13.11.2016

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Ich habe es Ihnen – meine ich – schon einmal erzählt, dass wir als Kinder in der Weihnachtszeit immer unsere Modelleisenbahn aufgestellt bekamen. Das war für uns das beste Geschenk. Etwa vier Wochen stand die Modelleisenbahn. Und das Gerangel um Spielzeiten war unter uns Brüdern groß, so dass ich als Ältester einen Spielzeitenplan erstellte, wann jeder mal dran kommt. Nach vier Wochen wurde die Bahn wieder abgebaut. Und in der Adventszeit stieg die Freude so langsam wieder an. Als wir dann älter waren und wir in ein größeres Haus umgezogen waren, wurde die Bahn überhaupt nicht mehr abgebaut, und nach einigen Wochen verschwand auch das Interesse an der Modelleisenbahn. Sie stand ja immer da. Merkwürdig: Solange die Bahn nur kurze Zeit da stand, konnten wir es kaum genug damit spielen. Als es dann möglich war, jederzeit damit zu spielen, spielte kaum mehr einer. Ich denke, so ein Sachverhalt kommt Ihnen durchaus in anderen Zusammenhängen bekannt vor. Ich will diesen Sachverhalt mal in andere Worte kleiden: Solange die Eisenbahn vergänglich war, war sie sehr bedeutsam; als sie nicht mehr vergänglich war, hatte sie an Bedeutung verloren.

 

2. Beim heutigen Evangelium geht es um die Bedeutung der Vergänglichkeit. Und zwar ganz drastisch. „In jener Zeit, als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem anderen bleiben; alles wird niedergerissen werden.“ Es   ist die Rede von der Vergänglichkeit des Tempels. Gut, zu der Zeit, als Lukas sein Evangelium schrieb, war der Tempel bereits zerstört, fast 20 Jahre mag das her gewesen sein. Der Jerusalemer Tempel, ein Prachtbau sondergleichen. Es muss ungeheuer beeindruckend gewesen sein, wenn die Wallfahrer vom Ölberg her kommend auf die Stadt sahen und der Tempel im Licht der Sonne erstrahlte. Dieser sogenannte zweite Tempel wurde nach der babylonischen Gefangenschaft im Jahre 515 vor Christus vollendet und unter Herodes dem Großen im Jahre 21 vor Christus erweitert. Die Tempelanlage hatte eine Länge wie Breite von knapp 200 Metern. Als im Jahr 67 nach Christus die Juden mit einem gewaltigen Aufstand die Römer vertreiben konnten, schlugen drei Jahre später die Römer brutal zurück. Sie eroberten Jerusalem und zerstörten im Jahr 70 nach Christus die gesamte Stadt samt Tempel. Das muss schier unvorstellbar gewesen sein. Der Jerusalemer Tempel war ein Ort der Identität für die Juden, einer religiösen wie nationalen Identität. Er war der Mittelpunkt der Wallfahrten. Er war ein Ort der Kontinuität durch alle Zeiten hindurch, somit ein Zeichen der Gewissheit, dass Gott handelt und treu bleibt. Und er war ein Verweis auf die Anfänge der Geschichte Gottes mit den Menschen. Eine Zerstörung des Tempels kam einer absoluten Katastrophe gleich, auch einer religiösen Katastrophe. Insofern sind diese Worte von der Vergänglichkeit und Zerstörung des Tempels auch eine absolute Provokation. Sie rühren an einer Wunde. Die Erinnerung daran ist verletzend.

 

3. Mit diesen drastischen Worten wird also an die Vergänglichkeit aller Dinge und allen Seins erinnert. Nichts entkommt dem Gesetz der Vergänglichkeit. Nicht einmal der Jerusalemer Tempel.

 

4. Kommen wir zurück zur Modelleisenbahn. Steckt da nicht in der Vergänglichkeit eine große Verheißung? Solange die Modelleisenbahn vergänglich war, hatte sie ganz viel Bedeutung für uns. Als sie nicht mehr abgebaut wurde, sozusagen unvergänglich wurde, wurde sie langsam unwichtiger. Ist es also nicht gerade die Vergänglichkeit, die unser Leben und das Leben der anderen und die Dinge so wertvoll machen und so kostbar und so bedeutsam?   Wenn alles unendlich wäre, würde vieles an Bedeutung verlieren. Erst die Vergänglichkeit, die kurze Zeitspanne, die gegeben ist, macht vieles bedeutsam. Die Vergänglichkeit zwingt uns, die Zeit ernst zu nehmen und die Mitmenschen als bedeutsam anzusehen. Wir merken das ja, wenn jemand gestorben ist. Erst jetzt, da er nicht mehr ist, da also seine Vergänglichkeit so auf traurige Weise deutlich geworden ist, kann einem Hinterbliebenen nochmals tiefer klar werden, welche Bedeutung dieser Verstorbene hatte.


5. Ein schönes Beispiel war die Rede von Steve Jobs, dem Firmengründer von Apple. Er hielt 2005 eine viel beachtete Rede an der Universität Stanford. Diese Rede hatte drei Teile. Im dritten Teil kommt er dann zu sprechen auf seinen Tod. Er hatte ihn durch seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs tief in die Augen geschaut, galt kurzzeitig als geheilt, aber –   wie wir wissen – dem war nicht so. Aus dieser   Rede will ich zitieren: „Als ich 17 war, las ich einen Satz, der etwa so ging: «Wenn man jeden Tag lebt, als wäre es der letzte, wird man irgendwann recht haben.» Das hat mich beeindruckt, und seitdem habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: Wenn heute mein letzter Tag wäre, würde ich dann tun wollen, was ich heute tun werde? Die Überlegung, dass ich bald tot sein werde, ist für mich die wichtigste Hilfe bei den wirklich großen Entscheidungen im Leben. Denn fast alles wird im Angesicht des Todes unwichtig, es bleibt nur, was wirklich wichtig ist. Wer bedenkt, dass er sterben wird, fällt nicht der Illusion anheim, er habe etwas zu verlieren. Man ist sowieso nackt. Es gibt keinen Grund, nicht der Stimme des Herzens zu folgen. Vor etwa einem Jahr wurde bei mir Krebs diagnostiziert. So nahe war ich dem Tod noch nie gewesen. Niemand stirbt gern. Selbst diejenigen, die in den Himmel wollen, möchten deswegen nicht sterben. Und doch ist der Tod unser aller Schicksal. Niemand entkommt ihm. Und so soll es auch sein, denn der Tod ist vermutlich die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Motor des Wandels. Er räumt mit Altem auf, um Platz zu schaffen für Neues. Ihre Zeit ist begrenzt, also vergeuden Sie sie nicht, indem Sie ein fremdbestimmtes Leben führen. Sehen Sie zu, dass der Lärm fremder Meinungen nicht Ihre innere Stimme übertönt. Und vor allem: Haben Sie den Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Die beiden wissen schon, was Sie wirklich werden wollen. Alles andere ist sekundär.“


6. Erst angesichts der Vergänglichkeit alles Lebens wird alles Leben kostbar. „Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben. Alles wird niedergerissen werden“. Provozierende Worte, verstörende Worte. Und doch Worte, die erst die Bedeutung dessen hervorheben, was uns gegeben ist, weil es uns eine Zeitlang gegeben ist.

Franz Langstein

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