04.06.2017

Predigt an Pfingsten 2017



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir feiern heute das Pfingstfest. Und wir feiern ein schwieriges Fest. Im Jahr 2004 wurde durch das Emnid-Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage gestartet. 59% hatten keine Ahnung, was Pfingsten ist. Und bei den unter 29Jährigen waren es sogar 88%.  Und das war 2004. Aber nicht allein daran kann man erkennen, dass Pfingsten ein schwieriges  Fest ist; auch wir Christen tun uns mitunter schwer, das, was wir heute feiern, zu fassen oder gar zu begreifen. „Herabkunft des Heiligen Geistes“. Schon die Bezeichnung „Heiliger Geist“ ist doch etwas diffus. Was soll man sich darunter vorstellen? Aber mal ganz unbedarft gefragt: Ist es so schlimm, wenn wir es nicht erfassen? Müssen wir Pfingsten begreifen? Ist es nicht vielleicht sogar ein Zeichen eines viel größeren Verständnisses von Pfingsten, wann man sagt, dass man es nicht versteht? Also paradox formuliert: Versteht nicht der Pfingsten viel besser, der sagt, dass er es nicht versteht? Und zwar nicht aus religiöser Gleichgültigkeit oder gar Dummheit heraus, sondern aus einer echten Erfahrung eines vergeblichen Bemühens heraus. Ich nenne ein Beispiel:

 

2. Sie wissen, dass ich zu meinen Hobbies die  Astronomie zähle. Ganz am Anfang, als ich damit anfing, 1994, war ich beseelt von dem  Wunsch, dass, was da über uns ist, tiefer zu sehen und zu verstehen. Im Betrachten des Kosmos‘ mit Hilfe eines entsprechenden Teleskops würde man zu einem größeren Verständnis des Weltalls geführt. Man könne dann alles besser begreifen, erfassen und verstehen. Das Gegenteil war der Fall. Es taten sich immer mehr Rätsel auf. Und die Forschung , die ja mit professionellen Großteleskopen das Weltall zu verstehen sucht, hat mit einer beantworteten Frage zehn neue aufgeworfen. Heute stehen wir da und müssen sagen: Die dunkle Materie, von der wir keine Ahnung haben, was sie ist, macht etwa 20 Prozent des Weltalls aus; die  dunkle Energie, von der wir noch weniger Ahnung haben, was sie sein soll, macht etwa 75% des Weltalls aus; also wir können gerade mal 5% des Weltalls zu verstehen suchen. Der Rest ist Rätsel. Aber was passiert in dem Augenblick? Und mir ging es genauso: Man wird von dem  Rätselhaften erfasst. Man gibt auf, zu erfassen, man lässt sich erfassen. Man gibt auf zu begreifen, man lässt sich ergreifen. Man gibt auf, durch Wissen Macht über den Weltraum zu gewinnen, vielmehr gewinnt der Weltraum in seiner Faszination Macht über einen selbst. Nicht wir bemächtigen uns seiner, sondern er bemächtigt sich unser. Aber damit genau das passieren kann, muss der Mensch zum Nichtverstehen-Können geführt werden. Am Ende bleibt das Staunen. Und damit sind wir bei einer wesentlichen Aussage des Pfingstfestes.

 

3. Wenn jemand sagt, er könne Pfingsten nicht verstehen – und er sagt solches nicht aus Dummheit und Desinteresse -, dann hat er wohl tatsächlich etwas Wesentliches des Pfingstfestes erfasst. Denn es geht nicht darum, dass wir begreifen, sondern dass wir ergriffen werden. Es geht nicht darum, dass wir erfassen, sondern dass wir erfasst werden.  Aber damit wir ergriffen und erfasst werden, müssen wir einsehen, nicht selbst ergreifen und erfassen zu können. „Wissen ist Macht“, sagt man so schön. Wir können uns nicht durch Wissen des Pfingstereignisses bemächtigen, sondern es will sich unser bemächtigen.

 

4. Deshalb die Bilder von Sturm und Feuerzungen. Es sind Bilder, die das Erfassen und das Ergreifen und das Sich-Bemächtigen zum Ausdruck bringen. Und was will uns ergreifen wie Sturm und Feuer? Es ist die göttliche Liebe. Pfingsten ist wie ein Liebesausbruch Gottes. Jetzt bricht es aus ihm heraus. Er kann nicht mehr anders. Jetzt, nachdem sein Sohn bis in den Tod hinein sich mit uns Menschen verbunden hat, sind wir ihm so kostbar und wertvoll wie sein eigener Sohn. Gott kann in seiner Liebe nicht mehr an sich halten. Wie Feuer und Sturm bricht die Liebe aus ihm hervor. Der Heilige Geist – um eine ganz einfache und wohl die treffendste Beschreibung zu benutzen – ist die Liebe Gottes. Der Heilige Geist ist die Liebe, mit der von Ewigkeit der Vater den Sohn liebt und der Sohn den Vater. Und da sich der Sohn bis zum Tod hinein mit uns Menschen verbunden hat, liebt er mit der gleichen Liebe uns als seine Kinder. Pfingsten ist das mächtige Offenbarwerden dieser Liebe.

 

5. Und wir müssen das nicht immer verstehen. Die Liebe tut verrückte Dinge. Wir müssen das nicht immer verstehen. Da steht vielleicht jemand rätselnd von dem Scherbenhaufen seines Lebens und er kann nicht verstehen, dass Gott ihn noch lieben könnte. Da ist jemand schuldbeladen, und er kann nicht annehmen, von Gott geliebt zu sein. Da ist jemand voll von Minderwertigkeitsgefühlen, weil man ihm ständig gesagt hat, wie wertlos er doch sei, und er kann nicht begreifen, dass ausgerechnet Gott ihn lieben sollte – ihn in seiner Durchnittlichkeit und Banalität und Ängstlichkeit. Nein, man muss das nicht immer verstehen. Aber da, wo man nicht versteht, kann man vielleicht erst richtig erfasst werden. Was wäre denn daran Besonderes, wenn ich großartig, heilig, fromm und rein vor Gott stünde, wenn ich mich dann geliebt wüsste. Das kann ich verstehen. Aber es nicht verstehen zu können, geliebt zu sein mit der gleichen göttlichen Liebe, wie der Vater seinen Sohn liebt, ist der Anfang dessen, dass man von dieser Liebe ergriffen wird und gepackt wird.

 

6. „Sie waren außer sich vor Staunen“, heißt es im Pfingstbericht. Gerade dadurch, dass wir  Pfingsten nicht so recht verstehen, lernen wir vielleicht das Staunen. Wie die Astronomen das Staunen lernen, gerade weil sie den Weltraum nicht verstehen. „Staunen ist der erste Schritt der Anbetung“, sagte einmal ein französischer Priester. Weil wer staunt, immer über das ihm Entzogene und das Rätselhafte staunt. Feiern wir so Pfingsten. Wir müssen es nicht erfassen, aber lassen wir uns erfassen von dieser Liebe, die wie Feuer und Sturm ausbricht. Und staunen wir, dass ausgerechnet ich und jeder von uns gemeint ist, als wären wir wie Jesus Gotteskind.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe