25.12.2016

Predigt an Weihnachten – Am Tag



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor vielen Jahren, als ich noch in Hessisch Lichtenau Pfarrer war und dort am Gymnasium Religion unterrichtete, hatte ich mit den Jugendlichen der Klasse 11 einmal eine sogenannte Imaginationsübung gemacht; d.h. die Jugendlichen sollten nach einer angemessenen Zeit der Stille und Ruhe für sich   d i e    Frage finden, die sie schon immer mal stellen wollten. „Was ist für dich die wichtigste Frage, auf die du immer schon mal eine Antwort wissen wolltest?“ Die Jugendlichen machten erstaunlich gut mit. Es war ganz still in der Klasse. Einer nach dem anderen schrieb    s e i n e    Frage auf ein Blatt Papier. Und dann, dann sollte jeder seine Frage vorlesen. Es gab da natürlich viele Fragen. Es kamen auch interessanterweise viele religiöse Fragen: „Was passiert nach dem Tod?“ – „Hat das Leben bzw. mein Leben einen höheren Sinn?“ – „Werde ich ein gutes Leben haben?“

 

Und dann, dann kam eine Jugendliche dran, die langsam ihr Blatt Papier aufschlug und es den anderen hinhielt. Und auf diesem Blatt waren fünf große Buchstaben geschrieben. Aber nicht nur das, sondern auch die Art, wie die Buchstaben geschrieben waren, - groß und bedeutsam -, erregten Aufmerksamkeit. Auf  ihrem Blatt nur war geschrieben: 

 W A R U M

Das war gewaltig! Keine langen Sätze. Nur ein Wort. Es wurde still in der Klasse. Allen schien es so, als sei das die Frage schlechthin. Warum? Und wohl nicht nur mir erging es so, dass mir alles Mögliche in den Sinn kam: „Warum lebe ich? Warum so viel Leid? Warum passiert dies und jenes im Leben?“, auch den Schülern mag es so ergangen sein.  

Ich möchte mal annehmen, dass diese Frage „Warum?“ die innerste Triebfeder des Menschen ist zu forschen. Diese Frage ist die tiefste Motivation, warum der Mensch Wissenschaft betreibt: Er will wissen, warum. Und es gibt viele Antworten, die die Wissenschaften auch gefunden haben. Faszinierende Antworten, Staunen und Ehrfurcht hervorrufende Antworten. Doch sind das alles Antworten, die die Ursachen von etwas benennen. „Warum  musste dieser Mensch so früh sterben?“ – „Ja, weil er schwer krank wurde.“ Aber wir spüren: das ist oft nicht die Frage. Diese Antwort hätten wir selbst gewusst. „Warum musste dieser Mensch so früh sterben“ ist die Frage nach dem Sinn? Welchen Sinn hat das, das er so früh sterben musste? Die Frage nach dem Warum ist nicht immer die Frage nach den Ursachen, es ist die Frage nach dem Sinn, und zwar nach dme Sinn des Ganzen. Nicht nur Teilbereiche. Warum regnet es dort mehr als hier usw.? Sondern es geht um den Sinn des Ganzen, ähnlich wie Leibniz es formuliert hat: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Das alles schwang in der Frage mit, die die Schülerin auf ihrem  Zettel in großen Buchstaben geschrieben hat. „Warum“.

 

2. Unser christlicher Glaube ist ja nicht nur einfach eine Art persönliche Lebenshilfe, er ist vielmehr der Glaube an Gott als den, der der ganzen Schöpfung Sinn verliehen hat, und damit auch allen Leben und auch mir und meinem Leben Sinn verliehen hat. Und somit wagt sich unser Glaube an diese große Frage „Warum“ als die Frage nach dem Sinn des Ganzen heran. Und wann sonst als zu Weihnachten sollte die Frage in den Mittelpunkt rücken? Und schon sind wir mitten im Evangelium

 

3. Es geht um das Ganze. Weit holt deshalb der Evangelist Johannes aus: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Es geht also hier nicht zuerst um die Ursache der Schöpfung - die erklären uns die Wissenschaftler -, sondern geht es vor allem um den Sinn des Ganzen. Aber damit geht es natürlich auch um die Ursache, weil eben nur dann etwas geschaffen wird, wenn es Sinn macht. Aber der Sinn ist das Erste, das heißt die innere Logik. „Im Anfang war das Wort“, Logos, wie es im Griechischen heißt, die innere Logik, der innere Sinn, die tiefe Weisheit. Schwer rüber zu bringen, was im Wort „Logos“ alles mitschwingt. „Im Anfang war also ein Wort, eine tiefe Weisheit, ein tiefer Sinn, der alles ins Dasein rief, damit das Dasein nicht sinnlos sei.“ Was aber ist das für ein Wort? Was ist die innere Weisheit? Was für eine innere Logik? Was ist das für ein Sinn? Also die Warum-Frage in seiner tiefsten Bedeutung. Und es kann darauf nur eine Antwort geben.

 

4. Es kann überhaupt nur  Sinn machen, etwas zu erschaffen, wenn das, was da geworden ist, nie mehr der Vernichtung preisgegeben würde. Ja, noch mehr: Es hat überhaupt nur Sinn, zu wollen, dass etwas werde, wenn das Gewordene eine Bedeutung erhält, die es der Ewigkeit würdig macht. Mit anderen Worten: Schöpfung hat nur Sinn, wenn sie mit Gott vermählt wird, wenn sie Anteil an der Herrlichkeit Gottes erhält. Alles darunter ist letztlich nicht sinnstiftend.

 

5. Und jetzt schauen wir auf das Kind in der Krippe. Es ist dieses Wort, das Gott spricht. „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ In ihm sind Menschheit und Gottheit so versöhnt, dass alles Leben in eine neue Würde gerät. Hier, in der Krippe, liegt dieses Wort Gottes, das im Anfang schon ausgesagt werden musste. Hier liegt das Wort, das im Anfang gesprochen werden musste. Mal menschlich gesagt: „Bin ich, Gott, bereit, der ganzen Schöpfung jenen Anteilnahme am Göttlichen zu schenken, auch wenn es für mich das Hinabsteigen in die Schöpfung bedeuten muss? Selbst in die Finsternis? Selbst ans Kreuz, um den Menschen  heimzuholen?“ „Er kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.“ Und die  Antwort ist klar: „Ja, ich bin bereit, mich selbst zu entäußern, um alles Geschöpfliche zu tragen und so die Welt mit mir zu vermählen.“ In diesem Kind ist ein für allemal Gottheit und Menschheit verbunden.

 

6. Das ist das Wort, das im Anfang der Schöpfung stehen musste, damit etwas werde. Das ist Grund, Logik und Sinn des Seins. Da  steht also die große Frage der Schülerin in einem bedeutungsschweren Wort: „Warum?“ Stellen wir uns vor das Kind als die Antwort, die  von Gott kommt, und beginnen wir zu ahnen, dass hier auch der Grund meines Lebens liegt: Die Versöhnung mit Gott.

Franz Langstein

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