03.09.2017

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis A



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wie ein roter Faden zieht sich heute ein Gedanke durch alle drei Lesungen, die wir hörten: Die Lesung aus dem Buch Jeremia, die Lesung aus dem Römerbrief und das Evangelium. Nehmen wir diese Faden einmal auf und beginnen wir mit der Lesung aus dem Buch Jeremia.

 

2. „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören.“ Jeremia meint seine Berufung zum Propheten. Jeremia schreibt selbst darüber, wie das Wort des Herrn an ihn erging: „Noch ehe ich dich gebildet im Mutterleib, habe ich dich ausersehen, ehe du aus dem Mutterschoß kamst, habe ich dich geweiht, dich zum Völkerpropheten bestimmt.“ Diese Erwählung war für Jeremia betörend. Er hat sich darauf eingelassen. Nicht, weil er keine Wahl hatte, sondern weil diese Erwählung wirklich betörend für ihn war, faszinierend, spannend. „und  ich ließ mich betören“. Jetzt aber sieht er die Sache anders: „Du hast mich gepackt und überwältigt.“ Das Betörende seiner Berufung war eigentlich eine Überwältigung. „Du hast mich gepackt und überwältigt“. So empfindet es Jeremia jetzt. Nicht mehr „Erwählung“, sondern „Überwältigung“. Er hatte eigentlich keine Wahl. „Sagte ich, ich will nicht mehr in seinem Namen sprechen, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer.“ Erwählung wird empfunden als Last, die man nicht einfach abstreifen kann.

 

3. Springen wir von da aus ins Evangelium. Jesus hatte in der Taufe seine Berufung und Erwählung erfahren. „Eine Stimme sprach vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“. Vielleicht ließ sich Jesus auch – um mit den Worten des Propheten Jeremia zu sprechen – von dieser Erwählung betören. Von da an zog er durch die Gegend am See Genezareth und verkündete das Reich Gottes, in schönen Worten, in Gleichnissen, durch Taten. Aber dann wird diese Erwählung plötzlich zur Last: „In jenen Tagen begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden.“ Es bleibt also nicht bei der anfänglichen Begeisterung, bei der Betörung; jetzt wird die Erwählung zum Kreuzweg. Jesus wird zwar nicht wie Jeremia sagen: „Du hast mich gepackt und überwältigt“, aber er wird beten: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“. Erwählung wird zur Last, zum Kreuzweg.

 

4. Und Paulus bringt in seinem Brief an die Römer ebenfalls diesen Gedanken ins Spiel,  fast wie eine Art Zusammenfassung christlicher Existenz: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder und Schwestern, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt.“ – „Angesichts des Erbarmens Gottes“: Das ist das, woraus wir leben. Das ist das, was uns erfüllt und Mut und Kraft gibt. Ja, um mit Jeremia zu sprechen, dieses Erbarmen und diese Liebe Gottes ist es, die uns betört hat, so wie die umwerbende Liebe eines Menschen betören kann – oder – wenn man ein Gespür dafür hat – der Schlusssatz der 9. Sinfonie von Anton Bruckner nur einfach von betörender Schönheit ist, die einen packt und in einem lange nachwirkt. „Angesichts des Erbarmens Gottes“, also angesichts dessen, was euch an der Liebe Gottes packt, Hoffnung gibt, Mut macht, angesichts dieser großen Erwählung, ermahne ich euch, „euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“. Hier wird Erwählung wieder zum Opfer, zum Kreuz. Das Evangelium formuliert es ebenso: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

 

5. Wie ein roter Faden durchzieht also folgender Gedanke die heutigen Texte: Es gibt eine Erwählung durch Gott, eine Berufung unseres Lebens. In der Taufe wird sie gefeiert. Manche eignen sich diese Berufung zum Christsein an (nicht allen gelingt das). Man wird nicht immer sagen können, dass diese Berufung betörend war, aber doch wird man sagen können, dass sie uns viel für unser Leben bedeutet. Es ist uns wichtig, sich ganz in der Liebe und Barmherzigkeit Gottes geborgen zu wissen. Wir haben uns darauf eingelassen. Wir haben uns darauf eingelassen, wie Jeremia, wie Jesus. (Gut, nicht ganz so in letzter Konsequenz). Aber irgendwann spüren wir, dass Erwählung und Berufung auch Last und Kreuz bedeuten kann. Der Christ lebt eben anders. Er bekennt sich zu Gott; er bekennt sich zu einem Sinn des Lebens, der Liebe bedeutet; er bekennt sich dazu, dass diese Liebe nicht umsonst sein wird, sondern im Tod den Sieg für die Ewigkeit davon tragen wird. Der Christ bemüht sich um das Gute, auch wo es sich nicht zu lohnen scheint. Der Christ zeugt von einer Hoffnung, die in dieser Welt nicht begründet werden kann. Damit wird er zum Boten Gottes; damit lebt er seine Berufung; damit kann aber auch genau diese Berufung mitunter Kreuzweg sein.

 

6. Aber er muss noch etwas anderes lernen, vielleicht wie Jeremia. Der Glaube an Gott ist oft beflügelt von der Hoffnung und der Erwartung: Jetzt wird Gott gut zu mir sein. Jetzt, wenn ich genug bete, wird Gott mir immer helfen. Der Glaube ist also gar nicht uneigennützig, vielmehr kann er sehr egoistisch sein. Man glaubt um eines Zweckes willen. Genau davon muss der Glaube befreit werden. Karl Rahner sprach vom „absichtslosen Glauben.“  Von Meister Eckhard stammt der schöne Satz: Die meisten Menschen lieben Gott so, wie man eine Kuh liebt. Man liebt die Kuh um der Milch willen, die sie gibt. Vielleicht musste das Jeremia lernen, wenn er nun klagt: „Du hast mich gepackt und überwältigt“. Vielleicht musste das Jesus lernen, wenn er am Kreuz sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Und vielleicht meint das Paulus, wenn er sagt, dass christliche Existenz eben auch Opfer bedeuten kann. Ein Glaube ohne Zweifel, ein Glaube ohne Ängste, ein Glaube ohne Kreuz, ist ein niveauloser Glaube.

Franz Langstein

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