11.09.2016

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wie Sie wissen, sind wir vor drei Wochen mit der Pilgerwanderung für Jugendliche, die sich auf die Firmung vorbereiten, gestartet. Wie pilgerten von Marburg durchs herrliche Sauerland zur Benediktiner-Abtei Königsmünster in Meschede. Es war herrlich! Natürlich haben wir auch thematisch mit den Jugendlichen gearbeitet. Unter anderem kam auch genau das Gleichnis dran, das wir gerade eben im Evangelium hörten: Der gute Hirte geht dem verlorenen Schaf nach und „wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt“, lädt er seine Freunde ein zum Fest. Und am Ende heißt es: „So wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte“. In dem Zusammenhang sagte jemand: Gott liebt gerade die Sünder besonders. Er liebt die Verlorenen mehr als die anderen. Dieser Satz provozierte einen Jugendlichen zur   Gegenfrage: „Wenn ich also Sünder bin, werde ich von Gott mehr geliebt. Wenn ich dann aber umkehre und ein Gerechter geworden bin, werde ich weniger geliebt. Dann bleibe ich doch lieber Sünder.“ Ja, wie ist das nun? Liebt Gott die Sünder mehr als die Gerechten? Das hat unter uns Erwachsenen, die wir als Betreuer dabei waren, am Abend auch eine Diskussion ausgelöst.     

 

2. Zunächst mal: Jesus Antwort mit den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme auf die kritischen Einwände der Schriftgelehrten und Pharisäer, die ihn massiv angehen, weil er sich mit Sündern und Zöllnern einlässt. „In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.“ Denn für die Schriftgelehrten und Zöllner war das Verhalten Jesu völlig außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Denn damals war klar, wie die Gesellschaft religiös einzuteilen ist: In Sünder und Gerechte, in Unreine und Reine. Diese Einteilung war in die Köpfe einbetoniert. Auch die Sünder und Unreinen wuchsen damit auf und fanden sich damit ab, von Gott verstoßen zu sein. Dieser Graben ging durch die Gesellschaft. Jesus aber hatte eine ganz andere Vorstellung und Erfahrung von Gott: Gott liebt alle. Er kennt nicht diese Einteilung in Reine und Unreine, in mehr oder weniger Liebenswürdige. Seine Liebe gilt allen. Aber weil sie allen gilt, muss Jesus diesen Graben überspringen. Er muss die Liebe Gottes denen erfahrbar machen, die nicht zu glauben vermochten, dass sie von Gott geliebt sind. Und somit konnte der Eindruck entstehen, er liebt diese mehr. Aber weil Gott alle liebt, muss Jesus eben diesen Graben überspringen.   Es ist ähnlich wie in einer Familie: Wenn unter zwei Geschwistern eines krank wird, dann werden sich freilich die Eltern besonders um das kranke Kind kümmern, so dass das gesunde Geschwisterkind den Eindruck bekommen könnte: Die lieben den mehr als mich.    

 

3. Es steht doch eigentlich hinter dem Handeln Jesu etwas ganz Wunderbares. Hinter dem Handeln Jesu steht ja Gott. Er ist es, der Jesus antreibt, seine Liebe überall hinzubringen. Das Handeln Jesu offenbart als einen Gott, der den Verlorenen nicht verurteilt, sondern ihm mit Liebe und Sorge nachgeht und nicht eher selbst zur Ruhe kommen kann, bis er ihn gefunden hat. Kann das für unser Leben nicht auch eine wunderbare Bedeutung haben? Ich meine, wir teilen die Gesellschaft heute nicht mehr ein in Unreine und Reine. Aber es gibt doch heute auch tiefe Gefühle von Verlorenheit, von Sinnlosigkeit, von Gottverlassenheit.

 

  • Da ist z.B. jemand, der das Gefühl hat, nicht richtig gelebt zu haben. Seine Ideale hat er schon früh verraten. Obgleich als Christ aufgewachsen, hat er bald den Glauben nicht mehr ernst genommen. Und dann kann es passieren, dass ihm gewahr wird, nicht richtig gelebt zu haben. Es kommt ihm vor, als könne er vor Gott nicht bestehen. Ein solcher Mensch darf nun wissen: Ich bin nicht verloren. Gott selbst wird mich suchen und finden.
  • Da ist jemand, der aufrichtigen Herzens Gott sucht. Aber er   spürt die Vergeblichkeit. Er weiß nicht, wie er es anfangen soll. Und plötzlich geht ihm auf: Nicht ich suche Gott, sondern Gott sucht mich. Ja, noch mehr: Nicht ich finde Gott, sondern Gott hat mich schon längst gefunden. Ich darf in dieser Wahrheit leben. Selbst bei allem Gefühl der Gottferne.
  • Da ist jemand, der hat sich tief in Schuld verstrickt. Er fühlt einen tiefen Graben zwischen Gott und sich. Er glaubt deshalb, Gottes Zorn würde ihn strafen. Und doch könnte vielleicht in einem letzten tiefen Glaubensakt und Vertrauen in ihm die Ahnung aufsteigen, dass Gott gerade diesen Graben auch übersprungen hat, um bei ihm zu sein als sein geliebtes Kind.
  • Da ist jemand, der durch einen Schicksalsschlag oder eine Krankheit oder eine andere Erfahrung von Leid sich nicht mehr vorstellen kann, dass Gott auf seiner Seite steht oder dass es ihn überhaupt gibt. Und doch schafft er es in einer letzten Anstrengung seines Herzens sich durchzuringen zu dem Gebet: Gott, wenn es mir auch scheint, du hättest mich aufgegeben, so will ich versuchen zu glauben, dass du mich suchst und findest.
  • Und vielleicht kann es sogar so sein: Da ist jemand, der aus den genannten Gründen ganz aufgehört hat, an Gott zu glauben, und so sich in einer tiefen Trauer der Sinnlosigkeit des Todes übergibt, ohne ein Licht der Hoffnung gesehen zu haben und ohne zum Glauben gefunden zu haben, ob nicht Gott auch einen solchen findet, weil Gott ein suchender Gott ist, der selbst den Graben des sinnlosen Todes übersprungen hat? Dürfen wir sogar das hoffen?

 

 

4.  Vielleicht sind das alle Beispiele, die den Satz Jesu ganz ernst nehmen und voller Hoffnung annehmen: „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“ Und es kann dann passieren, dass der so Gefundene das Gefühl hat: Gott liebt mich mehr. Und so schließt sich der Kreis zu unserer Diskussion, ob Gott den Verlorenen mehr liebt. 

Franz Langstein

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