05.03.2017

Predigt am 1. Fastensonntag A17

Mt 6,1-7.16-18


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wenn wir heute am Anfang der Fastenzeit stehen, dann können wir durchaus die eben gehörten Texte verstehen als ein Tor zur Fastenzeit. Wir müssen die Texte verstehen, um die Fastenzeit als sinnvoll erfassen zu können. Mit den Texten bietet uns die Liturgie Verständnishilfen an für die Bedeutung der Fastenzeit und dafür, welche tiefe und existentielle Bedeutung sie für uns hat.

 

2. Und damit sind wir schon bei einem wichtigen Thema. Wenn die Kirche ihre geprägten Zeiten feiert, also z.B. Weihnachtszeit, Adventszeit, Osterzeit und eben auch die Fastenzeit, dann tut sie das ja nicht einfach, um irgendwelche Erinnerungen lebendig zu halten, z.B. die Erinnerung an die Auferstehung – nein, dann tut sie das, weil die geprägten Zeiten prägende Zeiten unseres Lebens sein sollen. Die Adventszeit ist nicht nur eine Erinnerung an die Erwartung Israels, sondern sie ist die Zeit, die uns wieder neu ins Bewusstsein heben will, dass Hoffnung und Erwartung wesentliche Dimensionen unserer Existenz sind. Das gleiche gilt für Ostern oder Weihnachten: Wir werden nicht nur daran erinnert, dass Jesus geboren und auferstanden ist, sondern es sind Heilsereignisse, die mein Heil hier und jetzt berühren. Sie sollen mich prägen. Das gleiche gilt auch für die Fastenzeit: Sie will uns prägen fürs Leben. Geprägte Zeiten sind prägende Zeiten. Was ist damit gemeint? Und genau hier helfen uns die heutigen Texte ungemein weiter:

 

3. Steigen wir ein mit der ersten Lesung, die vollkommen irreführend „Der Sündenfallbericht“ genannt wird. Weder geht es hier um einen Bericht noch um einen Sündenfall. Es wird erzählt von einer Schlange, die die Eva dahingehend verführt, von einem   Baum die verbotene Frucht zu essen. „Eva“, so heißt es, „ sah, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“ Dieses Essen von einem verbotenen Baum wird in der Tradition „der Sündenfall“ genannt. Aber schauen wir mal genauer hin. Wie heißt der Baum? (Nicht Apfelbaum). Es ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Warum dürfen Adam und Eva nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen? Ich meine: Es ist doch gut, wenn der Mensch unterscheiden kann zwischen dem, was Böse ist und was gut ist. Die Erkenntnis von Gut und Böse gehört doch wesentlich zum Menschsein dazu. Wir bringen doch unseren Kindern schon in frühsten Jahren bei, was gut und was böse ist. Es gibt doch nichts Schlimmeres als Menschen, die Böse und Gut nicht unterscheiden können und dann vielleicht noch an die Macht kommen. Nein, es gehört zum Mensch-

sein dazu, dass er Gut und Böse erkennen und unterscheiden kann. Das hebt ihn aus der Natur heraus. Wenn ein Löwemännchen die Jungen seines Vorgängers tötet, dann erhebt er Anspruch auf das Rudel. Er fragt nicht, ob das Böse ist. Er kennt weder den Begriff noch das Gefühl für das Böse. Er tut, was ihm die Natur eingegeben hat. Und wenn ein Tsunami daherrollt und 300.000 Menschen dabei umkommen, dann war der Tsunami nicht böse. Er war auch nicht gut. Er war einfach ein Naturereignis. Die Natur hat ihre Gesetze, die sind weder böse noch gut; und die Tiere sind so eingebettet in die Natur, und sie tun das, was ihnen die Natur eingegeben hat. Das ist weder gut noch böse. Aber nun kommt ein Wesen namens Mensch, das wohl nicht mehr so instinktsicher in die Natur eingebettet ist. Es kommt etwas Neues hinzu: Freiheit. Und damit Verantwortung. Dem Tierreich sind Freiheit und Verantwortung fremd. Beim Menschen ist das anders. Er kann nicht mehr so instinktsicher das tun, was ihm die Natur eingegeben hat, er kann selbst entscheiden. Er kann in seiner Freiheit etwas tun, was nun tatsächlich neue Qualitäten bekommt. Nämlich die Qualität von Gut und Böse. Der Mensch erkennt Gut und Böse. Es gibt einige, die sagen: Der Sündenfall besteht darin, dass der Mensch hätte niemals erfahren dürfen, was gut und böse ist. Er hätte weiterhin in die Natur eingebunden instinktsicher immer das Richtige tun sollen. Aber dann wäre es eben nicht der Mensch. Der Mensch ist dadurch ausgezeichnet, dass er eben nicht nur in der Natur steht, sondern auch ihr gegenüber. Und damit kommen Begriffe wie Verantwortung und Freiheit ins Spiel. Und damit lernt der Mensch etwas Neues kennen: Gut und Böse. Mit anderen Worten: Der sogenannte Sündenfallbericht ist sowieso kein Bericht; und er ist schon gar keiner über den Sündenfall. Er ist eine Erzählung über die Freiheit des Menschen und nicht über seinen Sündenfall. Und die Schlange ist nicht der Teufel und auch nicht ein auf dem Boden kriechendes Tier, sondern die Schlange ist der Inbegriff der Freiheit: Die Schlange stellt dem Menschen seine Freiheit vor Augen: Du, Eva und du, Adam, du kannst machen, was du willst, wozu du Lust hast, was du begehrst. Du bist frei. Ja, so frei, dass Du sogar wie Gott sein kannst. Das heißt, du kannst dich an die Stelle Gottes setzen und selbst bestimmen, was gut und was böse ist. Du hast eine ungeheure Freiheit.

 

4. Das ist die Größe des Menschen und das ist seine Tragik. Seine Tragik deshalb, weil der Mensch offensichtlich nicht dieser seiner Größe gerecht wird. Er ist seiner Größe nicht gewachsen. Die Menschheitsgeschichte wird bis zum heutigen Tag durch Kriege und Gewalt und Mord geprägt. Weil der Mensch seiner Freiheit nicht gerecht wird, wird der Planet überzogen mit Gewalt und Hass. Also nicht die Freiheit ist seine Sünde; nicht einmal die Unfähigkeit, seiner Freiheit gerecht zu werden, ist seine Sünde, sondern seine Sünde ist, dass er aus dieser Freiheit die böse Tat gebiert. Und weil der Mensch seiner Freiheit nicht gewachsen ist, traut nun einer nicht mehr dem anderen. Adam und Eva machen sich Schürzen aus Feigenblättern, weil sie sich voreinander schützen müssen. Damit fing es an. Heute sind wir als Ausdruck des Misstrauens bei der Atombombe gelandet. Der sogenannte „Sündenfallbericht“ ist eine ganz tiefsinnige Erzählung von der Freiheit des Menschen, seiner Größe und seiner Tragik.

 

5. Die zweite Lesung greift das mit den damaligen Verständnishorizont auf. Paulus kleidet das in die Worte: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ Bis zum heutigen Tag erleben wir diese Welt in der Unordnung und wir erleben sie dem Tod verfallen; dem gewaltsamen Sterben, dem Leid, dem Hass, der Ungerechtigkeit, in der Sünde, wie Paulus sagt.   Und in diese Welt wurde ein jeder von uns hineingeboren.   Wir leben in dieser ungeordneten Welt. Sie müsste anders sein, wollte doch nur der Mensch aufhören, seine Freiheit auf Kosten anderer zu gebrauchen und in seiner Freiheit rücksichtslos nur an sich zu denken. Und in dieser Welt hat Christus gelebt und in dieser Welt leben wir auch als Christen.

 

6. Und jetzt kommt die Fastenzeit ins Spiel und zwar als kirchliche Zeit, als geprägte Zeit, die prägen soll. Der Mensch lebt eigentlich immer in der Fastenzeit. Er kann in dieser Welt der Unordnung nur dann ein Stück Ordnung wiederherstellen, wenn er sich nicht selbst zum Mittelpunkt auf Kosten anderer macht. Er lebt in einer Welt, die nur dann zu einer größeren Ordnung zurückfinden kann, wenn der Mensch lernt, mit seiner Freiheit verantwortlich umzugehen. Deshalb ist die Fastenzeit eine zutiefst menschliche Zeit, weil sie uns an einen wesentlichen Aspekt des Menschseins erinnert: Der Mensch darf in seiner Freiheit nicht alles, er muss es lernen, sich selbst zu bescheiden, seiner Freiheit einzuschränken. Die Fastenzeit als geprägte Zeit will unser prägen. So ist sie eine Zeit des Heiles, das der Christ immer bewirken soll. Rahner hat es so formuliert: „Die Fastenzeit ist die religiöse Ausdrücklichkeit jener Fastenzeit, die in unserem ganzen Leben geschieht.“

 

Was das heißt, das hat Jesus vorgelebt. Er hat nicht alles getan, was er hätte tun können. Er hat nicht jeden Stein zu Brot gemacht, um seiner Lust zu frönen. Er ist nicht vom Tempel gesprungen, um Anerkennung um jeden Preis zu bekommen. Und er wollte nicht alle Reichtümer der Welt. Am Ende sagt Jesus: „Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ Vielleicht ist genau dieses Niederfallen vor Gott jene Haltung, die der Mensch braucht, um in seiner Freiheit nicht ins Bodenlose zu fallen.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe