27.03.2016

Predigt an Ostern C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir feiern Ostern. Und wir haben gerade im Evangelium gehört, was die Botschaft von Ostern ausgelöst hat. Maria von Magdala kam in aller Frühe des Sonntags zum Grab. Und sie sah, dass der Stein vom Grab weggewälzt war. Ohne näher hinzuschauen, läuft sie zu Petrus und den Jüngern und berichtet davon mit folgenden Worten: „Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen.“ Nicht, das Grab ist leer, weil der Herr auferstanden ist, sondern das Grab ist leer, weil man den Herrn aus dem Grab weggenommen hat. Das leere Grab ist kein zwingender Grund für die Auferstehung. Schon wenig später werden die Religionsführer auch eine Erklärung für das leere Grab liefern: Die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen. Das Matthäus-Evangelium bemerkt dazu sogar: „So kommt es, dass sich bis heute dieses Gerücht hält.“ Also ganz offensichtlich beweist das leere Grab überhaupt nichts. Das wussten also auch die Evangelien, die uns vom leeren Grab berichten. Und dennoch: Warum wird dann so hartnäckig am leeren Grab festgehalten, wenn es nichts beweist? Wir blenden jetzt auch mal die Diskussion darüber aus, ob das Grab historisch gesehen tatsächlich leer war. Darüber gibt es ja viel zu lesen. Warum die Evangelien so sehr das leere Grab betonen – ich glaube, dass hat eine tiefere Bedeutung.


2. Ich finde es irgendwie unheimlich faszinierend, dass am Anfang der wichtigsten Botschaft des Christentums, nämlich der Auferstehungsbotschaft, das leere Grab steht. Kein Spektakel, kein Donner und Blitz, kein Erdbeben, das die Auferstehung begleitet hätte, sondern ein Loch, ein leeres Loch. Ein Nichts. Petrus und Johannes eilen zum Grab und sehen – Nichts. Gut - ein paar Wäschestücke, die man in jedem Kleiderschrank findet. Die zentrale Botschaft des Christentums beginnt mit der Schilderung einer Leere, eine Lücke, eines Loches mit nichts drin. Das ist so stark, dass man das schon wieder glauben muss. Also – ich finde das faszinierend.


3. Aber nähern wir uns jetzt mal dieser – ja, ich will es mal „Metapher“ nennen. Das leere Grab als Metapher, als Chiffre, als Zeichen. Und nähern wir uns dieser Metapher einmal an aus unserer eigenen Erfahrungswelt. Jesus war gestorben. Mitten aus dem Leben gerissen. Wir kennen das ja vielleicht auch aus eigener Erfahrung, wenn ein geliebter Mensch aus unserer Mitte gerissen wird. Dann empfinden wir doch oft über Wochen und Monate eine Leere, eine Lücke. Das ist das Zimmer eines Verstorbenen – es steht leer. Man meint, jeden Augenblick könne die Tür aufgehen und er käme wie immer aus dem Zimmer heraus. Aber nichts geschieht. Eine furchtbare Leere. Da ist sein Platz am Tisch. Da hat er immer gesessen. Und man meint, er müsste wie immer da Platz nehmen. Aber der Platz bleibt leer. Eine schmerzhafte Lücke. Oder wenn der Verstorbene noch berufstätig war: Sein Arbeitsplatz, den er jeden Tag ausgefüllt hat. Er kehrt nicht mehr dahin zurück. Der Platz bleibt leer. Und er kehrt nach getaner Arbeit nicht nach Hause. Die Haustür schließt niemand auf. Diese Leere ist manchmal schwer auszuhalten.


4. Bei Jesus und seinen Jüngern wird es ähnlich gewesen sein. Der Platz Jesu im Kreis seiner Freunde ist nach Karfreitag leer. Sie haben keine Tischgemeinschaft mehr mit ihm. Wenn sie umherziehen, dann ist er nach all den Jahren nicht mehr dabei. Und jetzt kommt eben diese ganz radikale Aussage: Nicht nur der Platz am Tisch ist leer; nicht nur der Platz in der Gemeinschaft ist leer; nein: sogar das Grab ist leer. Eine totale Leere. Selbst das Letzte, was man hat, das Grab als Zufluchtsort des Gedenkens, der Verbundenheit, der stillen Anwesenheit eines Verstorbenen (und wie viel Menschen sprechen am Grab mit ihren Angehörigen) - selbst dieser Ort ist leer. Es ist eine radikale Leere. Er ist nicht mehr zu Hause, nicht mehr in ihrer Mitte, nicht mehr zu Tisch, er ist das alles nicht mehr. Und selbst das Grab ist leer. Überall tut sich eine erschreckende Leere auf. Auch am Grab. Wir müssen einmal diese Metapher vom leeren Grab in seiner erschreckenden Form ganz nah an uns heranlassen, um dann vielleicht zu ahnen, was das heißen könnte: Es gibt keinen Ort für Jesus auf Erden.


5. Das aber könnte doch heißen, wie es im Johannes-Evangelium heißt: „Jesus sagte: Ich bin nicht von dieser Welt“. Er ist nicht mehr in dieser Welt auffindbar, nicht einmal im Grab, weil er nicht von dieser Welt ist. Die Metapher vom leeren Grab gibt also Einblick in ein tiefes Geheimnis des Menschen Jesus. Die Welt fasst ihn nicht und das Grab fasst ihn nicht, weil er aus dem göttlichen Lebensstrom lebt. Wenn es sich mit Ostern so verhält, dürfen wir dann Rückschlüsse ziehen zu unserem Leben?


6. Jeder Mensch ist dem anderen doch immer irgendwie fremd. Es gibt eine letzte Zurückgezogenheit des Menschen, ein letztes Bei-sich-Sein, wohin ein anderer nicht kommt. Ja, oft bin ich mir selbst ein Rätsel und ein Geheimnis. Wir tragen immer auch etwas Fremdes an uns. Wäre es also nicht denkbar, dass wir womöglich ein letztes tiefes Geheimnis in unserer Existenz mit uns herumtragen, so dass wir einmal – im Grab liegend – vielleicht doch nicht wirklich im Grab liegen, weil das, was uns wahrhaftig ausmacht, das, was unser wahres Selbst ist, nicht dort im Grab liegt, so dass man sagen muss: Auch mein Grab ist leer, denn das, was da liegt, das bin ich nicht mehr wirklich. Ich bin mehr als diese tote Materie. Vielleicht ist so gesehen die Rede vom leeren Grab die radikalste Botschaft von Ostern überhaupt, weil der, der ich wirklich bin, eigentlich nie hier zu Hause ist und nie richtig Erfüllung findet. Denn im tiefsten Grunde meiner Existenz bin ich bei Gott zu Hause.


7. Das ist so faszinierend: Am Anfang der Osterbotschaft steht ein leeres Grab, eine Leere, ein Nichts. Kein Spektakel. Und damit auch kein Beweis. Leider? Vielleicht ist es aber gerade diese Leere, dieses Nichts, dieses völlige Fehlen eines Beweises, das unsere Fähigkeit zum Vertrauen und zum Glauben am stärksten herausfordert und provoziert. Nur am leeren Grab kann der Glaube wachsen. „Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein. Er sah und glaubte.“

Franz Langstein

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