10.07.2016

Predigt an Neujahr 2016



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Das eben gehörte Evangelium vom barmherzigen Samariter hat ja – konsequent durchdacht – unheimliche Folgen für uns Denken, unser Bewusstsein, unser Verhalten. Wir sind ja doch von Kindheit an geprägt, dass wir uns in gewissen Gruppierungen, heute würde man sagen „Milieus“, Gemeinschaften, Kulturen, Nationen mehr zu Hause fühlen als in anderen. Wir identifizieren uns mit einer gewissen Kultur, Gruppierung, Milieu. Da fühlen wir uns wohl. Und indem wir das tun, grenzen wir uns, mehr oder weniger bewusst, auch von anderen ab. „Da gehöre ich dazu, da nicht“. Das ist heute kaum anders als zur Zeit Jesu. Da gab es Römer, Griechen, Juden, Sadduzäer, Pharisäer, Samariter usw. – Gruppen, die sich voneinander abgrenzten. Klare Verhältnisse. Natürlich geben solch‘ klare Verhältnisse auch Sicherheit. Ich weiß, wo ich hingehöre, welche Regeln dort gelten, sind Identifikationsrahmen für mein Leben und transportieren gewisse Regeln und ethische Vorstellungen. Aber diese klaren Verhältnisse sorgen auch für Abgrenzungen. „Du gehörst dazu und du nicht“.

 

2. Und nun steht da das Evangelium vom barmherzigen Samariter. Hier wird diese Abgrenzungsmentalität provozierend in Frage gestellt. Ausgerechnet ein Priester und ein Levit, also zwei Kleriker, gehen achtlos an einem Verwundeten vorbei, der da liegt, weil er unter die Räuber geraten war. Der Daliegende gehört nicht zur ihrer Gruppe. Und die Gruppe der Kleriker hat eigene Regeln ausgebildet. Der Tempeldienst hat Vorrang. So eilen sie an dem Verwundeten vorbei schnurstracks zum Tempel. Und kommt da ein Samariter, also einer, der überhaupt nicht zur Gemeinschaft der Juden gehört, und dieser überschreitet die Grenzen des eigenen Milieus, der eigenen Kultur, und hilft dem Daliegenden über alle Maße hinaus.

 

3. Was will Jesus hiermit sagen? Einmal will gesagt sein: Es gibt keine Einteilung der Menschen, die von Vorneherein bestimmt, wem meine Zuneigung zu gelten hat und wem nicht. Weder die Volkszugehörigkeit, noch die Religion, noch die Kultur, noch das Milieu noch die Sprache oder irgendetwas, was ansonsten Menschen voneinander unterscheidet. Warum? Weil in der Sichtweise Jesu der Mensch der Ort Gottes ist. Mit dem Menschen, und gerade mit dem gekreuzigten Menschen, hat sich Gott in Christus verbunden. Wenn Jesus aber genau darauf hinweisen will, dass der Mitmensch der Ort Gottes ist, dann liegt darin ein ungeheurer Anspruch. Der Anspruch nämlich, dass christliches Handeln keine Grenzen kennen darf, keine Ausgrenzung kennen darf. Religiöse oder kulturelle Grenzen fallen. Man kann Gott nicht mehr eingrenzen auf die je eigene Gruppe. Und man darf Gott erst recht nicht ausgrenzen bei den anderen. Wenn wir glauben, dass Gott der Gott aller Menschen ist, dann hat genau diese Erzählung Jesu seine absolute Berechtigung. Der Samariter handelt grenzüberschreitend.

 

4. Aber es muss noch ein Zweites, ebenso Wichtiges gesagt werden: Da ist ja nicht nur der barmherzige Samariter, der alle Grenzen für die Nächstenliebe überschreitet, da sind ja auch die Kleriker, die achtlos an dem Verletzten vorbeigehen. Ihre Haltung ist auch eine kurze Betrachtung wert. Priester und Levit gehören einer bestimmten Gruppe an. Kleriker am Jerusalemer Tempel. Sie wissen, was der Wille Gottes ist. Er ist im Tempelkult und in den Heiligen Schriften zu finden. Das sind ihre festen Überzeugungen. Sie grenzen den Willen Gottes ein auf ihre Gruppe. Sie kommen also gar nicht auf die Idee, in dem Verletzten, der Hilfe braucht, einen Willen Gottes zu erkennen. Und damit geschieht etwas ganz Fatales: Sie grenzen also nicht nur den Verletzten aus – nein, sie grenzen auch den Willen Gottes aus. Sie grenzen Gott selbst damit aus. Gott ist nur nahe in ihrer Gruppe. Außerhalb ihrer ist nur Irrtum, Heidentum, Gottesferne, Dunkel.

 

5. Was ist hier passiert? Man hat diesen Klerikern von Anfang an beigebracht, wie Gott zu verstehen ist. Ihr Glaube weiß über Gott Bescheid. Sie wissen, wo Gott vorkommt und wo nicht. Im Tempel nämlich, nicht auf der Straße. Sie wissen Bescheid über Wahrheit und Irrtum. Aber genau damit grenzen sie Gott ein auf ihr jeweils eigenes Denken und ihre eigene Gruppe. Eine große Gefahr aller Priesterseminare. Ein abgegrenzter und klar definierter Gott widerspricht dem heutigen Evangelium vollkommen. Es gilt offen zu sein für einen Gott der Überraschungen, für einen Gott, der quer zur eigenen Vorstellungen mir nahe sein will, Ansprüche erheben will, Herausforderung darstellt. Es gilt Gott zu befreien, den wir eingesperrt haben in Katechismen, Traditionen und wohlfeile Theologie. Gott ist ein Gott der Überraschungen. Der Wille Gottes begegnet dem Samariter in einem Verletzten. Weil der Samariter offen war für einen Gott, der überrascht. Hingegen begegnet er nicht den Klerikern; sie haben Gott definiert und abgeschlossen. Ihnen fehlt diese Offenheit. Gott hat für sie keine Überraschungen bereit. Sie wissen ja schon alles. Dorothee Sölle hat einmal gesagt, dass diese Geschichte vom barmherzigen Samariter die „antifundamentalistische Geschichte schlechthin“ ist.

 

6. Um zum Schluss zu kommen: Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist für Jesus die Konsequenz aus dem Glauben, dass Gott ein Gott aller Menschen ist und nicht bestimmter Gruppen. Gott und die daraus resultierende Nächstenliebe lassen sich nur universal denken, und somit grenzenlos. Und genau das hat Konsequenzen für unseren Glauben.

Franz Langstein

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