28.06.2015

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis B15

Weish 1,13-15; 2,23-24; Mk 5,21-24.35b-43-43


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem, wie wir unsere Welt und unser Umfeld wahrnehmen und dem, wie wir uns deshalb selbst wahrnehmen. Wir denken so von uns, wie wir auch ganz allgemein von der Welt denken, da wir ein Teil der Welt sind. Wie also erleben wir unsere Welt? Wir haben durch die Nachrichten und das Fernsehen die Möglichkeit, in Echtzeit sozusagen sofort zu erfahren, ja fast dabei zu sein, wenn es irgendwo in der Welt eine Katastrophe gibt, oder ein Unglück oder Krieg oder Hungersnöte. Das Schlimme, auch das Böse, der Tod, all das, was sich immer irgendwo auf der Welt ereignet, wird präsent in unseren Wohnzimmern. Das, was eben auch die Welt prägt, Schicksal, Leid und Tod, wird so zu einem prägenden Merkmal auch für uns selbst, da wir ein Teil dieser Welt sind. Der Mensch ist dann in der Gefahr, auch so und nur so von sich zu denken: Ich bin auch des Todes, ausgeliefert den Schicksalsmächten, dem Zufall, vielleicht mal Glück gehabt, vielleicht Pech gehabt, „warum gerade ich?“, „wieso aber auch nicht ich?“. Die Ungerechtigkeit der Welt lässt Resignation aufkommen: „Da kann man sowieso nichts machen, und ich schon gar nicht“, „rette sich wer kann“. Und sowieso: Der Mensch stammt vom Affen ab, ist zufälliges Produkt einer Laune der Natur; und irgendwo am Rande einer unbedeutenden Galaxie angesiedelt. All diese Dinge prägen unser Bewusstsein. All diese Dinge haben schon längst die Frage beantwortet, wer ich eigentlich bin. Wie wir die Welt wahrnehmen, so nehmen wir auch uns war: Nihilistisch, unbedeutend, des Todes.


2. Von daher ist es immer wieder wichtig, dass wir uns auch mal etwas anderes sagen lassen, was wir nicht unbedingt von unserer Welterfahrung her ableiten können. Es muss uns dieses andere immer wieder gesagt werden. Und dann kommt uns dieses andere, weil es so gar nicht von dieser Welt her ableitbar ist, vor wie eine Offenbarung; und zwar wie eine Offenbarung aus einem ganz anderen Raum, dem Menschen zutiefst wertschätzenden Raum, eine Offenbarung aus heiligem Raum. So können wir besonders die erste Lesung verstehen, die wir gehört haben: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde. Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ Das klingt so unglaublich anders, dass man fast geneigt ist zu sagen: „Zu schön, um wahr zu sein“. Das steht so quer zur Erfahrung dessen, wie Menschen – und auch damals zur Zeit der Abfassung dieses Textes – Welt und Leben wahrgenommen haben und somit auch ihr eigenes Leben wahrgenommen haben . Man muss sich solche Texte immer wieder durchlesen, weil sie aus heiligem Raum kommen, von Gott her, und uns eine Wirklichkeit unseres Lebens vermitteln, die wir sonst so leicht vergessen.


3. Ein Beispiel haben wir ja im Evangelium gehört. Hier prallen ja regelrecht diese beiden Sichtweisen aufeinander: Die Vergänglichkeit der Welt mit aller ihrer Trostlosigkeit und ihrem Leid und die Wirklichkeit Gottes, die sich in Jesus zeigt. Da ist Jairus, der Synagogenvorsteher, wie eigens erwähnt wird. Also ein Mann, der wohl Sabbat für Sabbat den Gottesdienst in der Synagoge feiert. Dennoch: Ein Schleier tiefer Trauer und Angst, Resignation und Ausweglosigkeit überschattet die ganze Szenerie. „Meine Tochter liegt im Sterben“. Man hört den Schrecken und die abgrundtiefe Angst aus diesen Worten. Und sie ist berechtigt, denn wenig später kommen Leute und berichten ihm: „Deine Tochter ist gestorben, warum bemühst du den Meister noch länger?“ Und weiter unten heißt es dann noch: Als Jesus in das Haus des Synagogenvorstehers kam, bemerkte er, wie die Leute laut weinten und jammerten. Ja, das ist die Allmacht des Todes. „Deine Tochter ist gestorben, warum bemühst du den Meister noch länger“. Es gibt keinen Grund mehr, den Meister zu bemühen. Am Tod strandet auch die Macht Gottes. Und an dieser Ungerechtigkeit, dass ein Kind so früh sterben muss, strandet auch die Macht Gottes. „Warum bemühst du den Meister noch länger“. Das ist die brutale Realität, mit der sich Menschen abfinden müssen. Das ist die Realität, wie sie ganz präsent ist und klar vor Augen liegt und die wir oft als die einzige ansehen.


4. Und dennoch leuchtet mitten in dieser Szenerie eine andere Realität auf. Es ist die Wirklichkeit Gottes, jene Offenbarung aus heiligem Raum, die in Jesus aufleuchtet. Er steht da mit einer fast schon fremd wirkenden Souveränität: „Deine Tochter ist gestorben, warum bemühst du den Meister noch länger“. Und Jesus? „Sei ohne Furcht, glaube nur“. Und als Jesus in das Haus des Synagogenvorstehers kam, sagt er: „Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus“. Hier prallen fast bis zur Unerträglichkeit diese beiden Sichtweisen aufeinander. Die Sichtweise der Welt, die Sichtweise Gottes. Die einen können über die göttliche Sicht der Dinge nur noch lachen. „Da lachten sie ihn aus“. Jesus bleibt da nichts anderes übrig, als sie rauszuwerfen. „Da warf Jesus sie alle hinaus“. Zu ansteckend ist die Allgegenwart des Todes und des Leids, dass man am Ende tatsächlich zu dem Schluss kommt, Tod und Leid und Schicksal und Zufall sei alles, was unser Leben ausmacht. Dagegen steht Jesus als die menschgewordene Offenbarung Gottes machtvoll im Raum und sagt diese Wirklichkeit Gottes: „Mädchen, ich sage dir, steht auf.“


5. Und am Ende heißt es: „Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.“ Ja, das ist das Entsetzen, wenn die Wirklichkeit Gottes plötzlich einbricht in unser Daseinsverständnis, das sehr oft geprägt ist von der Vergänglichkeit und Zufälligkeit der Welt. Ein heilsames Entsetzen: Könnte es da womöglich nicht doch noch eine andere Art von Wirklichkeit geben, die von Gott kommt und die für uns gilt? Deshalb ist es gut, das wir immer wieder solche Texte hören und sie uns sagen lassen, damit die Wirklichkeit Gottes für unser Leben nicht vergessen wird. Selbst wenn im wirklichen Leben Menschen nicht – wie hier die Tochter des Jairus – vor dem Tod gerettet werden, so haben doch diese Texte genau den Sinn, uns aufzuzeigen, dass es eine Macht der Liebe gibt, der Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. „Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur“. Der Tod als Schlaf, aus dem wir zum ewigen Leben erwachen. Diese Macht hat nur Gott.

Franz Langstein

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