04.09.2016

Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis C16



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Bei dem heutigen Evangelium fällt mir eine Begebenheit ein. Ich war – es ist aber schon lange her – auf einer Hochzeit eingeladen. Mir gegenüber saß ein Mann, der mich – weil er wusste, dass ich Pfarrer war – in ein Gespräch über die Kirche verwickelte und dabei ziemlich übel über die Kirche herzog. Hin und wieder versuchte ich ihm zu widersprechen, was aber nicht gelang. Offensichtlich wollte er mal Dampf ablassen. Irgendwann war es mir zu bunt und ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass ich hier jetzt keine Lust habe, mir das anzuhören. Außerdem sei die Kirche nicht so, wie er sie darstellte. Wenig später stand er auf, verließ den Tisch und rief mir zu: „Herr Pfarrer, eines kann ich ihnen sagen: Sie kriegen mich nicht in ihre Kirche“. Ich rief ihm dann ebenso laut zu: „Machen Sie sich keine Sorgen; wir nehmen nicht jeden.“

 

2. Erst später habe ich mir da ein paar Gedanken gemacht: War das gut von mir? Kann man das sagen: „Wir nehmen nicht jeden“? Sollten wir nicht bemüht sein, jeden zu bekommen? Und dann lese ich das heutige Evangelium: „In jener Zeit, als große Menschenmengen Jesus folgten“. Jesus hätte doch glücklich sein müssen. So viele Leute, die ihm folgten. Stattdessen sagte er zu ihnen: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein leben hasst, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ Und weiter unten heißt es: „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Man hat fast das Gefühl, Jesus legt es darauf an, die Leute zu verprellen. „Ich nehme nicht jeden“. So, als wollte Jesus sagen: „Überlegt euch gut, ob ihr das schafft, mir nachzufolgen. Das ist so ähnlich wie mit jemanden, der einen Turm baut. Auch der muss sich vorher hinsetzen und überlegen, ob er das schafft. Wenn er nämlich anfängt und den Bau nicht fertigstellen kann, werden alle, die es sehen, ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. So könnte es euch auch passieren: ihr wollt mir nachfolgen und schafft es nicht.“ „Ihr wollt Christen sein?!“ und schafft es nicht.

 

3. Spätestens an dieser Stelle merken wir, dass wir das Evangelium nur richtig verstehen können, wenn wir die Zeit berücksichtigen, in der es niedergeschrieben wurde, etwa um 90 nach Christus. D.h. es war einerseits die Zeit, in der sich mehr und mehr Menschen dem Christentum zuwandten mit der Gefahr: Masse statt Klasse, Christentum zu herabgesetzten Preisen, ein Christentum der Nachfolge, die nichts mehr kostet. Auf der anderen Seite gab es aber durchaus auch das Christentum, das verfolgt wurde. In den orientalischen Großfamilien und Sippen war es nicht einfach, sich zum Christentum zu bekennen und dem Glauben der Familie zu widersprechen. Da wurde man oft verstoßen. Die Familie hatte dann den Eindruck: Der mag uns nicht; der übernimmt nicht unsere Traditionen; der hasst uns. Deshalb steht hier das harte Wort μισέω  (hassen). Und oft war das verbunden mit dem Verlust des Besitzes. Enterbung, Verstoßung. „Der kann nicht mein Jünger sein, der nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Wir spüren in diesen Sätzen die Situation der damaligen Zeit heraus. Und wir spüren, dass das oft noch die Situation mancher Christen in der Welt ist, denken Sie an die Christen in Syrien. Also: Auf der einen Seite ein konsequenzloses Massenchristentum, auf der anderen Seite eine Verfolgungssituation, die schwere Entscheidungen abverlangt.  Und genau zwischen diesen beiden Polen hat das Evangelium auch für uns Bedeutung.    

 

4. Wir haben uns in den letzten Jahren wegbewegt von einem Christentum, das man Volkskirche nannte. Es ist nicht mehr das Massenchristentum der vergangenen Jahre. Somit trägt auch die Volkskirche nicht mehr den einzelnen, so wie das früher war. Man wuchs, weil eben alle irgendwie Christen waren, automatisch in die Gebräuche und Gepflogenheiten des Christentums hinein. Ich kenne da ja von mir: Man lernte automatisch das Glaubensbekenntnis, das Ave-Maria, Kreuzzeichen, Vater-unser usw, den Kreuzweg. Das ist heute nicht mehr so. Heute steht der Einzelne vor der Frage: Will ich Christ sein oder nicht? Er steht vor der Frage wie im Evangelium: Will ich den Turm bauen oder nicht? Schaffe ich es, den Turm zu bauen oder nicht? Die Volkskirche nimmt mir diese Entscheidung nicht mehr ab. Ich bin gefragt.

 

Aber worum geht es dabei? Es geht nicht um noch radikaler, also im Sinn von: Noch strenger leben, noch mehr Verzicht, noch mehr beten, noch mehr Verbote. Die Kirche ist keine Gemeinschaft von Menschen, die zuerst aufgrund von Verboten weniger tun dürfen als andere, sondern sie ist zuerst eine Gemeinschaft von Menschen, die mehr tun sollen als andere. Ich frage mich das auch manchmal: Kann ich den Turm zu Ende bauen, den zu bauen ich mit meiner Entscheidung, Priester zu werden, ich begonnen habe? Oder als Kirchengemeinde: Wir haben als Gemeinde einen Auftrag in dieser Welt und in unserem Umfeld und in unserer Stadt; kriegen wir das hin? Wir sehen: Das Evangelium rüttelt auf. Christentum will Klasse, nicht Masse. Keine Wellness-Veranstaltung, sondern Aufgabe und Herausforderung. In Gottes Nähe fühlt man sich nicht immer unbedingt wohl. Gott kann auch Feuer sein – Heiliger Geist – aufrüttelnder Geist – und Gnade.

Franz Langstein

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