16.10.2016

Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis C16

Lk 18,1-8


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich gestehe, und vielleicht geht es Ihnen beim ersten Hören des Evangeliums ähnlich wie mir, dass mich so ein Satz im heutigen Evangelium ziemlich ratlos macht: „Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen“.   Wenn ich so etwas lese, bin ich sofort geneigt, zu antworten: „Und Gott, wo hast du den Opfern von Ausschwitz, die Tag und Nacht zu Dir gerufen haben, zu ihrem Recht verholfen? Und wo den Christen im Herrschaftsgebiet islamistischer Terrorgruppen?“ – Ja, ich möchte auch noch zu fragen wagen: „Und Jesus, wie war es bei Dir? Gott wird jeden unverzüglich zu seinem Recht verhelfen – so ein Satz lässt sich leicht sagen, wenn es einem gut geht. Aber später, am Kreuz? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.“ Darf man so etwas fragen? Ich hatte einen guten Freund, der war Krankenhausseelsorger. Der hat wunderbare Bücher für Kranke verfasst. Trostbücher und Bücher, die Halt geben. Sehr schöne Texte. Dann wurde er selber schwer krank – lange Zeit. Immer den Tod vor Augen. Und da hat er mal zu mir gesagt: „Franz, weißt du was, ich würde jetzt kein einziges meiner Bücher mehr so schreiben.“ Ja, die Sache sieht anders aus, wenn man - bildlich gesprochen - am Kreuz hängt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei diesem Satz des Evangeliums ergeht, dass Gott jedem, der zu ihm ruft, unverzüglich zu seinem Recht verhilft. Aber wenn man so einen Satz im Evangelium liest und dabei nicht nur eine Ratlosigkeit verspürt, sondern auch ein inneres Aufbegehren, eine innere Revolte, ja eine innere Ablehnung, dann wird man unzufrieden. Dann geht man der Sache auf den Grund: Wie mag denn das zu verstehen sein, was hier im Lukas-Evangelium steht? Das innere Aufbegehren sucht nach einem Verstehen. Und ich habe mich da mal auf den Weg gemacht und ein paar hilfreiche Gedanken gefunden.

 

2. Ich denke, wir wissen, dass ein Bittgebet nicht seinen Sinn darin hat, Gott zum Lückenbüßer zu machen. Er müsse nun dort einspringen, wo Menschen versagt haben oder wo Menschen ihre Ohnmacht erfahren. Dorothee Sölle ist zunächst mal recht zu geben, wenn sie sagt, dass das Bittgebet zum Alibi für die eigene Fantasie- und Lieblosigkeit missbraucht wird. Der Mensch solle, statt beten, lieber handeln. Freilich müsste man aber auch zu bedenken geben, dass es Menschen gibt, die handeln, weil sie beten. Ich denke, darüber müssen wir jetzt nicht weiter reden. Wenn das Gebet nur gebraucht wird, um eine innerweltliche Ursachenkette zu durchbrechen, so dass das Gebet selbst zur Ursache für eine Veränderung wird, dann haben wir sehr schnell ein magisches Verständnis von Gebet. Es gibt innerweltliche Ursachen, die das Gebet nicht verändern kann, (wobei wir das Thema „Wunder“ jetzt mal außen vor lassen).   Den Ablauf der Dinge, wie sie nun mal der Schöpfung inne wohnen, und dazu gehören auch Krankheit, Schicksale, das Wetter usw. können Gebete nicht einfach unterbrechen. Ich denke, dass wissen wir. Es geht also nicht um ein punktuelles Eingreifen Gottes, es geht um viel mehr; es geht eher um das Gesamt unserer Existenz.

 

3. Und deshalb müssen wir beim Bittgebet vielleicht erst einmal gar nicht den Blick werfen auf die unverfügbare Wirklichkeit, sondern wohl eher erst einmal den Blick werfen auf uns. Warum bitten wir Gott und was geschieht mit uns, wenn wir ihn bitten. Nicht, was geschieht mit der Welt, sondern mit uns, mit mir? Es gibt da so eine kleine Beobachtung, was passiert, wenn religiöse Menschen in ihrer Not beten. Diese Menschen reden nicht so sehr vom Resultat ihrer Bitten. Also sie sagen nicht konkret, was jetzt das Ergebnis war, sondern sie sagen viel allgemeiner: Sie seien erhört worden. Und das, ohne dass sie ein Ergebnis vorweisen könnten. Merkwürdig. Dahinter steht das Gefühl: Da gibt es jemanden, der mir zuhört. Da ist jemand, dem ich mich anvertrauen kann. Unabhängig vom Ergebnis. Der Mensch kann es nämlich nicht ertragen, abgewiesen zu werden. Das Bittgebet sagt dem Menschen also: Du darfst kommen. Du darfst an meinem Herzen ruhen. Du darfst dich an meinem Herzen beruhigen. Dieses Gefühl, in seiner Ohnmacht von einer größeren Liebe aufgefangen zu sein, darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Wie gesagt: Das geschieht erst einmal unabhängig vom Ergebnis. Die letzten Worte Jesu waren nicht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, sondern: „In Deinen Hände lege ich meinen Geist“. Ich vertraue mich in meiner schlimmen Situation einer größeren, auch nicht verfügbaren Wirklichkeit an, nämlich der Geborgenheit in Gott. Das ist das eine, das ich gerne festhalten möchte: Im Bittgebet geht es nicht um ein punktuelles Eingreifen Gottes in unser Leben, sondern es geht um die Erfahrung, dass dieses unser ganzes Leben ganz in Gott geborgen ist, auch und gerade in seiner Schicksalhaftigkeit. Aber nur der Bittende kann diese Erfahrung machen. Und damit komme ich zu einem zweiten Punkt.

 

4. Wenn ein Bittender eine Gebetserhörung erfährt, und dies, obgleich objektiv die äußeren Dinge sich gar nicht verändert haben, aber seine Situation sich geändert hat, er also vertrauensvoller geworden ist, getröstet ist, dann muss man sagen, dass Gebetserhörungen wohl wirklich erst einmal nichts mit Resultaten zu tun haben. Aber das ist doch äußerst interessant. Wieso kann sich ein Mensch getröstet fühlen, vertrauensvoller werden, hingebungsbereiter, obgleich seine äußere Situation sich nicht verändert hat? Weil das Gegenüber seiner Bitte Gott selbst ist. Und weil er von Gott glaubt, dass alles in ihm geborgen ist - auch der Bittende in einer Situation, der er sich hilflos ausgeliefert fühlt. Und somit kommt der Tatsache, dass sich die Situation trotz Betens und Bittens nicht geändert hat, eine bestimmte Qualität zu. Auch das nicht-Verändern-einer-Situation wird dann zur Antwort. Auch das Schweigen Gottes wird zur Antwort. Auch das schmerzliche Vermissen einer Antwort von der anderen Seite her, macht sensibel, ob nicht gerade dieses Schweigen eben Antwort ist. Vielleicht ist gerade das Schweigen Gottes ein Sprechen Gottes, so als ob Gott sagen wollte: „Mein Kind, es ist alles gesagt und getan. Vertraue nur“. Dass es also bei einer Gebetserhörung keine Resultate gibt im äußeren Sinn, heißt noch lange nicht, dass unsere Gebete nicht erhört werden. „Vertraue nur, du bist in guten Händen“. Wir können auch dem Schweigen Gottes noch einen tiefen Sinn abgewinnen.

 

5. Und noch einen letzten Gedanken. Natürlich kann man einwenden: Was habe ich davon, wenn ich zwar vertrauensvoller werde, aber doch die äußere schlimme Situation sich nicht ändert und nicht zum Guten sich wandelt? Man soll das Ganze bisher Gesagte nicht unterschätzen. Ein vertrauender Mensch kann auch mit schlimmen Dingen anders umgehen als ein verzweifelnder Mensch. Selbst der Tod wird im Vertrauen anders bewältigt als im Verzweifeln. Dennoch aber ist der Einwand bezüglich der äußeren Dinge berechtigt. Aber stimmt das? Verändern sich die äußeren Dinge wirklich nicht? (Wie gesagt, wir reden jetzt nicht über Wunder). Nehmen wir mal an eine schwere Krankheit? Der bittende Mensch tritt mit seiner ganzen Gebrechlichkeit vor Gott. Anders ausgedrückt: Der ganz in seiner Welt mit allen Schicksalen lebende Mensch tritt vor Gott als den, der über alles erhaben und heilig ist. Meine kleine Welt bekommt es mit der großen Wirklichkeit Gottes zu tun. Und in dieser Konfrontation mit dieser großen Wirklichkeit Gottes wird meine kleine Welt auch geweitet und verwandelt in ein mir nicht immer erfahrbares Sinngeschehen. In der Beziehung des Menschen zu Gott, wie sie sich im Bittgebet äußert, erfahre ich einen Sinn meiner Situation. Der 2010 verstorbene Pfarrer und Theologe Wolfgang Böhme hat in einem seiner Vorträge einmal gesagt: „Werden die Dinge durch die Interpretation verändert? Wird etwa de rverlust eines Freundes rückgängig, eine Katastrophe ungeschehen gemacht dadurch, dass die Ereignisse subjektiv interpretiert werden? Die Dinge werden doch dadurch, dass sie in eine Sinnökonomie, auch eine gläubige, eingefügt werden, nicht anders, nicht ungeschehen. Gewiss, die Dinge werden nicht ungeschehen, aber sie werden in einem eigentümlichen Sinne „gut“.   Vielleicht ist eine Krankheit wirklich dann ein Weg, auf dem ich geschickt werde, um nun den letzten Gipfel meines Lebens zu erreichen, weil nur dort oben, auf dem Gipfel, das Eingangstor zur Ewigkeit zu finden ist. Wer weiß? Ich weiß es nicht. Aber könnte es nicht wirklich so sein, dass erst in der Konfrontation mit der Erhabenheit Gottes unser Leben einen ganz neuen Sinn bekommt? Und auch alles, was sich in unserem Leben ereignet? Vielleicht ändern sich die äußeren Dinge wirklich nicht äußerlich, aber innerlich, weil man ihnen einen Sinn abgewinnen kann? Sinngebung geschieht durch Gottesbeziehung. Veränderung der Sichtweise geschieht durch Gottesbeziehung.

 

Vielleicht ist es in diesem Sinn zu verstehen, wenn es im Lukas-Evangelium heißt, dass denen, die unaufhörlich zu Gott rufen, unverzüglich Recht verschafft wird. Weil sie in der Begegnung mit der großen Ewigkeit, Erhabenheit und Heiligkeit Gottes ihr Leben als aufgehoben und geborgen erfahren in der Liebe Gottes. Und deshalb sich vieles ändert.   Aber wenn das so ist, dann können wir auch dem letzten Satz des heutigen Lukas-Evangeliums einen Sinn abgewinnen: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf Erden noch Glauben vorfinden?“ All das, worin ich eben versucht habe, dem Bittgebet einen Sinn abzugewinnen, setzt den Glauben voraus. Wenn dieser fehlt, dann wird jedes Bittgebet entweder sinnlos oder zum magischen Versuch, die unverfügbare Wirklichkeit zu verändern.     Aber all das, was ich eben gesagt habe, habe ich gesagt, weil es mir gut geht. Wahrscheinlich ergeht es mir wie meinem verstorbenen Freund: Wenn das Schicksal mal wirklich hart zuschlägt, dann sieht die Sache doch wieder anders aus. Aber selbst dann, so glaube ich, wäre ich in Gott geborgen, auch wenn ich wirklich mal an ihm verzweifeln sollte.

Franz Langstein

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