01.01.2016

Predigt an Neujahr 2016



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir haben heute Nacht die Schwelle zum Neuen Jahr überschritten. Nun liegt es wieder vor aus – das neue Jahr. Und manchmal wird uns die Frage gestellt oder wir stellen sie selbst an uns: „Was willst du anfangen mit dem neuen Jahr?“ „Wie willst du es gestalten?“ „Was hast du vor? Was sind deine Vorsätze und Vorhaben?“ Ich glaube, dass solche Sätze irgendwo auch ihre Bedeutung und Berechtigung haben. Dennoch fühle ich mich nicht wohl dabei. „Wie willst du das neue Jahr gestalten? Wie willst du dein Leben gestalten?“ Haben wir denn so viel Gestaltungsspielraum? Oder besser gefragt: Haben wir noch so viel Gestaltungsspielraum? Sind nicht die entscheidenden Gestaltungsmöglichkeiten längst entschieden? Welchen Beruf, welchen Wohnort, Familie, Kinder. Das ist doch schon alles entschieden. Für die meisten von uns jedenfalls. Die großen Gestaltungsspielräume, die sich noch dem Heranwachsenden auftun, gibt es für uns nicht mehr. Was also soll das heißen, wenn man sich so wie eine Art Vorsatz fragt: „Was will ich dieses Jahr machen? Wie will ich mein Leben im neuen Jahr gestalten?“ Ja, vielleicht gibt es hier und da ein paar Stellschrauben, die verändert werden könnten: Mehr Freizeit für Familie oder meine Hobbies; mehr Engagement dort, wie ich spüre, da müsste noch mehr getan werden; vielleicht mal ein neues Projekt usw. Aber das sind doch im Großen und Ganzen betrachtet eher nur ein paar Stellschrauben des Lebens, das sich ansonsten nicht viel verändert. Dazu kommt noch, dass das da manchmal wie so ein moralischer Appell rüberkommt: Betrachte dein Leben, was war gut, was hättest du besser machen können. Gerade bei Jahresabschlusspredigten hört man so was ganz gern. Aber die Frage ist doch: Können wir das wirklich beurteilen, was für uns gut oder weniger gut? Kann es nicht sein, dass die Dinge, die wir spontan für schlecht halten, uns doch im Nachhinein gut getan haben? Manche Erkrankung – hat sie nicht geholfen, unser Leben intensiver zu leben? Manche Schuld - hat sie nicht geholfen, dass wir demütiger, barmherziger, verständnisvoller geworden sind? Was heißt hier: Bedenken, was nicht gut war?


2. Nein, das mit dem „Leben gestalten“ ist für mich nicht nur aus dem Grund etwas suspekt, weil es so viel Gestaltungsspielräume nicht mehr gibt, es ist vor allem deshalb auch suspekt, weil doch die Frage durchaus aufgeworfen werden kann: „Haben wir überhaupt die Gestaltungshoheit über unser Leben?“ Ja, vielleicht, aber doch eher begrenzt. Da passieren Dinge, die so nicht geplant waren. Da machen wir Erfahrungen, die wir nicht voraussehen konnten. Da geht die Rechnung der Lebensvorsätze nicht auf, weil wir gewisse Dinge nicht einkalkuliert hatten. Da ereignen sich Schicksale, die nicht gewollt waren. Da muss man umdisponieren, weil sich Dinge ereignet haben, die überhaupt nicht vorhersehbar waren. Kurz: Nicht wir gestalten so sehr das Leben, sondern das Leben gestaltet uns. Mir fällt da einer meiner Lieblingssprüche ein. Er steht nicht in der Bibel, sondern stammt von John Lennon, der 1980 von einem Verrückten erschossen wurde: „Leben ist das, was geschieht, während du eifrig dabei bist, Pläne zu machen.“ Leben ist das, was geschieht! Gerade das nicht Einkalkulierbare, das nicht Vorhersehbare, das nicht Gewollte. Und da sind wir schon mitten im heutigen Evangelium. Leben ist das, was geschieht.


3. „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Leben ist das was geschieht: Gerade bei Maria. Sie bekam ein Kind, von außergewöhnlichen Umständen berichtet die Bibel. Josef wollte Maria verlassen. Die Geburt des Kindes in einem Stall, weil der Kaiser Augustus die Familie zwang, nach Bethlehem zu gehen und dort in der Herberge kein Platz war. Und dann die Hirten, die anbeten. Was gibt es da für Gestaltungsspielräume für Maria? Leben geschieht. „Und Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und sie dachte darüber nach.“


4. Vielleicht ist es genau das, was uns heute am Neujahrstag gesagt sein will: Denke darüber nach, was auch in deinem Leben alles schon an dir geschehen ist, ohne dass du es geplant oder gestaltet oder vorher hättest sehen können. Und wie hat es dein Leben geprägt? Was hat es mit dir und aus dir gemacht? Wie wichtig war dies oder jenes für dich, ohne dass du dessen Bedeutung hättest vorher ahnen können? Maria dachte darüber nach, so heißt es. Wir wissen nicht, zu welchem Ergebnis Maria bei ihrem Nachdenken gekommen ist. Aber sie tat etwas, was damals alle taten und was auch heute noch viele tun, und was vielleicht die beste Antwort sein kann.


5. „Als achte Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus“. Es ist bei vielen Völkern und in vielen Kulturen eine tiefe Ahnung von etwas Größerem in unserem Leben, wenn das Neugeborene in das Heiligtum gebracht wird, um es – wie man das auch immer nennen mag – der göttlichen Dimension des Lebens anzuvertrauen und anheim zu stellen. Du Menschenkind – was immer im Leben geschieht mit dir und an dir, und wie wenig Gestaltungsspielraum du vielleicht selbst hat – vergiss nicht, du bist ein Gott anvertrautes Kind. Nicht du gestaltest so sehr dein Leben, sondern das Leben gestaltet dich und bewahre das alles in deinem Herzen: Vielleicht ist gerade dort, wo du die wenigste Gestaltungsmöglichkeit hast die Gestaltungsmöglichkeit Gottes am größten. Dort, wo du dich am meisten loslassen musst, die liebevolle Führung Gottes am Größten.


6. Vielleicht sollten wir mit diesem Vertrauen Mariens in das neue Jahr gehen: Was immer geschieht, ich bin ein Gott Anvertrauter und ihm Anheimgestellter.

Franz Langstein

  •  
  •  
  •  
 

Kontakt

Katholisches Pfarramt

St. Johannes Evangelist


Ritterstraße 12
35037 Marburg

Tel. 06421-91390

Fax: 06421-913914

Pfarrbüro - Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 8.00 - 12.00 Uhr


Montag, Mittwoch & Donnerstag:

13.30 - 17.30 Uhr



 

Gottesdienste

Samstag 17.30 h Vorabendmesse alle 2. Wochen in St. Jakobus, Wenkbach
Sonntag 11.00 h Heilige Messe
Sonntag 11.00 h Kinderwortgottesdienst im Kirchensälchen, am 2. und 4. Sonntag im Monat (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).


(nicht während der hessischen Schulferien)
Dienstag 8.30 h immer der letzte Dienstag im Monat


Morgengebet mit anschließendem Frühstück im Kirchensälchen (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Donnerstag 9.45 h Heilige Messe im APH St. Elisabeth, Lahnstraße 8 (aktuell findet der Gottesdienst aufgrund von Corona nicht statt!).
Freitag 18.30 h Heilige Messe