17.07.2016

Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich habe das – glaube ich – schon mal erzählt. Aber weil ich mir nicht ganz sicher bin, erzähle ich jetzt folgende Begebenheit. Ich war 1980 zum ersten Mal mit einen Studienkollegen – Albrecht Vey, den kennen Sie als ehemaligen Pfarrer von Liebfrauen – in Israel. Ich hatte vorher in den Semesterferien in Baunatal bei Kassel im VW-Werk das nötige Geld verdient. Wir haben uns in Israel mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt. So fuhren wir in einem alten Araberbus nach Hebron. Wir kamen dort mitten in der Stadt auf dem Marktplatz an. Als wir ausgestiegen waren und nach Orientierung suchten, kam ein Junge auf uns zu. Ich schätzte sein Alter auf 10 Jahren. Er deutete uns an, dass wir ihm folgen sollten. Misstrauisch, wie wir zunächst waren, folgten   wir ihm dann doch. Durch die Altstadtgassen, dunkle kleine Wege, - uns war ein wenig mulmig zumute. Auf einmal, nach einem kleinen Anstieg, kamen wir auf eine wunderbare Dachterrasse. Dort oben, hoch über der Stadt, war offensichtlich der Vater des Jungen und lud uns ein, am gedeckten Tisch Platz zu nehmen. Von dort oben konnte man den Busbahnhof überblicken. Offensichtlich hat der Vater uns an unseren Rucksäcken als Touristen erkannt und uns spontan zum Essen eingeladen. Da haben wir die orientalische Gastfreundschaft erlebt. Und der Vater war enorm neugierig. Wir   hörten ihm zu, er hörte uns zu. Es war ein Austausch, ein Geben und Nehmen, ein Voneinander lernen.

 

2. Ich muss da immer wieder dran denken, wenn ich das heutige Evangelium als Predigttext nehme. Orientalische Gastfreundschaft. Ein Geben und Nehmen, ein Zuhören und Voneinander-lernen. Martha und Maria und ihr Gast Jesus. Martha will den Gast reich beschenken mit Gaben, die sie in der Küche liebevoll und emsig bereitet; Maria ist die, die sich vom Gast beschenken lässt, ihm zu Füßen sitzt und ihm zuhört. Und Jesus ist als Gast Beschenkter und Schenkender gleichzeitig. Das ist insofern interessant, weil der Gast in der Tat nicht   nur der Beschenkte ist, sondern der Gast bringt auch was mit; der Gast kann selbst zum Schenkenden werden. Und gerade Jesus, der aus tiefen göttlichen Einsichten schöpft, kann hier zum Schenkenden werden. Vorausgesetzt: Jemand hört zu und lässt sich beschenken.   Und da sind wir schon bei einem wichtigen Punkt dieser Erzählung: Martha, die in der Küche eifrig rumwerkelt, meint, sie müsse den Gast beschenken und alles tun. Maria aber weiß um die Chance, dass dieser Gast was Kostbares mitbringt und hört ihm zu.

 

3. Die Tradition hat in dieser Erzählung immer schon ein Gleichnis gesehen für die Art und Weise, wie der Mensch vor Gott steht. Man kann so vor Gott stehen wie Martha: Der Mensch kann der Meinung verfallen, er müsse alles für Gott tun. Man kann kaum genug für ihn tun. Man werkelt rum, ist eifrig in Werken des Gebetes, des Gottesdienstes und des Gutseins. Im Gebet kann man nicht genug Worte machen. Ständig wird Gott zugetextet. Die Mystik deutet die Martha hier als religiös unreifen Menschen. Wo das geschieht, wird der Mensch sich kaum von Gott beschenken lassen können, da er selbst immer voller Aktivität und Unruhe ist, Gott etwas geben zu müssen. Nein, wenn der Mensch, so deutet die Tradition weiter diese Geschichte aus, sich von Gott beschenken lassen will, dann muss er zuerst ein Hörender werden, ein Empfangender, einer, der wie Maria zu Füßen des Herrn sitzt und ihm zuhört. Augustinus sagt dazu, dass Martha die ist, die Jesus sättigen möchte, während Maria von Jesus gesättigt werden will. Nur so überhaupt kann der Mensch ein Gefühl jenes Gottes entwickeln, der den Menschen beschenken will. Es gibt ja nicht nur draußen in der Welt einen enormen Lärm und eine ständige Geräuschkulisse, die man durchaus als Flucht vor der Gottesahnung deuten kann; nein, es gibt auch im religiösen Betrieb einen Lärm und eine Überaktivität, die man genauso als Flucht vor Gott deuten kann. Wieder ist es Augustinus, der hier eine kleine Nebensache bemerkt und deutet. Jesus redet Martha zweimal mit Vornamen an. „Martha, Martha, Du machst die viele Sorgen und Mühen, aber nur eines ist notwendig.“ Und Augustinus deutet diese zweifache Nennung des Vornamens damit, dass Jesus will, dass sie endlich zuhört. „Martha, Martha, hör mir doch mal zu!“ Der Mensch steht vor Gott zuerst als Empfangender, als Schweigender, mit geöffneten Händen und Herzen. „Maria hat den besseren Teil erwählt“, sagt Jesus.

 

4. Aber die Tradition bleibt hier nicht stehen. Sie kennt nicht nur die unreife Martha als überaktive Frau, sie kennt auch nicht nur Maria als die Hörende – nein, sie kennt auch die reife Martha. Die reife Martha ist die, die auch in der Küche rumwerkelt, also im ganz alltäglichen Tun, die aber im alltäglichen Tun Gott im Herzen trägt. Die nicht – wie Maria – Zeiten aussparen muss, um im Schweigen auf Christus zu hören, sondern die bereits religiös so eine Reife erlangt hat, dass sie auch im alltäglichen Tun Christus im Herzen trägt. Meister Eckhard hat diese Seite der religiös ganz reifen Martha herausgearbeitet. Es geht also dabei nicht so sehr um Gotteserfahrung, sondern um Gottesbewusstsein. Gotteserfahrungen sind punktuell, hilfreich, können durch Schweigen und Stille vorbereitet werden. Gottesbewusstsein aber ist ein ständiges inneres Wissen um Gottes Gegenwart und Gottes Liebe. Dafür steht die religiös reife Martha. Orientalische Gastfreundschaft: Wir nehmen Jesus auf in unsere Herzen. Ein Geben und Nehmen, ein Lernen und Aufeinander-hören.

Franz Langstein

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