichen.“

 

5. Sie merken: ich habe mehr Fragen als Antworten. Ich stehe selbst manchmal ratlos vor dem, was man mit „Zeitgeist“ bezeichnet. Bin ich teil des Zeitgeistes? Ich will es aber nicht sein, bin es aber doch? In dem Zusammenhang ist mir ein Satz aus dem Mund Jesu bedeutsam geworden: „Seid wachsam“. Vielleicht ist es das. Diese Wachsamkeit und Hellhörigkeit und Sensibilität für die Menschenwürde zu bewahren. Palmsonntag: Wir gehen in die Karwoche. Wir sehen, was Stimmungsmache anrichten kann. Wir sehen aber auch den, der uns vom Kreuz herab anblickt mit großer Liebe und Vertrauen, dass es doch so etwas wie Auferstehung geben kann. Nur: wer steht auf?

Franz Langstein

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