27.09.2015

Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis B15

Mk 9,38-48


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Vor vielen Jahren waren einmal in Kassel die Zeugen Jehovas sehr aktiv. Und meine Mutter hatte sich hin und wieder darüber beklagt, dass die Zeugen Jehovas schon wieder an der Haustür klingelten und sie in ein Glaubensgespräch verwickeln wollten. Ich habe dann mal zu meiner Mutter gesagt: „Lass dich nicht darauf ein. Sag einfach nur: ich habe schon meinen Glauben und einen anderen Glauben will ich nicht. Und wenn sie nicht locker lassen, dann sagst Du eben, ob sie nicht verstanden hätten, dass du deinen Glauben schon hast.“ Das reicht voll und ganz erst mal aus. In der Tat: fürs Erste reicht das. Und es ist gut, wenn jemand das so gewiss sagen kann.


2. Aber wir wissen eben: Leider ist es nicht immer so einfach und nicht immer so gewiss. Kann ich meinen Glauben „haben“, wie ich einen Gegenstand besitze, zum Beispiel eine Fotokamera? Die ist mir gewiss! Ist mir der Glaube auch so im Besitz? Das gilt übrigens für alle drei sogenannten Göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe. Weil dies alles keine Gegenstände sind, habe ich sie nicht so wie Gegenstände. Ich habe mal mehr oder weniger Glaube, mal mehr oder weniger Hoffnung und Liebe. Ja, es gibt Gefährdungen des Glaubens, Verschwinden von Hoffnung, Auslöschen der Liebe.


3. Das heutige Evangelium spricht von diesen Gefährdungen: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Drastische Worte. Sie sind natürlich nicht wörtlich zu nehmen, sondern durch diese drastische Redeweise wird die Gefahr der Verführbarkeit besonders hervorgehoben. Wir sind eben verführbar und manipulierbar, so dass das Kostbarste in uns, Glaube, Hoffnung und Liebe (nicht umsonst heißen sie die göttlichen Tugenden) erlöschen können. Wir haben sie nicht. Sie wachsen in uns, wie eine kostbare Pflanze, langsam heran. Aber der Mensch ist verführbar, so dass diese kostbaren Seiten seiner Seele nicht wachsen können. Damit verkümmert der Mensch. Deshalb diese drastischen Worte: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Und dazu kommt noch, dass das für die damalige Zeit, als die christlichen Gemeinden wie zarte Pflänzchen heranwuchsen, umso wichtiger war, dass die Gläubigen festhielten an ihrem Glauben. Die zahlenmäßigen kleinen christlichen Gemeinden waren vielfältigen Verführungen ausgesetzt: „Spott, Verfolgung, Glaubensunsicherheiten…“ Auch von daher versteht sich noch einmal die Dringlichkeit der Ermahnung: „Wer einen von diesen Kleinen verführt, für den wäre es besser…“


4. Und ich denke, dass wir heute auch ganz ähnlichen Verführungen ausgesetzt sind. Wie viele Menschen, und vor allem auch, wie viele Jugendlichen, können nicht mehr an Gott glauben. Er scheint ihnen nicht mehr plausibel. Wir brauchen Gott nicht. Alles erklärt sich irgendwie, für alles gibt es Mittelchen. Und außerdem haben wir Geld genug, um uns selbst zu helfen und uns ein schönes Leben zu machen. Und damit erlischt im Menschen das, was wir Göttliche Tugend nennen: Glaube, Hoffnung, Liebe. Glaube wird durch Gewissheit und Faktenwissen ersetzt, Hoffnung durch Optimismus, Liebe durch schöne Gefühle, Romantik. Ja, so steht es um uns Menschen. Und deswegen, weil es hier um Wesentliches unseres Lebens geht, geht das heutige Evangelium ebenso scharf weiter: „Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, dann hau sie ab,… wenn dir dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau ihn ab…, wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus, denn es ist besser, verstümmelt in das Reich Gottes zu gelangen, als heil in die Hölle geworfen zu werden“.


5. Spielen wir mal durch, was gemeint sein könnte: „Wenn dir dein Auge Ärgernis gibt…“ Sehen wollen, Gewissheit erlangen durch Sichtbarkeit, das geht im Glauben nicht. Gott ist unsichtbar. Verlass dich nicht auf dein Auge, reiß es heraus. Es taugt für Gott nicht. „Wenn dir deine Hand Ärgernis gibt…“ Die Hoffnung handhaben, berechenbar machen. Das hätten wir gern. Das gilt nicht für die Hoffnung, allein für den Optimismus. Der Optimist hat Zahlen, Statistiken, Wahrscheinlichkeit, die ihn optimistisch stimmen. Hoffnung aber ist was ganz anderes. Hoffnung greift weit aus in den Raum Gottes, in die Möglichkeiten Gottes, in das Vertrauen zu Gott. Da braucht es keine Statistiken, Berechnungen. Da gibt es nichts zu handhaben. Hoffnung braucht die Hand nicht, das Zählen, die Statistik. „Hau sie ab“. „Wenn dein Fuß dir Ärgernis gibt…“ Einen festen Standpunkt haben. Das mag im Leben wichtig sein. Bei Gott taugt er wenig. Wen liebe ich, wenn ich Gott liebe? Meine Vorstellung von Gott? Wen liebe ich, wenn ich Menschen liebe? Mein Idealbild vom Menschen? Der Traummann? Die Traumfrau? Wie schnell kommen Standpunkte ins Wanken, gerade auch bei Gott. Gott kann sich morgen anders erweisen als ich ihn heute noch geliebt habe. Und wie ist es mit der Feindesliebe? Feste Standpunkte kommen schnell ins Schwimmen im Reich Gottes. Sie taugen nicht viel. „Hau deinen Fuß ab“.


6. In der Tat: drastische Worte. Aber nur so wird die Dringlichkeit der Angelegenheit überaus deutlich. Glaube, Hoffnung und Liebe, diese wertvollen Eigenschaften der Seele, sind immer gefährdet. Von außen, aber auch von innen. Wir müssen damit leben, dass Gott nicht sichtbar ist und nicht berechenbar ist und anders ist, als man gerade noch glaubte. Was aber bleibt dann?


7. Was dann wirklich bleibt, ist aber dann tatsächlich ein unumstößlicher Glaube, der sich gerade nicht mehr beirren lässt, weil es nichts mehr gibt, was ihn beirren könnte, denn das Auge ist ja ausgerissen. Eine erfüllende Hoffnung, weil sie auf alle Statistiken verzichtet und allein auf Gottes Möglichkeiten vertraut und eine unauslöschliche Liebe, die nicht zuerst eigene Standpunkte zu verteidigen braucht, sondern die Fähigkeit hat, sich auf andere einzulassen.

Franz Langstein

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