05.11.2017

Predigten am 31. Sonntag im Jahreskreis A



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir haben in der vergangenen Woche der 500. Wiederkehr der Reformation gedacht. Vor 500 Jahren hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht und damit das ins Rollen gebracht, was man die Reformation nennt. Und irgendwie passend dazu ist heute dieses Evangelium dran, das wir gerade hörten. Es mahnt eine Erneuerung des Volkes Gottes an, der man die Überschrift geben könnte: „Die Gemeinde als dienende und geschwisterliche Gemeinschaft in der Einheit von Lehre und Leben“. Wenn man so möchte: Ein wunderbarer Reformgedanke.

 

2. Offensichtlich haben nicht nur die jüdische Religion, sondern auch das Christentum, vielleicht sogar alle Religionen  - oder noch weiter gefasst -, alle menschlichen Gemeinschaften die Tendenz, ihr Ursprungsideal zu verzerren und zu verraten und totalitär zu werden. Im heutigen Evangelium nennt Jesus einige dieser Beispiele einer verzerrten Religiosität. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten schnüren schwere Lasten, die sie den Menschen auflegen, selbst aber tragen sie diese nicht. Sie benutzen Religion nur, um sich selbst zu etablieren: Sie machen ihre Gebetsriemen breit, möchten beim Festmahl die Ehrenplätze und in den Synagogen die vordersten Plätze und sie lassen sich gerne Rabbi nennen.

 

3. Es ist ganz offensichtlich, was hier schief läuft. Religion wird benutzt zur Selbstdarstellung. Religion wird gebraucht zur eigenen Etablierung. Oder ganz drastisch ausgedrückt: Gut, dass es Gott gibt, da haben wir wenigstens was davon. Da kann ich mich Prälat nennen oder Superintendent und wie die ganze Titel alle heißen. Man kann diesen Gedanken immer weiter spinnen: Wenn ich an Gott glaube, bleibe ich gesund. Gott gibt mir Halt. Oder wie am letzten Sonntag beim Reformationsgottesdienst: Gott schafft ein neues Selbstbewusstsein. Gott wird benutzt und gebraucht, egal ob man deshalb auf vordersten Sitzen Platz nimmt oder sich Gesundheit und neues Selbstbewusstsein erhofft. Was bringt mir der Glaube? Was bringt mir Gott? Was habe ich davon? Die schlimmsten Auswüchse dieses religiösen Eigeninteresses finden wir dann in der Esoterik und Wahrsagerei. Man greift manipulativ in eine übernatürliche Wirklichkeit, um für sich einen Vorteil daraus zu ziehen. Und um dieses Vorteils willen glauben die Leute den Mist. Das ist immer die Gefahr bei uns Menschen. Nehmen Sie, was Sie wollen: Eine Religion, eigentlich etwas Wunderbares,  kann benutzt werden zum Eigenzweck; der Gedanke der sozialen Marktwirtschaft kann benutzt werden zum Ausleben einer grenzenlosen Gier und einer ständigen Gewinnmaximierung. Die Idee eines freiheitlichen Staates kann missverstanden werden, dass man nun glaubt, der Staat räumt mir die Freiheit ein, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Immer ist der Mensch in der Gefahr, dass sein Egoismus überhand gewinnt und sich eigentlicher guter Ideen bemächtigt und sie verzerrt und damit zerstört. Genau dahin zielt die Kritik Jesu. Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind nur religiös, damit sie die besten Plätze haben; sie lassen sich gerne Rabbi, Lehrer und Vater nennen. Es geht ihnen nicht um Gott, sondern um sich selbst. Das müssen wir uns auch immer wieder selbst fragen. Worum geht es mir, dass ich religiös bin?

 

4. Aber Jesus bleibt nicht bei der Kritik. Er will die Religiosität wieder auf das Eigentliche zurückführen. „Bei euch“, so heißt es wohltuend, „soll es nicht so sein. Ihr sollt euch nicht Rabbi, Lehrer und Vater nennen lassen. Denn ihr alle seid Brüder und Schwestern“. Das ist doch die Reform der Kirche: Eine geschwisterliche Gemeinschaft, die allein Gott als ihren Vater hat und Christus als ihren Lehrer. Und eine Gemeinschaft, deren Größe darin besteht, einander zu dienen, aufeinander zu achten, einander beizustehen. Das ist ja die Größe des Menschen, inwieweit ist er imstande zum Dienst am Mitmenschen. Ein Kleinkarierter wird immer Angst um sich selbst haben und deshalb um sich selbst kreisen. Nur wer keine Angst um sich selbst hat, kann fähig sein, anderen zu dienen. Aber das sagt sich immer so leicht. Aber der Mensch sollte nicht mehr egoistisch auf sich geworfen sein, weil er sich geborgen weiß unter Menschen, die Sorge haben um ihn.

 

5. Aber hier sehen wir, worauf es ankommt. Es gibt sehr wohl eine Herausforderung des Christlichen. Aber die besteht nicht darin, die Lasten zu tragen, die früheren Generationen unter Androhung der Hölle auferlegt wurden und mitunter wieder auferlegt werden („sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern“), nein, die Herausforderung des Christlichen ist der Auftrag zur dienenden christlichen Gemeinschaft.

 

6. Wahrlich ein Evangelium, dass eine Woche nach den Reformationsfeierlichkeiten den Fokus dahin lenkt, in welche Richtung immer wieder Reform stattfinden muss.

Franz Langstein

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