25.01.2015

Predigt am Fest „Bekehrung des hl. Apostels Paulus“

Lesung: Apg 22,1a.3-16


Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir begehen heute das Fest der Bekehrung des Apostels Paulus. Und ich möchte aus dem Bericht darüber, den wir in der ersten Lesung gehört haben, nur einen Aspekt herausgreifen, von dem ich denke, dass er uns heute viel zu sagen hat. Zunächst einmal ist der Begriff „Bekehrung“ etwas fragwürdig. Paulus liebte den Gott Israels. Vor seiner Bekehrung war Saulus, wie er hieß, bestimmt nicht gottlos, im Gegenteil: Er war ein Eiferer für den jüdischen Glauben, für das Gesetz seiner Väter. Er verteidigte diesen Glaube. Auch wenn vieles am Eifer des Paulus unvollkommen, ja verkehrt war: Im Grunde seines Herzens liebte und suchte er Gott. Das Gesetz, das Gott dem Volk Israel durch Mose gegeben hatte, war für ihn die lebendige Weisung des Herrn. Es war nicht nur sein Glaubensfundament, es war sein Lebensfundament. Um zu Gott zu finden, muss sich der Mensch an die Gebote und Vorschriften halten. So dachte er nicht nur von sich, sondern so dachte er auch von Gott: Man ehrt Gott, indem man die Gesetze hochachtete. Paulus sagte später selbst einmal von sich: „Ich war ein Pharisäer untern Pharisäern.“


2. Das also, was wir mit „Bekehrung des Apostels Paulus“ bezeichnen, war eigentlich keine Bekehrung, es war ein Zusammenbruch dieses Lebensfundamentes und dieses Glaubensgebäudes. Das, was ihm vorher Halt und Sinn und Glauben an Gott ermöglicht hatte, nämlich das penible Einhalten von Vorschriften, das krachte wir ein Kartenhaus zusammen. Denn das Christentum bekennt: Nicht durch das Gesetz, sondern durch die rettende Christi wird der Mensch gerettet. So krachte für Paulus auch eine bestimmte Vorstellung von Gott zusammen. Paulus gibt Zeugnis davon:


3. „Ich zog nach Damaskus, um dort ebenfalls die Anhänger der neuen Lehre zu fesseln und zur Bestrafung nach Jerusalem zu bringen. Als ich nun unterwegs war und mich Damaskus näherte, da geschah es, dass mich um die Mittagszeit plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. … Da ich aber vom Glanz jenes Lichtes geblendet war, so dass ich nicht mehr sehen konnte, wurde ich von meinen Begleitern an der Hand geführt.“ In der Übergangszeit von der alten Gottesvorstellung zum neuen Glauben ist Paulus erblindet. Er sieht nichts mehr. Das ist sicherlich vor allem auch innerlich zu verstehen: Er sieht Gott nicht mehr, nämlich seinen Gott. Der ist weggebrochen. Denn seine alte Gottesvorstellung hat sich soeben vollkommen aufgelöst, und die neue war noch nicht. Er ist in dieser Phase blind für Gott.


4. Das ist ein ganz wesentlicher des christlichen Glaubens. Wir erleben das immer wieder, bei anderen oder vielleicht auch im eigenen Leben: Da tragen plötzlich alte Glaubensüberzeugungen nicht mehr; da werden plötzlich bestimmte Gottesvorstellungen hinterfragt und entpuppen sich als nicht mehr überzeugend. Das gilt vor allen für die Phase vom Kinderglauben zu einem Erwachsenenglauben. Das gilt aber auch im Alter, wenn durch Krankheit und Sterben Lebensfundamente zusammenstürzen. Da gehen mitunter auch Gottesvorstellungen verloren; eine andere Gottesvorstellung ist noch nicht in Sicht. Der Mensch wird blind für Gott. Er fällt ihm schwer, noch glauben zu können. Meister Eckhard spricht in dem Zusammenhang von der „Vernichtung Gottes“. Und unser christlicher Glaube kennt die Heilige Nacht. Was uns weh tut, ist vielleicht in Wahrheit eine große Bekehrung, eine neue Hinkehr zu Gott, die sich aber über Jahre hinziehen kann.


5. Dürfen wir vielleicht soweit gehen und sagen: Was für das Leben des Einzelnen gilt, kann auch für ganze Generationen, ja für Geschichtsepochen gelten? Kann es nicht auch sein, dass ganze Epochen blind werden für Gott, weil alte Glaubensüberzeugungen nicht mehr tragen? Können wir heute noch so leichtfertig sagen, Gott wirkt Wunder angesichts dessen, dass die Naturwissenschaften so vieles erklären können, was früher göttlicher Macht zugeschrieben wurde? Können wir heute noch sagen, Gott steht den Notleidenden bei - nach der Katastrophe von Auschwitz? Können wir heute noch sagen, Gott hat die Welt, so wie es in der Bibel steht, erschaffen angesichts der Evolutionstheorie? Können wir heute noch sagen, die katholische Kirche ist die allein seligmachende, die allein die ganze Wahrheit besitzt angesichts eines konfessionellen und religiösen Pluralismus. Man könnte die Liste früherer Glaubensgewissheiten immer weiter schreiben. Sie sehen: Vieles trägt nicht mehr, ist zusammengebrochen. Und leben wir - wie Paulus – angesichts des Zusammenbruchs von Glaubensgewissheiten und Gottesvorstellungen jetzt nicht in einer Phase der Gottesblindheit? Das alte trägt nicht mehr – das Neue ist noch nicht so richtig in Sicht. Gottesblindheit ist die Folge. Die Klage unserer Zeit, dass die Menschen Gott verloren haben, beklagt ja nichts anderes als diese Gottesblindheit. Ich frage mich nur, ob diese Gottesblindheit unserer Zeit nicht die logische Folge des Zusammenstürzens alter Glaubensüberzeugungen ist – wie bei Paulus. Ob also unsere Zeit nicht wie Paulus eine ganz große Bekehrung erlebt zu etwas Neuem, was noch nicht in Sicht ist und – leider – so muss man bedauern, auch in der Kirche überwiegend nicht erkannt wird. (Wer redet denn schon über Gottesblindheit. Wenn dann doch nur so, als ob das schwere Sünde wäre. Heute sponsert man ein Halleluja-Christentum, Weltjugendtage, da gibt es eine große Gruppe in unserer Kirche, die nennt sich „Freude am Glauben“, allein die Freude merkt man diesen verbissenen Christen nicht an. Zweifel darf es nicht geben. Wir spielen heile Glaubenswelt). Klammer zu!


6. Diese Gottesblindheit ruft aber zwei Reaktionen hervor. Die eine ist, dass man sich Ersatzlichter schafft, die die Blindheit überwinden sollen. Grelles Licht, schrilles lärmendes Geklitzer soll dem Leben wieder Glamour geben. Hell strahlende Ersatzgötter lassen die Gottesblindheit schnell vergessen und lassen Gott endgültig vergessen. Wehe, wenn einer mal den Stecker zieht. Eine andere Reaktion ist die, dass man zurück will zu den alten Glaubensgewissheiten. Alte Zeiten in der Kirche werden verklärt. Man ist nicht bereit, den Bekehrungsprozess durchzustehen und da hindurch zu gehen. Man will die Blindheit für das Neue nicht wahrhaben, deshalb verteufelt man das Neue. Es ist eben schwer, die Gottesblindheit auszuhalten. Die Stunde der Fundamentalisten hat geschlagen.


7. Dabei ist sie für die Läuterung des christlichen Glaubens notwendig. Wir können nicht zu Gott kommen, ohne Phasen der Blindheit zu durchleiden. Das hat auch Paulus erlebt. Ein kleiner, aber wesentlicher Aspekt, kann hier noch aufmunternd wirken: Paulus erzählt von seinem Bekehrungserlebnis: „Da ich aber vom Glanz jenes Lichtes geblendet war, so dass ich nicht mehr sehen konnte…“ - Geblendet von jenem Licht. – Da drängt sich der Vergleich mit der Sonne auf. Wir können niemals die Sonne direkt anschauen; wir würden sofort erblinden. Das gilt auch für Gott. Wir können nie direkt Gott anschauen. Wir müssen damit leben, auch schmerzvoll damit leben, dass zu aller Gottsuche immer auch Phasen des Erblindens dazu gehören. Denn es gibt eine Glaubensblindheit, die nicht daher kommt, dass wir den Glauben an Gott verloren haben, sondern daher kommt, dass Gott uns mit seinem hellen Licht angestrahlt hat.

Franz Langstein

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