24.12.2015

Predigt in der Heiligen Nacht 2015



Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es gehört zu den schönen Selbstverständlichkeiten unseres Weihnachtsfestes, dass es da doch immer irgendwo eine Krippendarstellung gibt. Maria und Josef, geschart um das Kind in der Krippe. Vielleicht noch einige Hirten dabei, Ochs und Esel – ach ja: und die Engel dürfen auch nicht fehlen, jene lieblichen Gestalten, von denen so viel Behütetsein ausgeht. Bei uns hier in der Kugelkirche freilich konzentriert sich die Krippendarstellung auf die Hauptpersonen: Maria und Josef und das Jesus-Kind. Und noch ein Flöte spielender Hirtenjunge. Diese Krippendarstellungen sind uns ein ganz vertrautes Bild.


2. Und dieses Bild hat sich uns eingeprägt. Tief in unsre Seele, in unser Denken, in unser Empfinden. Dort bleibt es wirkmächtig. Die Krippendarstellung ist ein Bild, über das wir einiges zu erzählen wissen. Schon in früher Kindheit haben wir davon gehört und die damit verbundene Geschichte aufgesogen. Da war die Rede von Maria und Josef. Arm waren sie. Ehrliche Leute. Friedliche Leute. Maria erwartete ein Kind – schon bald. Und dann war da der Kaiser Augustus. Der hat eine Volkszählung angeordnet. So musste die hochschwangere Maria mit Josef aufbrechen – nach Betlehem. Und dann die Herbergssuche. Das haben wir doch als Kinder nicht nur gehört – wir haben die Herbergssuche oft genug selbst nachgespielt. Erinnern wir uns noch an dieses oder ähnliche Lieder: „Wer klopfet an gebt uns Herberg - heut! O durch Gottes Lieb wir bitten, öffnet uns doch eure Hütten » «O nein, nein, nein!« »O lasset uns doch ein!« »Es kann nicht sein.« »Wir wollen dankbar sein.« »Nein, nein, nein, es kann nicht sein. Da geht nur fort, ihr kommt nicht rein.«“ Oder in der dritten Strophe: Der Wirt: »Was weinet ihr?« »Vor Kält erstarren wir.« »Wer kann dafür?« »O gebt uns doch Quartier! Überall sind wir verstoßen, jedes Tor ist uns verschlossen!« »So bleibt halt drauß!« »O öffnet uns das Haus!« »Da wird nichts draus.« »Zeigt uns ein andres Haus.« »Dort geht hin zur nächsten Tür! Ich hab nicht Platz, geht nur von hier!«


3. Ja, das was wir da als Kinder nachgespielt haben und was wir unsere eigene Kinder auch spielen lassen – die Herbergssuche und die Krippendarstellung, das hat sich uns eingebrannt. Wir empfanden Mitleid mit Maria und Josef, gerade mit Maria, die doch gleich ihr Kind erwartete. Und wir empfanden Wut auf die hartherzigen Menschen in Betlehem, die so kalt und abweisend waren, dass wir uns diese Unmenschlichkeit kaum vorstellen konnten. Ein Viehstall wurde ihnen zugewiesen. Mehr Platz war nicht – weil im Herzen der Menschen kein Platz war. Ja, so haben wir empfunden: Mitleid mit Maria und Josef – Wut auf die Hartherzigkeit der Leute aus Betlehem. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Herbergssuche wirklich historisch so war. Das ist auch nicht entscheidend. Uns war diese Geschichte prägend, so wie sie von der Tradition uns überlieferte wurde. Und manchmal hat Tradition allein deshalb schon ihre Bedeutung, weil Werte überliefert wurden, weil Grundeinstellungen weitergegeben werden, ohne die unser Zusammenleben ärmer wäre.


4. Und eine dieser Grundeinstellung war doch genau dies: Mitleid mit den Herbergssuchenden, Wut gegenüber den Hartherzigen. Wir hätten es als Kinder bestimmt anders gemacht. Wir hätten sofort Maria und Josef aufgenommen. Nein, mit den Hartherzigen wollten wir nichts zu schaffen haben. Ja, so hat sich dieses Bild der Krippendarstellung uns eingebrannt. Bis heute.


5. Die Krippendarstellung hat uns geprägt. Wir empfinden Mitleid mit den Herbergssuchenden. Bis heute. Die vielen Flüchtlinge, die unvorstellbar weite und gefahrvolle Wege gingen. Von Syrien bis hierher, von Eritrea, von Äthiopien, von Afghanistan oder Irak. Herbergssuche. Und wir empfanden Wut mit den Hartherzigen, die Maria und Josef abgewiesen haben. Den Herbergssuchenden unserer Tage geht es nicht anders: Abgewiesen in Ungarn, abgewiesen in Polen, einem Land, das sich katholisch dünkt. An wie viel Türen müssen heute Herbergssuchende anklopfen? Es hat sich zu damals nicht viel verändert. »Vor Kält erstarren wir.« »Wer kann dafür?« »O gebt uns doch Quartier! Überall sind wir verstoßen, jedes Tor ist uns verschlossen!« »So bleibt halt drauß!« »O öffnet uns das Haus!« »Da wird nichts draus.« »Zeigt uns ein andres Haus.« »Dort geht hin zur nächsten Tür! Ich hab nicht Platz, geht nur von hier!«


6. Und als Kinder haben wir uns danach gesehnt: Gibt es denn niemand, der diesen armen Paar, Maria und Josef, die Tür öffnet? Und was wären wir froh gewesen, wenn es so gekommen wäre. Und jetzt öffnen wir, Deutschland, die Tür. Ganz weit. Für manche zu weit. Aber war es nicht unser Sehnen als Kinder, dass doch so etwas wie Abweisung eines armen Paares nie wieder geben sollte? Jetzt sind wir die Bewohner von Betlehem, und viele Herbergssuchende kommen zu uns. Wir haben eine zweite Chance bekommen.


7. Und hätten die Menschen von Betlehem damals gewusst, dass sie den Sohn Gottes aufnehmen, hätten sie dann nicht die Türen geöffnet? Vielleicht nehmen wir auch den Gottessohn auf. Wer weiß es denn schon so genau?


8. Und dann stehen wir vor der Krippe. Heute Nacht. Und in uns werden die alten Geschichten lebendig von der Herbergssuche, von dem Stall. Wir spüren den Atem von Ochs und Esel, der angeblich das Kind gewärmt haben soll. – Heute tut es in den Zelten ein Wärmestrahler. Und wir spüren unsere alten kindlichen Gefühle wie Liebe, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Aufnahme und Annahme von Menschen, die dies benötigen. Und wenn wir so vor der Krippe stehen – vielleicht kommt uns dann in den Sinn: ist Gott nicht vielleicht gerade deshalb als kleines wehrloses Kind in die Welt gekommen, schutzbedürftig und liebesbedürftig, um das Kostbarste in uns zu entfachen: Nämlich unsere Liebesfähigkeit? Die Fähigkeit des Menschen, Gott zu lieben und den Menschen zu lieben?^Beides gehört zusammen. Untrennbar. Lassen wir dies, wenn wir vor der Krippe stehen, in uns neu entfachen. So ist das Bild von der Krippe ein prägender, tief in der Seele sitzender Traum von Liebe und Nächstenliebe, damit die Welt wärmer und heller würde. Und wo dieses Bild mehr und mehr in unserer Gesellschaft fehlt, muss man sich fragen, ob es irgendwo ähnlich wirkmächtige Bilder gibt, die uns so viel Wärme schenkten? Oder ob nicht mit dem Verlust des Weihnachtsgeheimnisses etwas ganz Fundamentales für unser Leben verloren geht? Vielleicht hat unsere säkulare Gesellschaft dem Christentum doch viel mehr zu verdanken, als sie selbst es wahrhaben will.

Franz Langstein

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