12.06.2016

Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir können das eben gehörte Evangelium ja mal auffassen als eine großartig angelegte Komposition – ähnlich einer Sinfonie -, in der drei Themen eingeführt werden, miteinander verwoben und verarbeitet werden. Themen, die in Bezug und Spannung zueinander stehen und gerade deshalb einen großen Reiz auf den Hörer ausüben.

 

2. Demnach wäre das erste Thema verkörpert durch die Frau, die in das Haus des Pharisäers eindringt, um Jesus zu begegnen. Von der Frau heißt es, dass sie eine Sünderin war. Und was das heißt, ist ziemlich eindeutig. Es wird nicht gesagt, warum die Frau so geworden ist, wie sie ist. In der damaligen Zeit mag es viele Umstände gegeben haben, die Frauen dazu trieben. Es wird nicht gesagt, weil es letztlich keine Rolle spielt. Die Frau weiß um ihr Leben, um das verkorkste Leben, um ihre Verantwortung und Schuld, um ihre religiöse Unreinheit. Wenn wir also dieses erste Thema, das die Frau darstellt, in Worte fassen wollen, müssten wir sagen: Das erste Thema ist die Endlichkeit des Menschen. Endlichkeit bedeutet eben immer auch Hinfälligkeit (Hinfallen), Instabilität, Gefährdung, Abgründigkeit, Schuld, Leid, Angst. Das alles verkörpert diese Frau: die ganze Gefährdung des Lebens, weil Leben nicht absolut, sondern endlich ist.

Das zweite Thema wird durch den Pharisäer dargestellt. Der Pharisäer, der sich hier moralisch entrüstet. „Wenn Jesus wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt“. In gewisser Weise braucht der Pharisäer diese Frau, weil sich in ihrer Schuldbeladenheit seine moralische Überlegenheit wiederspiegelt. Das trifft ja durchaus immer noch zu: der Fundamentalist braucht den Häretiker, den Irrlehrer, damit er sich als überlegen erweisen kann, indem er den anderen verurteilt. Dieses zweite Thema kann also benannt werden: Moralischer Umgang mit der Gefährdung des Menschen. Dieser Umgang ist eine Möglichkeit, mit Schuld und Abgründigkeit umzugehen.   

Und dann ist da noch das dritte Thema: Jesus stellt es dar. Sein Umgang mit Schuld, sein Umgang mit der Endlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen. Dieses Thema kann umschrieben werden: Der Einbruch des unendlichen Gottes in unsere Endlichkeit, der Einbruch der Ewigkeit in unsre Zeitlichkeit, der Gnade in unsere Natur, der Liebe in unsere Schuldverfallenheit, der Einbruch Gottes in unser Menschsein.

 

3. Und von ganz großem Interesse für uns soll sein die Themen eins und drei, also der Einbruch Gottes in unsere Endlichkeit. Die Endlichkeit mit aller Gefährdung und Abgründigkeit dargestellt durch die Frau – und die Unendlichkeit mit all ihrer Erlösungskraft dargestellt durch Jesus. Was geschieht mit einem Menschen, der   - so wie die Frau – auf schmerzhafte Weise die Hinfälligkeiten des Lebens, das Hinfallen, erfährt? Und damit gleichzeitig erfährt, dass es da irgendwie kein Entkommen gibt, keine Kraft? Und die gleichzeitig ahnt und spürt, dass die Kraft nur von daher kommen könnte, wenn einer ein Wort der Liebe spräche, ein Wort des Aufrichtens, ein Wort der Vergebung, ein Wort, das so mächtig ist, dass es einen Neuanfang schenkt? Und genau das hat die Frau gehofft und gewünscht in der Begegnung mit Christus. Diese Frau also hofft und glaubt, dass ihre Hinfälligkeit nur noch aufgehoben werden kann durch ein Wort der Liebe und Vergebung. Oder ganz allgemein ausgedrückt: Dass die Endlichkeit des Menschen mit aller Gefährdung nur geborgen sein kann in der Unendlichkeit Gottes.

 

4. Wie kommentiert Jesus das Ganze: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel Liebe gezeigt hat… Dein Glaube hat dir geholfen, geh in Frieden.“ Die Frau behandelt Jesus so liebevoll, nicht, weil sie dadurch Vergebung erbitten möchte, sondern: Die Frau behandelt Jesus so liebevoll, weil sie glaubt und hofft, dass ihr Vergebung geschenkt wird. Die Frau erbittet nicht die Vergebung, indem Sie Jesus die Füße wäscht und mit ihrem Haar abtrocknet, sondern die Frau dankt für die Vergebung, derer sie schon im Glauben und Hoffnung gewiss ist. Wem viel vergeben wird, der zeigt viel Liebe. Oder noch anders ausgedrückt: Schuld wird in Liebe verwandelt durch die Erfahrung der Vergebung. Und wo immer der Mensch mit Gottes Unendlichkeit in Berührung kommt, stellt sich zuerst Dankbarkeit ein.

 

5. Das ist christlich gesprochen der einzig sinnvolle Umgang mit Schuld. Im Wissen um die Vergebung Gottes wird Schuld in Liebe verwandelt. Die moralische Anklage des Pharisäers ist zwar eine nicht unbedeutende Stimme, berührt aber nicht das Geheimnis zwischen Gott und Mensch, zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit, zwischen Gnade und Natur.

 

6. Das mit der Schulderfahrung oder Schuldgefühlen ist dann ungefähr so wie mit anderen Gefühlen: Das Angstgefühl will mir sagen: Franz, sei auf der Hut, pass auf. Das Ohnmachtsgefühl will mir sagen: Franz, versuche dir jene Stärke und Kompetenz anzueignen, die dich aus der Ohmacht herausführt. Und die Erfahrung von Schuld mit dem damit verbundenen Schuldgefühl will mir sagen: Verändere was, wandle dich zum Guten, zur Liebe. Ein schönes Beispiel zum Schluss: Vorbereitung der Kommunionkinder auf die Erstbeichte. Ich staune jedesmal, wie gut die Kinder bei uns durch die Katecheten auf die Beichte vorbereitet sind. Sie wissen, worum es geht. Und noch in der Vorbereitungszeit sagt ein Kind zu mir: „Herr Pfarrer, ich brauch nicht zur Beichte zu kommen.“ Über die Klarheit der Aussage bei dem Kind war ich etwas überrascht und fragte: „Warum denn nicht?“ „Ja“, so das Kind: „Ich habe überlegt, was ich wo nicht gut gemacht habe und habe mich bei allen Menschen entschuldigt, wo ich nicht gut war. Jetzt brauche ich nicht mehr beichten“. Das Kind hat begriffen, worauf es ankommt. Erkannte Fehler in Gutes zu verwandeln.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe