29.03.2015

Predigt am Palmsonntag B12

Lesung: Sacharia 9,9 ff

Evangelium: Mk 11,1-10

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Jesus zieht heute in die Stadt Jerusalem ein. Er wird erwartet. Freudig begrüßt ihn die Menge mit Hosanna-Rufen. Ja, er wird erwartet. Indem die Menge ihm entgegen strömt, indem sie ihn jubelnd begrüßen, drückt die Menge diese Erwartungshaltung aus: Du bist der neue König, der Nachfolger Davids. Wie in einem Brennpunkt ist an diesem Tag die ganze Erwartung des Volkes Israel zusammengefasst.


2. Immer wieder sprechen ja die Evangelien von dieser Erwartungshaltung des Volkes. Als Jesus in den Tempel zur Beschneidung gebracht wurde, heißt von dem greisen Simeon: „Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels“. Und als er das Kind in seine Arme nimmt, erkennt er in diesem Jesuskind die Erfüllung seiner Erwartungen: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, denn meine Augen haben das Heil gesehen.“ Die Jünger Jesu haben viel von ihm erwartet, ja alles von ihm erwartet. Sie haben ihr Berufe und Familien verlassen und sind ihm gefolgt. Viele Menschen haben sehr viel von Jesus erwartet: Mach mich gesund; hilf mir; mach mich rein; mach mich sehend; vergib mir. Mit solchen und vielen anderen Bitten traten sie an ihn heran. Und er war ihnen ein Helfer. Und all das, was sich da an Erwartungen aufgebaut hat, verdichtet sich heute beim Einzug in Jerusalem: „Hosanna dem Sohne Davids“.


3. Aber was ist, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden? Was passiert, wenn jemand sich getäuscht und zutiefst enttäuscht fühlt? Das ist so eine Sache – mit den Erwartungen. Diese können ganz gefährlich werden – wenn sie enttäuscht werden; gefährlich für einen selbst, weil Enttäuschungen immer weh tun, aber auch gefährlich für den, auf dem die Erwartungen gerichtet waren. Er bekommt den Zorn und die Wut der Enttäuschten ab. Die Menge erwartet von Christus, dass er die Wunder tut, die er auch in Galiläa getan hat. Die Menge erwartet von Christus, dass er das Königreich Davids aufrichtet. Die Menge erwartet Befreiung, Heil, Hilfe, Glück, Segen, Freiheit. Wir könnten dieses Liste bis in die heutige Generation fortsetzen: Die Menge erwartete von ihm die Ausbreitung des Christentums; bei den Kreuzzügen den Sieg über die Moslems; später den Sieg über die Türken. Wir erwarten von ihm Gesundheit, schönes Wetter, Glück und dass die eigenen Fußballmannschaft gewinnt. Wir erwarten Heilung und ein gutes Gottesgefühl. Durch alle Zeiten. Aber alle diese Erwartungen haben etwas zu tun mit einer bestimmten Gottesvorstellung. Je nachdem, was wir erwarten, wird Gott zu Kriegsgott, zum Wettergott, zum Fußballgott, zum großen Heilungsgott usw. Immer nur wird Gott zu etwas. Immer nur wird klein gemacht und angepasst an unsere Bedürfnisse. Immer nur wird Gott zum Gebrauchsgegenstand. Immer nur wird Gott reduziert auf etwas: Wetter, Gesundheit, Glück.. Das sind seine Zuständigkeiten. Erwartungen an Gott zeugen immer von bestimmten Gottesbildern. Dann ist er eben nur der Fußballgott, nur der Wettergott…


4. Und jetzt verstehen wir, was diese Woche passiert. Christus stirbt ohnmächtig am Kreuz. Er hat keine Macht mehr. Er kann sich nicht mal mehr selbst helfen: „Steig herab vom Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist“, werden sie spotten. Es werden alle Erwartungen und somit alle Gottesbilder zertrümmert. Vielleicht ist in dem Augenblick, an dem Jesus am Kreuz stirbt, das erste der Zehn Gebote erfüllt: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen“. Am Karfreitag sind alle Erwartungen und somit alle Bilder von Gott ausgelöscht. Heilsam ausgelöscht. Denn nur dort, wo der Mensch keine Bilder von Gott mehr hat, kann er Gott lieben. Sonst liebt er ja nicht Gott, sondern nur den Gott, den er sich vorstellt. Er liebt nur den Gott, der seine Erwartungen erfüllt. Und wenn er sie nicht erfüllt? Was dann? Das „Kreuzige ihn“ folgt schnell.


5. Wir müssen im Leben, und zwar in unserem ganzen Leben, durch das, was wir hier in ganz komprimierter Weise feiern: Wir müssen in unserem ganzen Leben immer wieder durch den Palmsonntag, durch den Karfreitag, um zu Ostern zu gelangen. Wir müssen auch jubeln, wie die Menge heute; jeder hat Erwartungen an Gott, gerade wenn er in Not ist. Aber der Mensch muss auch durch den Karfreitag. Er muss durch die enttäuschten Erwartungen. Er muss durch das schmerzhafte Gefühl, sich getäuscht zu haben. Petrus weinte bitterlich, als er Jesus verleugnete. „Ich kenne ihn nicht“. Ja, diesen ohnmächtigen Jesus kannte er nicht mehr. Aber da, wo die Gottesbilder des Menschen zertrümmert werden, da kann es passieren, dass der Mensch sich und Gott loslässt und Gott wirklich zu ahnen und zu lieben beginnt, weil es Gott ist, und nicht, weil er einer Vorstellung von mir entspricht. „Gott, mach mich wieder gesund“. Vielleicht muss da jemand durch den Karfreitag und nicht mehr gesund werden und zutiefst von Gott enttäuscht werden – aber vielleicht ist es nur so möglich, dass dieser Mensch sei Herz so weit macht, dass er Gott umfasst und umgreift als Gott, und nicht als Vorstellung von Gott, und dann in einer tiefen Ahnung von Ewigkeit sich und seine Vorstellung von Gott loslassen kann und ganz gelassen werden in dem Gefühl, in einem großen Geheimnis, das wir uns nicht vorstellen können, geborgen zu sein. Heißt das nun, dass wir von Gott nichts mehr erwarten sollen? Wir sollen mehr als nur etwas erwarten, wir dürfen alles erhoffen.

Franz Langstein

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