30.08.2015

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis B15

Mk 7,1-23 ( )


Liebe Schwestern und Brüder!

1. „In jener Zeit hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf.“ So beginnt das heutige Evangelium. Und man ahnt, was das heißt: Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind von Jerusalem eigens zu Jesus gekommen, um ihn auf seine Gesetzestreue und Rechtgläubigkeit hin zu überprüfen. Zu sehr hat sich bereits seine Popularität herumgesprochen, als dass man das in Jerusalem nicht registriert hätte. Und es dauert auch nicht lange, da haben sie schon etwas entdeckt, was nicht den Vorschriften und Gesetzen entspricht: „Sie sahen, dass einige seine Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?“ Und genau dieser Geist des Kontrollierens, des Verurteilens, des immer schon besser Wissens – denn sie kommen ja nicht, ob Jesus zuzuhören, sondern um ihn abzuhören, ja zu verhören; sie kommen nicht, um offen zu sein für die Botschaft Jesu, sondern sie haben ja bereits die Wahrheit und das Wissen und brauchen sich nicht zu öffnen - genau dieser Geist regt Jesus dermaßen auf, dass er nun ungewöhnlich scharf reagiert: „Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte. Dieses Volk ehrt ich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Die Schriftgelehrten und Pharisäer als Heuchler zu bezeichnen – das ist eine Kampfansage. Und wo verläuft hier die Front? Worum wird gekämpft?


2. Es geht um den immer wieder aufkeimenden Konflikt zwischen Gesetz und Freiheit, Gebot und Gnade, Vorschrift und Barmherzigkeit. Engen nicht die Gesetze unsere Freiheit ein? Gebote halten – widerspricht das nicht der Gnade, die uns auch als Sünder annimmt? Vorschriften halten genügt, wozu muss ich lieben – und wenn ich ein liebendes Herz habe, genügt das nicht? Wozu brauche ich noch Vorschriften? Wir spüren: Dieser Konflikt ist bis heute nicht ausgestanden. Er spielt sich auch im Christentum ab zwischen den rechtskonservativen Christen, die die Einhaltung von Geboten für das Wichtigste halten und den linksliberalen Christen, die die Gnade und Barmherzigkeit betonen.


3. Leider – muss man allerdings sagen – hat im christlichen Kontext das Wort „Gebot“ einen sehr schlechten Ruf. Man kann es kaum mehr benutzen, weil damit oft Einengung, Knechtung, Unterwürfigkeit, Strafe bei Verfehlung verbunden wird und damit auch ein strenges Gottesbild: Gott der Richter, der Aufpasser. Das innere Leben spielt keine Rolle, es geht nur noch um Pflichterfüllung. Gerade ältere Generationen haben das oft noch so gelernt. Entsprechend negativ ist das Wort „Gebot“ gefärbt.


4. Da fällt es schwer, in den Jubel und in den Dank, ja die Begeisterung, einzuschwingen, die im Alten Testament mit dem Wort „Gesetz“ verbunden war. Wir haben es in der ersten Lesung gehört: „Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben. Ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten, auf die ich euch heute verpflichte. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ Bei diesem Verständnis von Gesetzen geht es nicht um Knechtung oder Gängelei, es geht um Weisheit, um Bildung, um Gerechtigkeit. Kurz: „Hört, und ihr werdet leben.“ Es geht um das Leben. Gebote dienen dem Leben. Und wenn ich sie missachte, schade ich dem Leben. Wir können das ja kaum noch nachvollziehen, weil unser Wort „Gesetz“ oft nur im Zusammenhang mit Strafe vorkommt. Der alttestamentliche Mensch hatte da offensichtlich ein anderes Verständnis von Gesetz. Nehmen wir ein Beispiel: Das alte Gebot von der Sonntagspflicht. Schon das Wort „Sonntagspflicht“ ist sehr unglücklich. Ich kann es nun wie eine Art Gängelei verstehen. Ich kann es verstehen als etwas Zwingendes, bei dessen Übertreten ich mich schwer versündigt habe und ohne Beichte mich des ewigen Heils verlustig fürchte. Dann bekommt das Gebot einen absoluten Charakter. Dann halte ich mich dran, weil ich Angst habe vor der Hölle. Dann zwingt mich das Gebot in die Knie. Umgekehrt aber auch: Es hilft mir, stolz zu werden. „Ich halte mich an die Gebote. Ich bin ein super Christ“. Und dann wird es gefährlich: Dann – wenn Christentum zuerst als Lehre von Gesetzen verstanden wird – dann kann ich Menschen einteilen in diejenigen, die sich an die Gesetze halten und jene, die das nicht tun, also einteilen in gut und böse, in fromm und abtrünnig, in rein und unrein, wie es ja die Pharisäer und Schriftgelehrten taten. Aber ich kann das Gebot der Sonntagspflicht auch ganz anders verstehen. Ich kann es verstehen als das, was dem Leben dient, was meinem Leben dient. Dann heißt es: Du, Mensch, du bist mehr als du die ganze Woche von dir wahrzunehmen scheinst: Arbeit, Mühe, Sorge, glückliche Momente, Fragen, Zweifel usw. Das bist du nicht allein. Du bist über all dem berufen zur Gemeinschaft mit Gott, zur Gottesbegegnung, zur Auferstehung. Du bist mehr, als du die Woche über wahrnimmst. Du übersteigst dich selbst. Deshalb nimm dir Zeit für diesen Überstieg. Einmal die Woche. Es gibt wunderbare Zeichen für diesen Überstieg: Brot, Wein, heilige Worte, Gemeinschaft, Lieder, Gebete. Nimm dir Zeit dafür, damit du nicht vergisst, wer du in Wahrheit bist und damit du nicht erstickst an dem, was der Alltag suggeriert. Wir spüren: hier geht es um Weisheit, um Bildung, um Leben. Kurz: „Hört, und ihr werdet leben.“ Ein solches Verständnis von Gebot, das dem Leben dient, eröffnet mir dann auch die Freiheit, dieses Gebot auch mal nicht zu erfüllen, wenn es nicht geht. Denn ich schade nicht dem ewigen Heil, ich muss keine Pluspunkte bei Gott sammeln, ich fühle mich nicht gezwungen. Sondern ich muss allerdings wissen: ich schade auf Dauer nur mir selbst und meinem Leben. Das Gesetz dient dem Menschen, nicht umgekehrt der Mensch dem Gesetz.


5. Das Verhältnis von Gesetz und Freiheit, von Gebot und Gnade, findet seine Erfüllung nicht, indem einer der beiden Pole verabsolutiert wird. Wer nur die Gebote sieht, aber nicht die Gnade, wird ein zwanghafter, skrupulöser Christ. Wer nur die Gnade sieht, aber nicht die Gebote, findet sich wieder in einer Freiheit, die letztlich keinen Sinn und kein Ziel hat und sehr leicht Willkür werden kann. Wir müssen wieder das Lebensdienende aus den Geboten heraushören.


6. Aber – und jetzt kommt ein ganz dickes Aber, das ich jedoch nicht weiter herausarbeiten möchte. Nicht alle Gebote sind so. Es gibt auch Gebote, die aus historischem Kontext erwachsen sind nur neu bedacht werden müssen. Jesus sagt das klipp und klar: „Ihr gebt Gottes Gebote preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.“ Also diese Seite gibt es auch: Dass Gebote aufgrund ihrer Zeitbedingtheit aufgehört haben, dem Leben zu dienen und neue Wege gesucht werden müssten, die heute erforderlich wären.

Franz Langstein

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