24.01.2016

Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis C16

Lk 1,1-4; 4,14-21


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist nicht nur der Vorwurf mancher Atheisten, wenn da gesagt wird: „Wo ist denn euer Gott? Was ist denn schon besser geworden seit Jesus Christus?“, es ist auch die Anfrage, die jeder einzelne von uns im Glauben immer wieder mal spürt: „Ist Jesus wirklich der Retter, der Erlöser? Was hat sich schon verbessert seit seiner Zeit? Ist die Welt wirklich erlöster und besser geworden? Wo hat sich denn das erfüllt, was wir Erlösung und Heil und Rettung nennen?“


2. Ich kann gut vorstellen, dass diese Fragen zurzeit Jesu noch viel drängender waren. Damals lebte das Volk Israel mit den großen Verheißungen, dass da ein Retter kommen werde. Der Messias als die Erfüllung all dieser Verheißungen wurde ersehnt und erwartet. Nichts von dem, was Gott seinem Volk verheißen hatte, schien sich bisher erfüllt zu haben. Israel war so gut wie immer unterdrückt: Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und zurzeit Jesu die Römer waren die Besatzungsmächte und oft genug die Unterdrücker. Jahrhundertelang. Wo bleibt der Messias? Wo bleibt die Erfüllung der göttlichen Verheißungen? Man muss diese Sehnsucht des Volkes Israel wohl im Blick haben, um das heutige Evangelium besser verstehen zu können.


3. Da feiert Jesus also in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth den Gottesdienst am Sabbat, „wie er es gewohnt war“. Er ist an der Reihe, aus der Heiligen Schrift vorzulesen. Man könnte sagen: er war Lektor. Er bekommt das Buch überreicht; Jesus schlägt eine Stelle aus dem Propheten Jesaja auf, und da liest Jesus Worte voller Verheißungen: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Was für Verheißungen! Die Sehnsucht Israels und der Menschen in der Synagoge wird angesprochen, ihre Hoffnungen, ihre Zweifel… „Die Augen aller, waren auf ihn gerichtet“. Sie hofften von Jesus eine Auslegung, die mit dem Problem von ausgesprochener Verheißung und noch nicht geschehener Erfüllung gut umgeht. Waren diese Verheißungen nur leere Versprechen Gottes? Und Jesus schlägt feierlich das Buch zu, gibt es zurück und sagt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“. --- Das muss man erst mal verkraften. Dieser Sohn des Zimmermanns, der in Nazareth unter ihnen wohnte, soll in seiner Person die Erfüllung all der biblischen Verheißungen sein? Wir werden es das nächste Mal hören: Sie werden ihn ablehnen. Das empfinden sie als Anmaßung.


4. Jetzt unabhängig von der Reaktion der Zuhörer Jesu, haben wir jedoch eine kleine Notiz im heutigen Evangelium. Diese wird schnell überlesen, und doch ist diese Notiz der Schlüssel für das Evangelium. Lukas beginnt sein Evangelium mit den Worten: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und   e r f ü l l t   hat.“ Da ist es wieder - das Wort „erfüllt“. Das Lukas-Evangelium und unser christlicher Glauben lassen keinen Zweifel daran, dass in Jesus die Erfüllung gekommen ist. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Dabei gibt es nicht nur einen Ort der Erfüllung, nämlich die Person Jesu, sondern auch eine Zeit der Erfüllung: „Heute“. Es ist auffallend, wie oft gerade bei Lukas dieses Heute des Heils vorkommt:
„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“
„Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“
„Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“
„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Also nicht „einst“, irgendwann mal, sondern heute. In Christus ist Erfüllung.


5. Aber das wirft ja gerade für uns dann noch einmal vielmehr die Frage auf: „Stimmt das? Haben sich in Jesus die Verheißungen erfüllt? Ist die Welt besser geworden? Was hat uns Jesus denn gebracht?“ Und so drängend die Fragen für uns manchmal sein mögen, wollten wir dabei stehen bleiben, würden wir nur die Hälfte dessen verstehen, was uns Lukas sagen möchte. Wir haben es gehört: Lukas beginnt sein Evangelium mit einer Art Widmung: „Nun habe ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben.“ Lukas hat aber noch ein Werk geschrieben, die Apostelgeschichte. Und die beginnt mit folgenden Worten: „Im ersten Buch, Theophilus, habe ich alles dargelegt, was Jesus von Anfang an wirkte und lehrte.“ Mit anderen Worten: Lukas versteht sein erstes Buch, das Evangelium, als noch unvollendet. Es muss nun noch ein zweites Buch folgen, die Apostelgeschichte, also die Geschichte des Wirkens der Apostel und der ersten Gemeinden, kurz das Wirken der Urkirche. Erst jetzt, mit dem Blick auf Jesus und auf seine Kirche kann man von „Heute“ und von „Erfüllung“ sprechen. Kurz gesagt: War Jesus die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen, so ist die Kirche die Erfüllung der Botschaft Jesu.“ Die Kirche ist nicht nur der Ort der Erfüllung, sondern auch das „Heute“ der Erfüllung. Ob sich also das erfüllt hat, was Jesus gebracht hat und was hat uns Jesus überhaupt gebracht, muss an seiner Kirche ablesbar sein. Die Frage: „Was hat uns Jesus gebracht“ ist direkt an die Kirche gestellt. Es braucht immer einen Ort, an der ablesbar ist, was Jesus gebracht hat. Sonst hängt die Botschaft Jesu in der Luft. Das Lukas-Evangelium, das so viel Wert auf Erfüllung und auf das Heute legt, kann nur verstanden werden, wenn sein zweites Werk, die Apostelgeschichte mit gelesen wird.


6. Ob die Kirche auch so, wie Jesus, selbstbewusst einfach die Bibel aufschlägt, Verheißungen vorliest und dann sagen kann: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“? Das ist die ständige Anfrage an uns.

Franz Langstein

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