30.10.2016

Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis C16

Lk 19,1-10


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es tut zum besseren Verständnis des heutigen Evangeliums gut, wenn wir uns mal in die damalige Situation hinein zu versetzen versuchen. Jericho, eine Oasenstadt in der Wüste Juda und gerade deshalb ein beliebter Aufenthaltsort auf der Reise nach Jerusalem. Hier konnte man nochmals eine Pause einlegen, bevor der beschwerliche Weg nach Jerusalem beginnt, auf dem auch noch über 1000 Höhenmeter zu bewältigen waren. Jericho lag deshalb an einer wichtigen Straße Richtung Jerusalem. Waren wurden getauscht, Zölle und Steuern sprudelten. Die Römer erkannten das Potential der Stadt und richteten eine bedeutsame Zollstelle ein, deren Einnahmen Rom zugute zu kommen hatte. Für das Erheben der Zölle und Steuern wurden Einheimische, also Juden, rekrutiert. Zachäus war wohl ein solcher; sicherlich auch Dienstvorgesetzter einer ganzen Zollstelle. Darüber hinaus heißt es, dass er sehr reich war. Wir müssen nicht lange spekulieren, woher der Reichtum kam. Er selbst gibt es am Ende des Evangeliums zu: „Wenn ich jemandem zu viel abgenommen habe, gebe ich es ihm mehrfach zurück“. Innerhalb der jüdischen Gesellschaft waren die Zöllner natürlich verhasst, ausgegrenzt, religiös als unrein marginalisiert. Kurz: Sünder. So was, was da ein Zöllner tut, das macht man nicht. Darin war sich die Gesellschaft einig. Das, was ein Zöllner tut, widersprach dem Anstandsgefühl der Leute.

 

2. Wie geht man mit so einem Menschen um?   Ich möchte einmal die drei Hauptdarsteller des Evangeliums als innere Stimmen in einem jeden Menschen verstehen.   Der bekannte Psychologe Friedemann Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang vom inneren Team. Es gibt in einem die verschiedenen Stimmen, aber sie sind ein Team, d.h. sie alle haben etwas Wichtiges vorzubringen, wollen ernst genommen werden. Entscheidungen gelingen dann gut, wenn alle inneren Stimmen gehört und ernst genommen werden. Eine Stimme, die zur Vorsicht rät, ist genau so wichtig, wie die mutige, eher draufgängerische Stimme. Sie alle sind ein Teil von mir.  

 

3. Ich will also einmal die Stimmen des Evangeliums als unsere inneren Stimmen deuten. Da sind die Stimme der Menge, die Stimme des Zachäus und die Stimme Jesu. Dies drei Stimmen sind gewiss auch Stimmen in unserem Inneren, wenn es um die Frage geht: „Wie sollen wir mit so einem Typen wie Zachäus umgehen?“


  • Da ist zunächst die Stimme der Menge. Die sagt klar und deutlich: Was du uns alles angetan hast, sammelst Steuern ein für die verhassten Römer, schlägst noch was drauf und bereicherst dich so an uns. Deshalb bist du sehr reich.   Wir wollen dich nicht. Wenn Jesus in unsere Stadt kommt, hast du hier nichts zu suchen. Wir werden dich abdrängen, ausgrenzen, „die Menge versperrte ihm die Sicht.“ So einer wie Du, der hat hier bei Jesus nichts zu suchen. Du bist ein Sünder. Ändere dich erst einmal, dann kannst du von uns aus wieder kommen. Du bist selbst dran schuld, wenn dich keiner will. – Das ist eine ganz verständliche Stimme, eine die Ablehnung rechtfertigende Stimme. Eine Stimme, die sicherlich auch für Anstand und Ordnung sorgt, durchaus auch im positiven Sinn. Wo kämen wir hin, wenn jeder…. Es muss klare Regeln des Anstands und der Ordnung geben.


  • Dann gibt es da die Stimme des Zachäus. Eine Stimme, die um Verständnis wirbt: Kennt ihr meine Not? Kennt ihr mein Leben? Wisst ihr, warum ich Oberzöllner geworden bin und jetzt diese Drecksarbeit für die Römer mache? Glaubt ihr, ich mache das gern? Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wer ich wirklich bin? Eine Ahnung meiner Sehnsucht nach Anerkennung, Geborgenheit, Gemeinschaft? Die Römer geben mir das, was ihr mir nicht gebt mit euren Gesetzen von rein und unrein. – Das ist eine Stimme, die um Verständnis wirbt. Auch das ist eine innere Stimme in uns, wenn es um die Frage geht, wie ist so einem zu helfen? Sie will verstehen. Eine wichtige Stimme in uns.


  • Und dann ist da die Stimme Jesu, ebenfalls eine innere Stimme von uns: Auf was lass’ ich mich hier ein? Da ist einer, der noch nie Liebe erfahren hat; aber er tut schlimme Dinge. Und da sind die vielen   kleinen Leute der Stadt, die ehrlich sind, arbeiten, die auf mich warten und mir zujubeln. Auf was lass’ ich mich ein, wenn ich ausgerechnet bei Zachäus zu Gast sein will? Stoße ich die anderen nicht vor dem Kopf? Heißt es dann nicht: „Dieser Eine, der ohnehin schon alles hat, jetzt kriegt er auch noch Besuch von mir, während wir Ehrlichen unbeachtet bleiben?“ Und was ist, wenn ich mein Besuch nichts bringt? Wenn er weiter verhärtet bleibt?   Kann ich das Risiko eingehen, die vielen vor den Kopf zu stoßen wegen dem Einen? Ja, ich werde das Risiko eingehen. Um des einen Menschen willen lohnt es sich. Es ist das Risiko der Liebe, das Wagnis der Liebe. Liebe ist mehr als Anstand.


4. Drei Stimmen: Eine ablehnende, eine um Verständnis werbende und eine, die das Risiko kennt und nicht scheut, weil sie von der Liebe geprägt ist. Wie gehen wir mit Menschen um am Rande der Gesellschaft, mit Menschen, die selbst verschuldet   zu Außenseitern geworden sind? Drei Stimmen, die wir in uns und um uns immer wieder hören. Nach dem inneren Team sind alle drei wichtig. Möge aber die Liebe in uns gewinnen.

Franz Langstein

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